Rad
Belgien und das traurige Velofest

Terror und tote Fahrer: Die 100. Flandern-Rundfahrt mit Favorit Fabian Cancellara fällt in eine schwierige Zeit. Doch das Rad dreht sich weiter.

Simon Steiner, Brügge
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Das letzte grosse Hindernis vor dem Ziel: Am bis zu 20 Prozent steilen Paterberg trennt sich im Volksrennen die Spreu vom Weizen – auch heute bei den Profis?sst

Das letzte grosse Hindernis vor dem Ziel: Am bis zu 20 Prozent steilen Paterberg trennt sich im Volksrennen die Spreu vom Weizen – auch heute bei den Profis?sst

Die schönsten zwei Wochen im Jahr sollen es sein. Das sagen in Flandern jene Menschen, die ein Herz für den Radsport haben. Und das sind die meisten. Es sind die heiligen Tage der flämischen Klassiker – mit dem inoffiziellen Nationalfeiertag zum Abschluss, der Flandern-Rundfahrt, die heute zum 100. Mal stattfindet.

Trotzdem fährt bei der Jubiläumsausgabe die Schwermut mit. Es waren nicht nur schöne Tage, die zurückliegenden. Noch immer steht Belgien unter dem Eindruck der Terroranschläge von Brüssel. Die Radsportwelt wurde zusätzlich erschüttert durch den Tod zweier belgischer Profis. Antoine Demoitié wurde nach einem Sturz bei Gent–Wevelgem von einem Motorrad überfahren, Daan Myngheer erlitt bei einem Rennen auf Korsika einen Herzstillstand.

Auf dem grossen Markt von Brügge ist davon nicht viel zu spüren am Tag vor der Flandern-Rundfahrt, an dem traditionellerweise das Volksrennen stattfindet. Wer die längste Strecke in Angriff nimmt, startet wie die Profis in Brügge, es wird gescherzt und gelacht, ehe sich die Hobbyfahrer auf den Sattel schwingen. Die Polizei markiert diskret Präsenz.

Sich durch den Terror nicht lähmen lassen

Insgesamt 16 000 «Wielertoeristen» sind unterwegs, so viele wie in anderen Jahren auch. «Die Teilnehmer haben sich durch den Terror nicht abschrecken lassen», sagt ein Vertreter der Organisatoren. «Wir haben nicht mehr kurzfristige Abmeldungen als sonst auch.» Die Volksfahrer folgen damit dem Beispiel der Profis, die bereits am Tag nach den Explosionen von Brüssel bei «Quer durch Flandern» wieder im Sattel sassen. Nach einer langen Diskussion mit Behörden- und Teamvertretern hatten die Organisatoren am Abend die Freigabe des Rennens beschlossen. Man war sich einig, sich nicht durch den Terror lähmen zu lassen.

Am Oude Kwaremont stehen die grossen Festzelte bereit. Ein Schild vor dem Eingang wirbt um Verständnis für die Sicherheitskontrollen. Alles ist eingerichtet für die Gäste, die das Rennen an dieser exklusiven Stelle verfolgen werden. Dreimal werden die Profis den Anstieg über das schmale, gepflasterte Strässchen passieren.

Das Gros der Zuschauer braucht keinen exklusiven Platz. Rund 750 000 Zuschauer hat die «Ronde van Vlaanderen» in den vergangenen Jahren jeweils an den Strassenrand gelockt – das sind mehr, als der belgische Fussball-Rekordmeister Anderlecht pro Saison ins Stadion bringt. Zahlreiche Fans sind mit dem Wohnwagen angereist und haben sich bereits am Freitag oder Samstag am Strassenrand eingerichtet.

Am Paterberg trennt sich die Spreu vom Weizen

Am Paterberg mühen sich die Teilnehmer des Volksrennens ab. Keine 400 m lang ist dieser Helling, diese für die flämischen Ardennen charakteristische Steigung, doch sie hat es in sich. Bei einer Steilheit von durchschnittlich 12 und maximal 20 Prozent über Kopfsteinpflaster trennt sich die Spreu vom Weizen. Manch einer muss hier aus den Pedalen steigen und sein Velo stossen. Hier könnte auch im Profirennen eine Vorentscheidung fallen: Der Paterberg ist das letzte markante Hindernis auf dem 255 km langen Parcours – wie geschaffen für Fabian Cancellara, um auf dem Weg zum Sieg seine letzten Konkurrenten abzuschütteln.

Alles scheint angerichtetfür das grosse Fest, auch wenn die Schwermut nach dem Terror unweigerlich mitschwingen wird. «Ich hoffe, dass sich die Fans und die Fahrer auf das Rennen konzentrieren können», sagt der belgische Profi Tom Boonen, wie Cancellara dreifacher Sieger der Rundfahrt. Der Schweizer Favorit sagt: «Die Leute haben es verdient, dass wir ihnen wieder etwas Freude machen.» Die Teamkollegen von Antoine Demoitié bestreiten ihr erstes Rennen seit dessen Tod. Seinen Namen haben sie auf ihren Velos eingraviert.

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