Die Engländer glauben, der beste Nachbar bleibt der, den man von Weitem grüsst. Bei Timo Meier blieb der Nachbar nicht auf Distanz. Halleluja! Denn wer weiss: Vielleicht würde Timo Meier jetzt in einem anonymen Büro sitzen statt die beste Eishockey-Liga der Welt aufzumischen, wenn seine Eltern Mitte der 90er-Jahre nicht in dieses Reihenhaus in Herisau gezogen wären.

Der Nachbar, das war Roger Nater. Heute 53. Damals über Jahre der beste Schweizer Stürmer und Captain beim SC Herisau. Mehrmals hatte er die Möglichkeit, in die Nationalliga A zu wechseln. Aber Nater blieb. Und so passt es zu seiner Geschichte, dass er ausgerechnet ein Jahr, bevor die Appenzeller 1997 sensationell in die NLA aufgestiegen sind, als Spieler zurücktrat. Aber das ist eine andere Geschichte. Und hat Naters Ansehen im Dorf mit den knapp 16 000 Einwohnern nicht geschadet.

Nater ist Eishockey. Und er hat zwei Söhne, der jüngere, Jens, kommt ein Jahr vor Timo Meier zur Welt. «Timo und meine beiden Jungs waren Tag und Nacht draussen, um Hockey zu spielen», erzählt Nater. «Es gab Zeiten, da mussten wir jede Woche ein neues Tor besorgen, weil die Buben spielten, als ginge es um den WM-Titel.»

Als Timo Meier mit Eishockey begann, war der SC Herisau nicht mehr das Pendant zu Asterix & Obelix, nicht mehr der trotzige, aufmüpfige Klub aus dem schnuckligen Appenzellerland. Durch den Konkurs und den Rückzug in die 2. Liga verlor er auch ein Stück weit den Stolz.

Immerhin: Roger Nater liess nicht locker. Er blieb an der Bande, gab dem Klub als Trainer wenigstens ein wenig Halt. Und weil mit Markus Bachschmied ein anderer Hockeyheld aus der Vergangenheit – Aufstiegsgoalie in Herisau und 1990 Schweizer Meister mit Lugano – das Präsidium übernahm, ging der Mut trotz erdrückender Schuldenlast nie ganz verloren.

«Für Timo und ein paar andere in seinem Alter hat es nur Eishockey gegeben. Deshalb haben wir entschieden, uns der Sportschule Appenzellerland anzuschliessen, um die Spieler effizienter zu fördern», erzählt Bachschmied.

Trainer der Gruppe der Willigen und Begabten im Alter zwischen 10 und 13: Roger Nater. Er sagt: «Das war eine Equipe vom Feinsten. Mit dabei auch Kevin Fiala, der wie Timo heute in der NHL spielt. Neben dem Mannschaftstraining haben wir jeweils zweimal pro Woche morgens um sechs trainiert. Während das Dorf noch schlief, sind die Jungs mit der Stirnlampe auf dem Kopf zur Eishalle marschiert. Aber glauben Sie mir: Wenn ich um sechs das Eis betrat, war ich immer der Letzte. Und nach dem Training ging es für die Jungs gleich zur Schule. Die Lehrer sagten, die Hockeyaner seien jeweils die fittesten im Kopf gewesen.»

Holz fressen

Nater arbeitet heute als Teamleiter bei den Sozialversicherungen Appenzell Ausserrhoden und trainiert den viertklassigen SC Rheintal. «Mit zehn, elf sieht man, wer will. Talent haben viele. Aber der Charakter entscheidet, ob man im Hockey Karriere macht. Man muss schon als junger Spieler hart und ehrlich zu sich selbst sein. Wir sagen: Man muss Holz fressen können. Das können aber nicht viele. Etliche zerbrechen daran. Aber nicht Timo Meier. Den kannst du zusammenfalten, in die Ecke stellen. Ist ihm wurstegal. Der macht einfach weiter. Immer Vollgas. Er lässt sich nie zur Sau machen. Bei Timo gibts kein links, kein rechts, nur geradeaus.» Es ist die Gradlinigkeit, seine unerschrockene, ruppige Spielweise, für die er in Nordamerika bewundert wird.

Umso mehr, als Schweizer Spieler in der besten Liga der Welt lange Zeit als mimosenhaft verspottet wurden. Michel Riesen, 1997 der erste Schweizer Erstrunden-Draft, nannten sie «Swiss Miss». Meiers erster Trainer in Übersee, Dominique Ducharme, sagt: «Timo hat die Wucht eines Zuges.»

Für die Spieler-Generation der Bachschmieds und Naters war die NHL wie Jim Knopfs Lummerland. Ein Sehnsuchtsort, eine faszinierende, aber fiktive Insel. Bachschmied erzählt: «Als wir Junioren waren, hat uns Marcel Kull (heute Goalietrainer in Davos; die Red.) am Chlausabend ein Spiel aus der NHL gezeigt. Das war die Attraktion schlechthin. Denn das war übers ganze Jahr das einzige Mal, wo das Fenster nach Nordamerika einen Spalt weit aufgemacht wurde. Heute können die Jungen nach Belieben NHL-Hockey gucken.»

Heute ist die NHL für die Jungen keine Fantasiewelt mehr, sondern ein Ziel. «Jedes Wochenende erlebte ich die gleiche Episode» sagt Nater. «Timo vom Eis zu holen, war fast nicht möglich. Manchmal habe ich mir gewünscht, ich hätte ein Lasso dabei. Er hat schlicht nicht begreifen wollen, dass man wechseln muss. Und wenn er doch mal auf die Bank kam, hat er rumgemeckert. Nicht negativ. Aber er wusste halt, dass er auf dem Eis mehr bewirken kann als auf der Bank. Letzthin habe ich mal darauf geachtet, wie viel Eiszeit er bei San Jose erhält. 17 Minuten. Das ist für die NHL ein hoher Wert. Aber ich bin überzeugt, dass Timo damit nicht zufrieden ist. Er denkt bestimmt: Es könnten auch 21 Minuten sein.»

Meiers erster Standard-Vertrag, der ihm während dreier Jahre 925 000 US-Dollar pro Saison garantiert, läuft im Frühsommer aus. Seine Verhandlungsposition ist aber überragend. Allein, weil er mit 30 Toren und 36 Assists in der internen Skorerliste der San Jose Sharks an vierter Position liegt. Und das mit erst 22 Jahren. Der nächste Vertrag, so schätzen Szenekenner, dürfte total gegen 20 Millionen Dollar dotiert sein. «Wahnsinn», sagt Bachschmied.

«Erst recht, wenn man sieht, wie unbeeindruckt Timo auf den Hype reagiert. Wenn er im Sommer hier ist, nimmt er sich für jeden Zeit und geht mit den Junioren auch mal aufs Eis.» Und Nater sagt: «Ruhm und Geld haben ihn nicht verändert. Er begegnet allen mit Respekt. Wenn ich ihm heute eine SMS schicke mit der Bitte, ein Sharks-Cap für meinen Göttibub zu signieren, habe ich es in der nächsten Woche im Briefkasten. Er hat nicht vergessen, woher er kommt. Letzte Woche waren vier Herisauer Kumpels in San Jose. Und diese Woche ist mein Sohn Jens rüber. Für Timo ist es selbstverständlich, dass er die Freunde bei sich zu Hause aufnimmt.»

Das ist Timo – unerschütterlich

Schon mit 13 ist Timo Meier zu gut für Herisau. Er wechselt zu den Pikes Oberthurgau, einen der besten Ausbildungsklubs des Landes. Die Anzahl Trainings pro Woche verdoppelt sich auf acht bis zehn Einheiten. Für Meier bedeutet das: In aller Herrgottsfrühe aus dem Bett, 30 Minuten Zugfahrt nach Romanshorn, um 7.30 Uhr auf dem Eis stehen, danach in die Sport-Sek nach Kreuzlingen, nach der Schule wieder nach Romanshorn ins Training – zu Hause in Herisau war er jeweils gegen 22 Uhr.

Christian Rüegg war sein Trainer bei den Pikes. Ein kompromissloser Ausbildner. «Bei uns herrschte keine Wohlfühloase», sagt Rüegg. «Denn es ging darum, die Jungs auf ein höheres Niveau zu heben. Das passiert nicht, wenn man sich mit Wattebäuschen bewirft.» Rüegg hat in seiner langen Laufbahn etliche Spieler gesehen, die talentierter waren als Meier.

«Wenn vor acht Jahren jemand prophezeit hätte, Timo würde in der NHL eine grosse Nummer werden, hätte ich ihn für unzurechnungsfähig gehalten. Denn physisch und läuferisch war da noch viel Luft nach oben. Aber Timo hatte eine unglaubliche Leistungsbereitschaft. Er nutzte jede Minute, um sich zu verbessern. Bei ihm war immer Freude und Spass auszumachen, egal wie hart das Training war. Und Timo ist sich für nichts zu schade. Selbst als Top-10-Draft musste er sich im Farmteam der San Jose Sharks erst in der vierten Sturmlinie eingliedern. Sich in diesem Umfeld hochzuarbeiten, bedeutet, dass man sich täglich beweisen muss. Aber er hat es geschafft. Denn das ist Timo: unermüdlich, unerschütterlich. Deshalb kommt er auch heute, als NHL-Star, jeden Sommer zu mir nach Kreuzlingen ins Training. Während es andere Spieler gemütlich nehmen.»

Charly Meier, Timos Vater, hat sich nicht für Eishockey interessiert. Die legendäre Tollhaus-Party 1997 im Sportzentrum, als Herisau gegen GC in die NLA aufstieg, war sein zweites Eishockeyspiel überhaupt, das er live verfolgte. Doch der Leidenschaft des Sohnes wollte er sich nicht verwehren. Irgendwann hiess es: Wo du doch die ganze Zeit in der Eishalle hockst, kannst du auch gleich die Administration für die Herisauer Junioren machen. Meier, von Beruf Qualitätsmanager, sagt zu.

Schläger zertrümmern verboten

Es sind Tausende von Kilometern, quer durch die Schweiz, die er mit seinem Sohn zurücklegt. «Zwei Dinge waren mir besonders wichtig», sagt Charly Meier. «Erstens: Vor dem Sport kommt die Ausbildung. Das tönt vielleicht etwas bünzlig. Aber so sind wir eben. Zweitens: Respektiere den Gegner, den Mitspieler, den Schiedsrichter, den Trainer und die Niederlage. Ich will nie sehen, dass du einen Schläger aus Frust zertrümmerst. Wenn es passiert, kannst du wieder mit den alten Holz-schlägern spielen. Denn die modernen Schläger kosten 200 Franken. Timo hat sich an unsere Abmachung stets gehalten.»

Am Ende der obligatorischen Schulzeit ist Timo Meier auch für die Pikes zu gut. Mehrere NLA-Klubs wollen ihn für ihre Juniorenabteilung verpflichten. Meier entscheidet sich für Rapperswil, auch, weil man ihm eine KV-Lehrstelle im Sekretariat anbietet. Unter der Woche wohnt er bei einer Gastfamilie. Die Abnabelung verläuft problemlos. «Mädchen und Ausgang – die amüsanten Dinge des Lebens hatten bei Timo keinen Vorrang. Denn er wusste stets, was er will», sagt sein Vater. Top 50 NHL-Draft, U20-WM – lauten die Überschriften auf Timos Motivationszettel.

Timo Meiers Motivationszettel

Timo Meiers Motivationszettel

Charly Meier sagt: «Als Timo in Rappi spielte, dachte ich: Es wäre schön, wenn er mal in der NLB, später vielleicht sogar in der NLA spielen könnte. Dann ging es Knall auf Fall.» Halifax ruft. Und Timo ist noch nicht mal 17. «Sollte Timo nicht erst die Lehre beenden, ehe er voll auf Eishockey setzt? Sollen wir ihn bremsen? Meine Frau und ich, wir waren hin- und hergerissen. Doch dann sagte Timos Berater Sandro Bertaggia: ‹Schaut, ich habe das KV gemacht. Aber nach 18 Jahren als Hockeyprofi hat mir der Fähigkeitsausweis rein gar nichts gebracht.»

In der zweiten Saison in Halifax startet Meier durch. Er wird als Top-Talent für den NHL-Draft eingestuft. Es ist Juni 2015 und Charly Meier taucht in Sunrise Florida erstmals in die Glitzerwelt des Sports ein. «Die Beraterfirma von Timo hat für den Draft eine 20-Zimmer-Villa gemietet um dort alle Talente und deren Eltern unterzubringen.» Und dann wird Timo in der ersten Runde von den San Jose Sharks gedraftet.

Meier bleibt aber ein weiteres Jahr in der Juniorenliga, ehe er 2016 an die Westküste der USA beordert wird. Die Saisonvorbereitung verläuft vielversprechend. Doch dann erkrankt er am Pfeifferschen Drüsenfieber. Meier muss ins Farmteam. Charly Meier sagt: «Timo sagte: Macht euch keine Sorgen, ich muss nur die Garderobe wechseln. Aber schon im Dezember beorderten ihn die Sharks zurück. San Jose spielte in Montreal. Es war Timos erstes Spiel in der NHL und bereits im ersten Drittel erzielte er auch gleich ein Tor. Leider ging alles so schnell, dass es uns nicht möglich war, live dabei zu sein.»

Letztmals war Charly Meier im Januar drüben. Zum Vatertag. Denn einmal pro Saison lädt der Klub alle Väter ein. «Ein bombastisches Erlebnis», schwärmt Meier. «Wir waren erst an einem Heimspiel und reisten danach mit dem Team im klubeigenen Jet zum Auswärtsspiel nach Las Vegas. Als wir dort landeten, warteten zwei Busse und eine Stretch-Limousine auf dem Rollfeld. Es war die Limousine eines Casinos. Und sie war für einen Spieler bestimmt, der offenbar ein ziemlich guter Kunde sein muss.» Welcher Sharks-Spieler häufig einen Abstecher nach Vegas macht, behält Meier für sich.

Sein Sohn ist es nicht. «Meine Frau sagt, Timo sei knausrig. Statussymbole sagen ihm nicht viel. So fährt er immer noch einen kleinen Audi A3. Hin und wieder gönnt es sich schon mal etwas. So kaufte er sich nach dem ersten NHL-Spiel eine schicke Tasche. Oder er lässt sich von einem Bekannten in St. Gallen auch mal zwei, drei Anzüge schneidern. Und selbst wenn er noch viele Jahre in den USA bleiben wird, glaube ich nicht, dass er punkto Extravaganz zum Amerikaner wird.»