Motorrad
Nach dem erfolgreichsten Saisonstart seiner Karriere: Der beste Tom Lüthi aller Zeiten

Nach dem 50. Podestplatz ist klar: Tom Lüthi hat diese Saison so grosse Titelchancen wie seit 2005 nicht mehr. Der Italiener Franco Morbidelli bietet dem Schweizer allerdings die Stirn.

Klaus Zaugg
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Tom Lüthi fährt nach dem guten Saisonstart um den Titel.

Tom Lüthi fährt nach dem guten Saisonstart um den Titel.

Keystone

Wir erleben in diesen Tagen den besten Tom Lüthi aller Zeiten. Er ist sogar noch besser als in den letzten Rennen der vergangenen Saison, seiner bisher besten Moto2-Phase. Zum ersten Mal ist er in den drei ersten Rennen aufs Podest gefahren (2./3./2). Selbst als er 2005 seinen WM-Titel (125 ccm) holte, hatte er bei weitem nicht einen so guten Saisonstart. Er begann mit einem Ausfall, einem 3. und einem 4. Platz.

Der gute WM-Start ist eine erfreuliche Überraschung. In den Vorsaisontests stürzte Tom Lüthi (30) sechsmal und zerstörte in den Trainings zum ersten GP in Katar nochmals ein Bike. Nun zeigt sich, dass diese Sturzserie kein Grund zur Beunruhigung ist. Sein Manager Daniel M. Epp sagt: «Bei unserer Saisonanalyse ist uns im Winter klargeworden, dass Tom nur dann eine Chance auf den Titel hat, wenn er mehr riskiert und seine Grenzen hinausschiebt.» Diese Rechnung ist aufgegangen.

Tom Lüthi (m.) jubelt über seinen dritten Platz beim Grossen Preis von Argentinien. (Zusammen mit Franco Morbidelli (l.) und Miguel Oliveira)

Tom Lüthi (m.) jubelt über seinen dritten Platz beim Grossen Preis von Argentinien. (Zusammen mit Franco Morbidelli (l.) und Miguel Oliveira)

Keystone

Es ist üblich, dass sich die Piloten bei ihren Technikern bedanken. Tom Lüthi sagt: «Ich möchte mich bei meinem Cheftechniker Gilles Bigot bedanken. Er hat in Texas mit den Jungs erneut ein Motorrad hergerichtet, mit dem ich das Rennen entspannt angehen konnte.»

Dieser Dank kommt aus tiefster Seele: Er arbeitet nun im zweiten Jahr mit dem ehemaligen Cheftechniker von Dominique Aegerter. Mit dem Franzosen hat Tom Lüthi erstmals seit seiner Weltmeistersaison 2005 (Sepp Schlögl) einen «Töff-Seelenverwandten» als Cheftechniker gefunden. Der «erste Schrauber» ist nebst der Freundin oder Frau die wichtigste Bezugsperson eines Rennfahrers. Techniker, aber eben auch Freund, Psychologe, Tröster und Motivator.

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WM-Rennen hat Tom Lüthi in seiner Karriere bestritten. Beim GP von Amerika am vergangenen Sonntag gelang dem Emmentaler dabei der 50. Podestplatz der Karriere. Damit stand Lüthi bei jedem der drei bisherigen Saison-Rennen auf dem Podest. In der WM-Wertung liegt er trotzdem bereits 19 Punkte hinter Franco Morbidelli.

Bereits nach 3 von 18 Rennen zeichnet sich ab, dass die Titelentscheidung wahrscheinlich zwischen Franco Morbidelli und Tom Lüthi ausgefahren wird. Der Schweizer führt die Moto2-WM nur deshalb nicht an, weil es dem Italiener gelungen ist, als erster Fahrer seit 16 Jahren die ersten drei Rennen der «mittleren» WM-Kategorie zu gewinnen.

Tom Lüthis Rückstand von 19 Punkten ist auf den ersten Blick gross. Aber auf den zweiten Blick sehen wir, dass noch 15 Rennen zu fahren sind und die Differenz schrumpft zur Bedeutungslosigkeit. Mit zwei Ausnahmen (Aragon, Österreich) hat er auf allen restlichen 15 GP-Strecken schon mindestens einmal einen Podestplatz geholt. Wie stehen die Titelchancen im Duell mit Franco Morbidelli? Es gibt ein paar Faktoren.

1. Erfahrung

Franco Morbidelli ist erst 22 Jahre alt, acht Jahre jünger als Tom Lüthi. Einerseits gehört er bereits zur nächsten, wilderen und sorgloseren Fahrergeneration. Andererseits steht Tom Lüthi im Zenit seiner Karriere und hat die perfekte Mischung aus Mut, Risiko, Intelligenz, technischem Verständnis und Fahrkunst entwickelt. Er hat bereits 236 Rennen bestritten, davon 119 in der Moto2-Klasse. Sein Herausforderer kommt auf das Wissen aus 53 Rennen. Für Franco Morbidelli beginnt der Ernst des Lebens erst in den nächsten Wochen. Die drei ersten Rennen sind in Übersee ausgefahren worden. Fern der Heimat. Da fällt es ein bisschen leichter, die Konzentration zu bewahren. Wenigstens hat er einen sehr guten Ratgeber. Er ist mit Valentino Rossi befreundet. Beim Faktor Erfahrung hat Tom Lüthi Vorteile.

2. Talent

Franco Morbidelli ist drei perfekte, fehlerfreie Rennen gefahren. In diesem Bereich ist er mindestens so gut wie Tom Lüthi.

3. Teamstruktur

Franco Morbidelli fährt im besten Moto2-Team (Marc VDS). Aber er hat mit Alex Marquez einen starken Teamkollegen. Das kann sich als Vorteil oder als Verhängnis erweisen. 2005 wurde Tom Lüthi Weltmeister, weil Tabor Talmacsi im KTM-Rennstall seinem Teamkollegen Mika Kallio trotz Stallorder entscheidende WM-Punkte abgeknöpfte. Tom Lüthi steht im technischen Bereich auf Augenhöhe mit dem WM-Leader.

4. Selbstvertrauen

Tom Lüthi sagt: «Morbidelli war wieder grossartig. Aber ich habe nicht vor, ihn alle Rennen gewinnen zu lassen. Ich bin entschlossener denn je und ich werde alles Nötige dafür tun, um ihn zu schlagen.» Wann wird es so weit sein? «Es gibt einige Strecken, auf denen ich schon mehrmals gewonnen habe. Aber ich will in jedem Rennen um den Sieg fahren.» Das Selbstvertrauen ist also intakt.
Wir sehen: Tom Lüthi hat so gute Titelchancen wie seit 2005 nicht mehr.

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