Ein kleines Städtchen im Norden Italiens mischt derzeit die Serie A auf. Und mittendrin: Nati-Star Remo Freuler. Mit Atalanta Bergamo ist der 27-Jährige seit 13 Spielen ungeschlagen, dank des 2:1 gegen Genua am Samstag verteidigte sein Team Platz 4. Noch nie haben die Norditaliener Champions League gespielt, jetzt fehlen noch zwei Runden.

Vermutlich genügt ein Sieg, denn Bergamo hat ein deutlich besseres Torverhältnis als die hinter ihm liegenden Traditionsklubs AC Milan und AS Roma. Der Fussball ist gerade dabei, ein weiteres Märchen zu schreiben.

Aber das ist längst noch nicht alles. Freuler könnte heute mit einem Sieg zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte die Coppa Italia gewinnen. 56 Jahre sind vergangen seit dem bisher einzigen Cupsieg der Lombarden. Und jetzt also die nächste Chance. Das grosse Spiel gegen Lazio in Rom. Freuler ist bei Atalanta nicht irgendein Mitläufer. Er ist unbestrittene Stammkraft, zuletzt gegen Genua übernahm er vom gesperrten Captain, Papu Gomez, die Binde.

Qualitäten früh erkannt

Die lokale Presse nennt ihn «Iceman». Wegen seines ernsten Blicks, seiner blauen Augen. Längst sollen grössere Teams ihre Fühler nach ihm ausgestreckt haben. Von Milan war die Rede, um Valencia, Lazio und die Roma gab es ebenfalls Gerüchte.

Endlich, muss man sagen. Vladimir Petkovic hat Freulers Qualitäten früher erkannt und ihn seit Sommer 2017 regelmässig für die Nationalmannschaft aufgeboten. Aber erstaunlich ist es nicht, dass bei Freuler alles ein bisschen länger dauert als bei anderen. Er fällt nicht auf, er bleibt länger unter dem Radar als andere, die weniger können. Doch wer ist dieser unscheinbare Fussball-Profi?

Auch in der Nationalmannschaft erfolgreich: Remo Freuler.

Auch in der Nationalmannschaft erfolgreich: Remo Freuler.

Die kleinste Trainingsgruppe umfasst einen Spieler

Natürlich erinnere er sich an Remo Freuler sagt Heinz Kohler und lacht am Telefon. Während vier Jahren war Kohler beim FC Hinwil Trainer von Klein Remo. «Er kam mit seinem zwei Jahre älteren Bruder und wir haben die beiden immer gleich zusammen eine Stufe hochgenommen. Remo war immerder Jüngste und der Kleinste, darum nannten wir ihn Mini», erinnert sich Kohler.

Zusammen mit Heinz Russheim, der heute Leiter der FCZ-Academy ist, hat Kohler im Zürcher Oberland angefangen regelmässige Trainings für Junioren anzubieten. Was damals schon allen auffällt, seinen Trainern, den Teamkollegen, den Eltern: So klein er auch war, Remo wollte immer gewinnen.

«Er war sackehrgeizig und lernwillig wie verrückt», sagt Russheim. Er erinnert sich an Trainings in Frühlings- und Herbstferien, freiwillige Trainings. Bei schlechtem Wetter kam kein Schwein. Ausser Remo Freuler. «Wenn mich heute Nachwuchstrainer fragen, ob es Sinn mache, nur mit drei Spielern zu trainieren, sage ich: Die kleinste Trainingsgruppe umfasst einen Spieler. Das geht auf Remo zurück», erinnert sich Russheim. Schiessen, passen, Bälle kontrollieren – Freuler hat alles mitgemacht. Bis zum Umfallen. Allein.

Das Ziel Profi war schon früh klar

Denn eines war für ihn schon immer irgendwie klar: Ich werde Fussball-Profi. Kohler erinnert sich an die Konfirmation seiner Tochter: «Da mussten sie alle nach vorne treten und etwas über sich sagen. Auch Remo war dabei. Er stand auf, sagte: ‹Ich bin Remo Freuler und will FussballProfi werden.› Dann setzte er sich wieder hin und gut war.»

Die Episode ist typisch für Freuler. Er ist kein Mann der grossen Worte, keiner, der sich in den Vordergrund drängt, kein Blender. Interviews mit ihm gibt es nur wenige, Berichte ebenso. Denn Freuler mag zwar ein exzellenter Fussballer sein, aber das Rampenlicht behagt ihm nicht.

Nach Hinwil führte ihn der Weg via Winterthur zu GC, Luzern und vor rund dreieinhalb Jahren nun zu Atalanta Bergamo in die Serie A. Aus dem Stürmer, der bei den Junioren fast alle Tore für sein Team schoss, wurde ein stiller Schaffer, ein Mann, der die Fäden im defensiven Mittelfeld zieht, der Räume erkennt, Unaufmerksamkeiten beim Gegner blitzschnell ausnützen kann.

Ein Sieg fehlt noch, um sich im 120 000-Seelen-Städtlein Bergamo unsterblich zu machen. «Lazio liegt ihnen, sie haben ein solches Hoch, da müsste einiges schiefgehen», sagt Remo Freulers Vater Marcel. Heute Vormittag reist er mit Remos Mutter Sabine und dessen Bruder Dario nach Rom. Im Hause Freuler ist heute Feiertag. Es fehlt nur noch der Sieg von Remo.