Nach Pelé und Neymar folgt der nächste Goldesel des Fussballclubs Santos

Der FC Santos hat Superstars wie Pelé und Neymar hervorgebracht. Beweist er auch ein goldenes Händchen mit Talent Kaio Jorge?

Andreas Werz aus Medellin
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Für Neymar erhielt Santos 86 Millionen Euro.

Für Neymar erhielt Santos 86 Millionen Euro.

Felipe Dana/Keystone

Es ist ein Jammer. In Zeiten von Corona werden sich heute nur ein paar Klub- und Verbandsfunktionäre sowie Medienleute und Sicherheitspersonal im Maracanã von Rio de Janeiro verlieren. Das einst grösste Fussballstadion der Welt – 1950 sollen dem WM-Spiel Brasilien – Uruguay (1:2) fast 204000 Zuschauer beigewohnt haben – ist Austragungsstätte des Endspiels der Copa Libertadores 2020/2021.

Unter normalen Umständen wären die 78838 Eintrittskarten längst vergriffen und die Ticketpreise auf dem Schwarzmarkt in schwindelerregenden Höhen. Denn den diesjährigen Final des bedeutendsten südamerikanischen Klubwettbewerbs bestreiten zwei brasilianische Teams. Mehr noch: zwei Erzrivalen. Palmeiras, aus der 13 Millionen Einwohner zählenden Wirtschaftsmetropole São Paulo, und Santos, aus der rund 70 Kilometer südlich von São Paulo gelegenen gleichnamigen Stadt.

Die Aussichten auf eine spektakuläre Partie sind gut, stehen doch beide Mannschaften für offensiven Fussball. In den Halbfinals setzten sich Palmeiras und Santos gegen die zwei grossen argentinischen Vereine River Plate und Boca Juniors durch. Souverän trat dabei der FC Santos auf. Angeführt vom 160 cm kleinen und 55 kg leichten Dribbelkünstler Yeferson Soteldo aus Venezuela überrollte das Team seinen Gegner einem Güterzug gleich. Im Scheinwerferlicht stand auch Kaio Jorge, mit fünf Treffern bester Torschütze von Santos im laufenden Wettbewerb. Dabei ist er erst 19-Jährig – und Santos’ nächster Goldesel?

Er wäre einer mehr in einer langen Reihe von Spielern, die der Santos Futbol Clube ausgebildet und später gewinnbringend nach Europa verkauft hat. Der Verein hat seit Jahrzehnten ein feines Gespür für Talente und ein goldenes Händchen für deren Förderung. Das berühmteste Beispiel: Pelé. Ein Mythos, eine Legende, im vergangenen Oktober 80 Jahre alt geworden. Als 15-Jähriger kam er zum FC Santos und hielt dem Verein 18 Jahre die Treue, ehe er seine grandiose Karriere für ein paar Millionen Dollar bei New York Cosmos ausklingen liess. Pelé, als einziger Fussballer dreimal Weltmeister geworden, erzielte insgesamt 1281 Tore, 619 davon für Santos.

Pelés grosser Schatten

Pelé machte den FC Santos weltberühmt, gewann mit dem Verein 1962 und 1963 die Copa Libertadores und den Weltpokal. Von seinem kongenialen Sturmpartner hingegen nahm man ausserhalb Brasiliens kaum Notiz. Dabei spielte Pepe 750-mal für Santos (405 Treffer). Der heute 86-Jährige war auch bei zwei WM-Titeln (1958 und 1962) im Spielerkader, stand aber stets in Pelés Schatten.

Pelé machte den FC Santos weltberühmt.

Pelé machte den FC Santos weltberühmt.

Keystone

Ebenso Robinho. Ihn feierten sie einst voreilig als Nachfolger von O Rei (der König), wie sie Pelé in Brasilien ehrfürchtig nennen. Den immensen Erwartungen konnte Robinho nie gerecht werden. Als er Santos verliess, verlor er seine Unbekümmertheit. Weder bei Real Madrid noch bei Manchester City oder Milan triumphierte er. Über Umwege nach China und die Türkei kehrte der verlorene Sohn im letzten Jahr nach Santos zurück. Der Verein bot dem 37-Jährigen einen Vertrag über fünf Monate mit einem symbolischen Gehalt von umgerechnet 250 Franken an. Nach nur einer Woche wurde der Kontrakt auf Druck von Sponsoren ausgesetzt, weil Robinho in Italien erstinstanzlich wegen Vergewaltigung verurteilt wurde.

In jungen Jahren hatte Robinho bei Santos mit Diego ein schlagkräftiges Offensivduo gebildet. Der Mittelfeldspieler vermochte sich in Europa durchzusetzen und brillierte bei Werder Bremen, Juventus Turin, Wolfsburg und Atlético Madrid. Seit 2016 kickt der inzwischen 35-jährige Diego wieder in Brasilien und krönte seine Karriere 2019 mit dem Gewinn der Copa Libertadores – mit dem beliebtesten Verein der Nation, Flamengo. Den Klub aus Rio tragen angeblich 32,5 Millionen Brasilianer in ihren Herzen.

Geldsegen mit Neymar

Mit keinem anderen ehemaligen Junior verdiente Santos in seiner knapp 109-jährigen Klubgeschichte auch nur annähernd so viel Geld wie mit Neymar. Das heutige Aushängeschild der Nationalmannschaft und von Paris St.Germain schloss sich dem Klub als 11-Jähriger an und debütierte mit 17 bei den Profis. Dort erzielte er in 177 Spielen 107 Tore. Der FC Barcelona war begeistert und verpflichtete Neymar 2013 – offiziell für 57 Millionen Euro. Jahre später stellte sich heraus, dass die Ablösesumme mehr als 86 Millionen Euro betragen hatte.

Folgt nun für den FC Santos mit Kaio Jorge der nächste Geldsegen? Etliche europäische Topvereine sind hinter dem Stürmer her, der Brasilien 2019 mit fünf Treffern fast im Alleingang zum Titelgewinn bei der U17-WM im eigenen Land verholfen hatte.

Etliche europäische Topvereine sind hinter Kaio Jorge her.

Etliche europäische Topvereine sind hinter Kaio Jorge her.

Diego Vara/Keystone

Nach acht nationalen Meistertiteln will Santos heute zum vierten Mal die Copa Libertadores – die erste nach 2011 – gewinnen. Pelé würde vor dem Fernseher wohl Freudentränen verdrücken. Aber kaum einer würde sich über den Triumph im fast leeren brasilianischen Nationalheiligtum Maracanã so sehr freuen wie Cuca. Er trainiert den FC Santos seit dem letzten August und zum insgesamt dritten Mal nach 2008 und 2018/2019. Der 58-Jährige hat noch nie eine Trophäe gewonnen. Dabei ist der FC Santos für den ehemaligen Stürmer schon die 29. Trainerstation im 23. Trainerjahr.