Motorsport
Mit dem Töff-Weltmeister auf der Kartbahn: Duell und Saisonrückblick mit Dominique Aegerter

Supersport-Weltmeister Dominique Aegerter zieht an der Kartbahn in Lyss Bilanz über eine Saison. Dabei erzählt er, warum er sich ungerecht behandelt fühlt und zeigt, wie er sich auf der Kartbahn schlägt.

Pascal Kuba
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Supersport-Weltmeister Dominique Aegerter auf der Kartbahn in Lyss.

Supersport-Weltmeister Dominique Aegerter auf der Kartbahn in Lyss.

Valentin Hehli / MAN

Der Weg vom Bahnhof Lyss Grien zur Kartbahn ist nicht unbedingt weit. In diesen nassen Verhältnissen jedoch fühlt sich der Fussmarsch wie eine Ewigkeit an. Es regnet und der Wind bläst bissig. Ein Herbsttag, wie er im Buche steht. Auf Einladung des Töff-Weltmeisters Dominique Aegerter versammelt sich eine Journalistenschar um zehn Uhr zum Duell auf der Kartbahn. Doch der Oberaargauer lässt sich Zeit.

Einige Minuten vergehen, dann schreitet auch er zum Eingang. Ein breites Lächeln ziert sein Gesicht, die blonden Haare sind unter seinem Cap nach hinten gekämmt. Seine Schuhe sind neongelb und strahlen noch mehr als sein Gesicht. Jedem einzelnen Wartenden schüttelt Aegerter die Hand und begrüsst sie.

Der perfekten Saison fehlt ein Baustein

Öffnet man die Türe zum Restaurant, wartet schon der Geruch nach Motoröl und Hausmannskost. Aegerter setzt sich hin, wo noch ein Stuhl frei ist. Die Runde beginnt mit der Frage nach seinem Jahr. «Ich hatte eine super Saison. Der Weltmeistertitel, die meisten Siege der Saison, die meisten gefahrenen Runden als Führender, einzig die Konstrukteurs-WM steht noch aus. Die verbleibenden zwei Rennen in Indonesien werde ich deshalb auch noch fahren», antwortet der Oberaargauer.

Im Restaurant der Kartbahn Lyss beantwortet Dominique Aegerter alle Fragen der Gäste.

Im Restaurant der Kartbahn Lyss beantwortet Dominique Aegerter alle Fragen der Gäste.

Valentin Hehli / MAN

Mitte Oktober gewann er die Supersport-WM. 2021 schloss sich der 31-Jährige dem holländischen Team «Ten Kate» an und dominierte prompt die Rennklasse, die vom Prestige her unter der MotoGP angesiedelt ist. Er schwadroniert weiter über seine Saison und den Unterschied zwischen Moto2- und Supersport-Töffs.

Zu den geladenen Gästen gehört auch Jacques Cornu, ehemaliger Motorradpilot. Dieser fragt ihn: «Warum hat die Schweiz nur so wenig Töfffahrer? Liegt das an der Sicherheit- und Limithysterie?» Aegerter lacht: «Überleg’ mal, wie deine Schutzausrüstung in den 80er-Jahren aussah und wie meine heute. Du trugst nur eine Lederjacke. Für die Sicherheit ist also gesorgt.»

Tom Lüthi als Vorbild für Aegerter

Er fügt an, dass sein Erfolg gerade deswegen nicht unterbewertet werden darf, eben weil die Schweiz in der Welt des Motorsports ein kleines Land ist. Was fehle, sei die Nachwuchsförderung. «Wir haben keine Rennstrecke und zu wenig Geld für die Jugendförderung.» Das sehe in Spanien oder Italien ganz anders aus: «Dort hat jedes Dorf einen Töffklub.»

«Tom Lüthi hat viel für den Sport getan,. Er war es, dem das Rampenlicht gehörte. So konnte ich mich in seinem Schatten ungestört entwickeln.»

Vielleicht könnte ja Tom Lüthi etwas bewirken, sagt Aegerter weiter. Dieser fährt am Wochenende sein letztes Töffrennen. «Tom hat viel für den Töffsport in der Schweiz getan. Als ich 12 oder 13 Jahre alt war, wollte ich auf sein Niveau kommen. Dazu war er es, dem das Rampenlicht gehörte. So konnte ich mich in seinem Schatten ungestört entwickeln.»

Frust über verlorenen MotoE-Titel

Draussen hat der Regen aufgehört. Drinnen erzählt Aegerter weiter. Er ist ehrlich, nimmt kein Blatt vor den Mund. Da ist nämlich noch mehr als nur Strahlen und Lächeln, sondern auch Unverständnis und Enttäuschung. «Nächste Saison fahre ich wieder mit Ten Kate, mein Ziel ist der Aufstieg in die Superbike-WM. Es ist aber schon komisch, ich bin dieses Jahr in jeder Statistik auf Rang eins, trotzdem gibt es kein Team in den höheren Töffklassen, welches mich unter Vertrag nehmen will. Das verstehe ich gar nicht. Es gibt andere Fahrer, die weniger leisten und eine Chance bekommen. Wenn ich ehrlich bin, wäre ich mit einer anderen Nationalität in diesem Sport wohl besser bedient.»

«Mit einer anderen Nationalität wäre ich in diesem Sport wohl besser bedient.»

«Mit einer anderen Nationalität wäre ich in diesem Sport wohl besser bedient.»

Valentin Hehli / MAN

Aegerter bezieht sich dabei nicht nur auf seine Zukunft, sondern ebenso auf seine MotoE-Saison. Auch diesen Titel hätte der Oberaargauer gewonnen, wäre da nicht eine höchst umstrittene 38-Sekunden-Zeitstrafe gewesen, die er in der letzten Rennrunde der Saison nach einem Kontakt mit seinem Titelrivalen Jordi Torres aufgebrummt bekommen hatte. Dieser kam von der Bahn ab, überholte den Schweizer im Klassement nach der Strafe. «Das Ausmass wurde bewusst gewählt, dass ich die WM nicht gewinne», sagte er damals. An diesem Tag in Lyss wirkt er jedoch, als ob der Groll verflogen sei.

Aegerters Zwischenfall mit Jordi Torres beim MotoE-Finale in Misano.

Youtube

Der Töfffahrer auf der Kartbahn

Nach den TV- und Radiointerviews geht es auf die Rennbahn. Da kommt auf einmal wieder dieses breite Lächeln zum Vorschein und Aegerter reibt sich die Hände wie ein kleines Kind. Regenanzug an, Helm auf, Handschuhe, dann rollen die Kartwagen. Der Weltmeister hat natürlich seine eigene Maschine mitgenommen.

Den schlechten Streckenverhältnissen zum Trotz: Aegerter dominiert das Rennen.

Den schlechten Streckenverhältnissen zum Trotz: Aegerter dominiert das Rennen.

Valentin Hehli / MAN

Der Asphalt ist voller Pfützen, die Reifen rutschen ständig. Aquaplaning vom Feinsten. In der ersten Kurve dreht sich Aegerter, dann dreht er auf. Wer das Gefühl hat, schnell zu fahren, wird von ihm gefühlt einmal pro Runde daran erinnert, dass er schneller ist. Mit dabei ist auch Jacques Cornu, der einem ein anspruchsvolles Rennen macht und nur schwer zu überholen ist. Die Kartbahn in Lyss ist an diesem Tag hart zu den Fahrenden. Wer die Pfützen nicht sieht, wird abgeduscht. Wer nicht früh genug bremst, driftet über die Strecke hinaus. Aegerter ist’s egal. Er fährt seine Runden. Auf seinem Kopf sitzt sein Helm, den er auch an den Töffrennen trägt. Sein Fahrstil erinnert an sein Auftreten: Verspielt, cool, ehrlich.

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