Mountainbike

Olympiasieger Nino Schurter: «Ich will noch einmal besser werden»

Nach dem Olympiasieg fiel ein grosser Druck von Nino Schurter ab.

Nach dem Olympiasieg fiel ein grosser Druck von Nino Schurter ab.

2016 gewann Nino Schurter den WM-Titel und Olympia-Gold. Der Bündner denkt trotzdem nicht ans Aufhören. Auch, wenn seine Familie viel dafür opfern muss.

Was für einen Stellenwert hat der 21. August 2016 in Ihrem Leben?

Ein schöner Tag. Ein grosses Ziel ist in Erfüllung gegangen. Ich bin super stolz darauf, dass alles klappte.

Das tönt sehr nüchtern! Sie wurden an diesem Tag Olympiasieger – sind die grossen Emotionen mittlerweile abgeklungen?

Nino Schurter: Die unmittelbaren Emotionen vielleicht schon. Aber die Erinnerung bleibt natürlich gewaltig. Es ist das schönste Erlebnis meines Sportlerlebens. Ich bin mir bewusst, dass ich diesen Tag wahrscheinlich nicht mehr toppen kann. Aber trotzdem habe ich schon wieder neue Ziele.

Gehören Sie zu jenen Sportlern, die sagen: «Was war, interessiert mich nicht. Es zählt nur die Zukunft»?

Auf eine gewisse Art schon. Was kommt, interessiert mich mehr, als was war. Ich lebe im hier und jetzt. Aber trotzdem: Diese ganze Geschichte der Gold-Medaille, das ist das perfekte Märchen für mich. Und das bleibt.

Es ist ein Märchen, auch weil Sie sich dem Olympiasieg schrittweise genähert haben. Mit Bronze in Peking 2008. Mit Silber in London 2012. Jener zweite Platz war aber auch eine gefühlte Niederlage. Konnten Sie nun damit abschliessen?

Jetzt schon, ja. Vorher habe ich ja immer versucht, das Gefühl zu transportieren: «Ich bin zufrieden mit Silber» (lacht).

Nino Schurter gewinnt die Goldmedaille in Rio de Janeiro:

Nun können Sie zugeben, dass es anders war.

Im Nachhinein ist die Geschichte ja perfekt. Erst Bronze, dann Silber, dann Gold. Aber nach London war ich schon ziemlich enttäuscht. Weil ich so nahe dran war. Und ich auch immer wieder Vorwürfe hörte, ich sei zu wenig aggressiv gefahren, ich hätte meinen Konkurrenten noch halb „vorbeigelassen“.

Solche Dinge sitzen tief.

Ja, klar. Ich ärgerte mich, weil ich so nahe dran war. Und wer die Bilder nun sieht, merkt: Ein bisschen eine engere Linie und ich hätte gewonnen.

Nach Bronze, Silber und Gold bei den Olympischen Spielen – was kann da überhaupt noch kommen?

Das weiss ich noch nicht genau (lacht). Aber was mich selbst erstaunte: Ich bin schon wieder sehr motiviert zum Weitermachen.

Das erstaunt Sie?

Ja. Denn ich wusste nicht, was passiert nach so einem Olympiasieg. Nach London 2012 hatte ich jedenfalls mehr Motivationsprobleme. Ich schleife gerne an mir rum. Ich versuche, alles auszureizen. Ich will noch einmal besser werden. Die Olympischen Spiele 2020 von Tokio sind bereits wieder als Fernziel im Fokus.

Novak Djokovic ist in ein tiefes Loch gefallen, seit er alle Grand Slam Turniere gewonnen hat. Ist Ihnen nichts Ähnliches passiert?

Ich weiss nicht, ob man das vergleich kann. Djokovic ist schon eine andere Liga. Was ich merke: Ich habe letztes Jahr bestimmt ein, zwei Prozent härter und konsequenter an mir gearbeitet. Grosse Erfolge sind auch eine Folge der vielen Opfer. Jetzt bin ich vielleicht nicht mehr bereit, ganz gleich viel zu opfern. Das sieht man bei der Ernährung oder ich gehe mal einmal mehr weg.

Wo hängt eigentlich Ihre Gold-Medaille?

Bis jetzt liegt sie einfach rum. Ich musste sie viel mitnehmen an Termine und Events. Darum liegt sie auf einem Tisch mit den anderen Medaillen und wird vorab ein- und wieder ausgepackt.

Erhält ein Olympiasieger nur eine einzige Medaille?

Ja, es gibt nur eine. Und sie hat tatsächlich schon eine Beule. Sie ist mir nach dem Rennen beim Umziehen für die Schlussfeier auf den Boden gefallen. Nun hat sie oben eben eine richtig fette Beule. Aber eine Mountainbike-Medaille muss ja ein bisschen «leben». Ich sperre sie garantiert nicht in einen Safe. Meine Tochter trägt sie auch ab und an rum. Das wichtigste ist ja der symbolische Wert.

Wie verändert einen ein Olympiasieg?

Es braucht Zeit, um alles zu realisieren. Aber verändern? Ich denke nicht gross. Ich durfte ja auch schon andere Grosserfolge feiern. Darum ist der Unterschied gar nicht so gross. Was natürlich stimmt: Wer nach 16 Jahren ein derart grosses Ziel erreicht, spürt einen gewissen Druckabfall.

Finanziell dürfen Sie sich sicher über einen gewissen Olympia-Gold-Bonus freuen.

Das stimmt. Ich beklage mich bestimmt nicht. Aber eben: Ich war vorher nicht ein «Niemand». Grösser ist der Unterschied beispielsweise für meine schwedische Teamkollegin Jenny Rissveds. Sie wurde aus dem Nichts Olympiasiegerin. Für sie verändert sich nun natürlich viel mehr. Auch finanziell.

Haben Sie denn schon vom Olympiasieg geträumt, als sie erstmals aufs Bike sassen?

Ich habe als kleiner Bub nicht angefangen zu biken mit dem Gefühl: «Ich will mal grosse Rennen gewinnen.» Klar wollte ich mich auch messen mit anderen Kindern. Aber ich hatte vor allem Spass. Und nicht das Gefühl, ich müsse Profi werden.

Wann kam dieses Gefühl?

Es war ein Prozess. Über eine Kinderserie durfte ich in ein sogenanntes «Sieger-Lager», die besten fünf waren dort dabei. In diesem Lager kam Thomas Frischknecht als Gast vorbei. Da habe ich realisiert: Ok, der hat den Beruf Mountainbikefahrer. Und ich bekam ein Autogramm.

Wie alt waren Sie da?

Etwa 12 Jahre alt. Auch mein Bruder, der zwei Jahre älter ist, fuhr Rennen. Als er in die Lehre kam, merkte er, dass die Zeit für Rennen und Trainingslager plötzlich knapp wurde. Ich sah also bei ihm, dass man sehr viel Zeit opfern muss, wenn man die Rennen auf einer professionellen Basis ausüben will. Und irgendwann die Frage kommt: Was will ich?

Sie haben also von ihm profitiert.

Genau. Ich wusste relativ schnell: Entweder richtig oder gar nicht. Mein Bruder hat den anderen Weg gewählt, beruflich Karriere gemacht. Ich habe mich für den Sport entschieden.

Nino Schurter wurde auch dank seines Bruders Mountainbike-Profi.

Nino Schurter wurde auch dank seines Bruders Mountainbike-Profi.

Und dabei schulisch zurückgesteckt?

Ja. Ich habe eine spezielle Mediamatiker-Lehre gemacht. Sie dauerte fünf Jahre anstatt vier. Dafür konnte ich schon in der Sekundarschule konsequent trainieren.

Wer sich in der Sportfanszene umhört, bekommt immer wieder diesen einen Satz zu hören: «Nino Schurter? Mountainbike? Das interessiert mich nur an Olympischen Spielen.» Wie gehen Sie damit um?

Zum Teil finde ich es schade. Auch, dass wir nicht mehr Präsenz bekommen und zu wenig wahrgenommen werden. Ich sehe es auch als meine Verpflichtung an, dies als Olympiasieger zu ändern versuchen. Ja, teilweise frustriert es mich, wie wir wahrgenommen werden. Dabei ist Mountainbiken der schönste Sport. Es ist eine wunderbare Kombination zwischen Technik und Ausdauer, alles findet draussen statt…

Also fühlen Sie sich ungerecht behandelt?

Zum Teil schon, ja.

Wieso?

Es gibt ja kaum einen Sport, der häufiger ausgeübt wird. Wenn man sieht, wer alles Velo fährt. Und bei den Weltcuprennen sind gegen hundertvierzig Fahrer aus über vierzig Nationen, verteilt über die ganze Welt, am Start. Im Vergleich zB zum Skirennsport ist der Stellenwert schon eher gering.

Warum?

Lange war es schwierig, am Fernsehen überhaupt Rennen zu zeigen. Die Strecken waren zu lang und schwierig zum filmen. Aber jetzt sind die Rennen kompakter. Es gibt mittlerweile auch grossartige TV-Produktionen. Jetzt muss das Schweizer Fernsehen mehr zeigen als nur Weltmeisterschaften und Olympische Spiele. Andere Länder sind da viel weiter. Schweden beispielsweise. Seit dem Olympia-Sieg von Jenny zeigen sie per sofort alle Rennen live. Das müsste auch bei uns möglich sein.

Ist die Lobby fürs Mountainbike zu klein?

Vielleicht schon ein bisschen. Wenn die Rennen vermehrt übertragen würden, würde auch das Interesse steigen. Schauen wir uns das Beispiel Rio 2016 an. Nur der Kunstturn-Final wurde mehr geschaut als die Mountainbike-Rennen, von Frauen und Männer. Obwohl wir erst ganz am Schluss auf dem Programm standen.

Nach dem Olympia-Sieg waren Sie vier Wochen in den Ferien…

… Das war sehr wichtig für mich, um richtig abzuschalten. Vier Wochen ohne Sport!

Der Familienvater würde gerne einmal länger verreisen.

Der Familienvater würde gerne einmal länger verreisen.

Wirklich?

Vielleicht habe ich mal Stand-Up Paddling gemacht. Oder war ein-, zweimal joggen. Aber ich bin nie Velo gefahren. Für einen Sportler ist es wichtig, den Körper manchmal runterzufahren. Das braucht Zeit. Wer zu kurze Pausen macht, hat ein viel höheres Verletzungsrisiko. Ich wollte nie zu schnell etwas gewinnen.

Vermissen Sie eigentlich etwas, das Sie als Sportler nicht tun können?

Eine längere Reise. Das geht nicht. Vier Wochen ist das Maximum. Einmal ein halbes Jahr weg gehen…

… das wäre etwas für nach der Karriere – gibt es diese Gedanken schon?

Bis Olympia im letzten Jahr überhaupt nie. Seit Rio kommt diese Frage schon ab und an vor. Diese Frage: Was ist nachher?

Sorgen Sie sich dabei manchmal?

Nein, das nicht. Durch die vielen Erfolge habe ich eine gewisse finanzielle Sicherheit. Ich müsste nach dem Karrierenende nicht von heute auf morgen arbeiten gehen. Solange ich Sportler bin, will ich das auch konsequent tun. Und mir danach die Zeit geben, rauszufinden, was ich tun möchte. Ich bin froh, habe ich dafür einige Jahre Zeit.

Sie haben eine Tochter, mittlerweile fast anderthalb jährig, wie sehr hat die Geburt Sie verändert?

Zu erleben, wie neues Leben entsteht, ist unbeschreiblich schön. Das stellt auch einen Olympiasieg in den Schatten. Meine Tochter macht mich gelassener. Ich habe früher häufig versucht, alles so perfekt wie möglich zu organisieren für den Sport. Jetzt laufen gewisse Dinge im Alltag halt anders – und das ist gut so. Meine Tochter lenkt mich auf eine sehr gute Weise ab.

Bei seiner Rückkehr von Rio nach Chur wurde Nino Schurter von vielen Fans begrüsst.

Bei seiner Rückkehr von Rio nach Chur wurde Nino Schurter von vielen Fans begrüsst.

Bei Formel 1 Fahrer sagt man: Ein Kind macht sie 2 Prozent langsamer. Ist das bei einem Mountainbiker ähnlich?

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich nun weniger riskiere, nur weil ich Vater bin. Ich denke generell nicht wirklich, dass ich Risiken eingehe im Sport. Die Chance, dass etwas passiert, ist im Strassenverkehr grösser.

Leidet die Familie unter einem so grossen Ziel wie «Olympia-Gold»?

Manchmal ist es schon belastend. Ich denke, meine Frau fand es schon nicht immer nur lustig, wenn sich so vieles um den Sport dreht. Die Familie opfert mit. Aber wenn ich zu Hause bin, kann ich auch einiges zurückgeben. Es gibt Dinge, die sind dann einfacher als mit einem Partner, der „nine-to-five“ arbeitet. Meine Frau ist aber sicher froh, dass die Olympischen Spiele vorbei sind.

Ihre Familie war in Rio nicht dabei…

… Ja, das war wohl richtig so. Sonst hätte ich mir viel zu viele Sorgen gemacht, ob immer alles gut ist. Ich wusste, zuhause sind sie gut versorgt und konnte mich auf meine Leistung fokussieren.

Wie erholen Sie sich am besten?

Also viel Zeit für Hobbys bleibt neben Familie und Sport kaum mehr (lacht). Etwas, das sich aber gut vereinbaren lässt, ist meine Leidenschaft für Kaffee. Wir haben eine wunderbare Kaffeemaschine zu Hause, wo ich verschiedene Mischungen ausprobiere.

Gibt es einen «Kafi Nino»?

Bis jetzt noch nicht. Aber wer weiss. Ich tüftle jedenfalls gerne mit allerhand Röstungen. Vielleicht finde ich ja mal die perfekte Mischung.

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