Motorrad
Aegerters Erfolgsrezept: Mut, Siege und kluge Vermarktung

Dominique Aegerter hat seinen Platz im GP-Zirkus verloren – aber nicht den Status als Töffstar. Nun kann er erstmals Weltmeister werden.

Klaus Zaugg
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Dominique Aegerter jubelt in der Supersport-WM.

Dominique Aegerter jubelt in der Supersport-WM.

Wer seinen Platz im GP-Zirkus verliert, geht vergessen. Weil er auch die TV-Präsenz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und damit die meisten Fans und Sponsoren verliert. TV-Übertragungen im staatstragenden Fernsehen und mediale Beachtung gibt es nur im GP-Zirkus (MotoGP, Moto2, Moto3).

Aber ein Schweizer trotzt diesem Trend. Dominique Aegerter (31). Im Herbst 2019 verliert er nach zehn Jahren seinen Platz in der Moto2-WM. Um zu bleiben, hätte er viel Geld bringen müssen.

«Ich war es leid, Geld zu bezahlen, um Arbeiten zu dürfen.»

2018 habe er für einen Platz im deutschen Kieferteam 600'000 Franken bezahlt. «Wir haben uns da sogar um die gesamte Teamorganisation gekümmert.» Auch für seine letzte Moto2-WM 2019 bei MV Agusta blätterte er gut 300'000 Franken hin. Das Geld brachten seine Sponsoren auf, er verdiente praktisch nichts mehr. In seinen besten Jahren zwischen 2013 und 2016 hatte er Ende Saison eine halbe Million auf dem Konto.

Die Vertreibung aus dem Fahrerlager haben bisher alle Schweizer mit dem Ende der öffentlichen Wahrnehmung bezahlt. Dass Randy Krummernacher (er schied Ende 2015 aus dem GP-Zirkus aus) 2019 Supersport-Weltmeister geworden ist, wissen nur Insider. Ob Aegerter in den nächsten beiden Rennen am Samstag und am Sonntag in Argentinien Supersport-Weltmeister wird, können wir hingegen auf SRF2 ab 18.30 Uhr verfolgen. Wie ist das möglich?

Zuerst einmal die Frage: was ist die Supersport-WM? Es ist die 5. Liga des Welttöffsportes. Ganz oben steht die Klasse MotoGP, dann folgen die Moto2- und die Moto3-WM. Darunter finden wir als höchstes Niveau ausserhalb des GP-Fahrerlagers die Titelkämpfe mit seriennahen Höllenmaschinen: die Superbike-WM und die Supersport-WM. Dort ist Dominique Aegerter diese Saison gelandet.

Mehr TV-Präsenz als Tom Lüthi

Dass SRF und damit die Öffentlichkeit davon Notiz nimmt, hat einen Grund: Aegerter ist nicht nur ein talentierter, mutiger Rennfahrer. Er ist auch ein geschickter Vermarkter seiner selbst. Seit Jahren nützt er die modernen Kommunikationskanäle (Facebook, Instagramm, Twitter) um seine Fangemeinde über alles auf dem Laufenden zu halten. Er ist glaubwürdig, weil er so ist, wie er sich gibt: ein charismatischer, unkomplizierter, nie arroganter Rock’n’Roller und Abenteurer, der einen der gefährlichsten Berufe der Welt zelebriert.

Höllenmaschine ist Höllenmaschine, Gefahr ist Gefahr. Egal ob im GP-Zirkus oder in der Supersport-Szene. Aegerter hat beispielsweise auf Twitter fast genau gleich viele Follower (20'000) wie Tom Lüthi (21'000). Und nun überträgt SRF die vier letzten Rennen live. Dominique Aegerter und seine Sponsoren bekommen so eine bessere TV-Präsenz als Tom Lüthi, der als «Hinterbänkler» bei den Übertragungen der Moto2-Rennen kaum noch ins Bild kommt.

Die Ausgangslage ist übrigens einfach: Dominique Aegerter hat 54 Punkte Vorsprung im Gesamtklassement. Kommt er in den zwei Rennen am Samstag und Sonntag in Argentinien vor dem Südafrikaner Steven Odendaal (28) ins Ziel, ist er Weltmeister. Schafft er es nicht, wird er sich in den letzten Rennen am 20. und 21. November in Indonesien durchsetzen.

Nächste Saison die unumstrittene Nummer1

Dominique Aegerter hilft auch die Präsenz in der «Batterie-WM». Offiziell hat diese Klasse bloss den Status «Weltcup», das Prestige ist nullkommanull. Hier fährt nur noch, wer keine anderen Möglichkeiten mehr hat. Aber die Rennen sind ein GP-Rahmenprogramm mit TV-Präsenz. Also hat der Rohrbacher bereits die zweite Saison bestritten und soeben den Titel so spektakulär im letzten Rennen durch einen Jury-Fehlentscheid verloren (Rückversetzung wegen forschen Fahrstils vom 1. auf den 12.Platz), dass auch daraus ordentliche Medienpräsenz geworden ist.

Tom Lüthi (35) tritt Ende Saison zurück und wird Teammanager in der Moto3-WM. Aegerter wird erneut die Supersport-WM bestreiten. So verdient er inzwischen wieder ordentlich Geld. Wird er Weltmeister, so wird er erstmals seit 2016 wieder eine sechsstellige Summe verdienen. Die Verträge für die nächste Saison beim aktuellen Yamaha-Rennteam (Ten Kate) liegen zur Unterschrift bereit. Sogar mit der Option, 2023 in die Superbike-WM aufzusteigen. Aegerter hat zwar seinen Platz im GP-Zirkus verloren, aber seinen Status als Töffstar bewahrt. Ja, nächste Saison wird er gar unumstritten die Nummer 1 in der Schweiz sein. Seine Karriere ist noch lange nicht zu Ende.

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