Radsport

Cancellara für Wetterreglement – Wie hart sollen Radprofis sein?

Fabian Cancellara kämpft sich bei Mailand–Sanremo 2013 durch den Schnee.

Fabian Cancellara kämpft sich bei Mailand–Sanremo 2013 durch den Schnee.

Fabian Cancellara gehört heute beim Klassiker Mailand–Sanremo zu den Favoriten. Daneben exponiert er sich in der Debatte über den Umgang mit extremen Witterungsbedingungen.

Zum Beispiel Mailand–Sanremo im Frühling 1910. Schon vor dem Start zur vierten Austragung des Rennens spricht sich herum, dass am Turchino-Pass mit Schnee zu rechnen sei. 63 von 94 gemeldeten Fahrern nehmen die 290 Kilometer bei beissender Kälte dennoch in Angriff. Deren vier treffen am Ende im Ziel in Sanremo ein, nachdem sie sich unter anderem durch 20 cm tiefen Schnee gekämpft haben.

Der Franzose Eugène Christophe gewinnt mit mehr als einer Stunde Vorsprung, obwohl er unterwegs fast 25 Minuten in der wärmenden Stube eines Gastwirts verbracht hat. Nach dem Rennen verbringt er einen Monat im Spital, um sich von den gröbsten Frostschäden an seinem Körper zu erholen. Bis er wieder ganz gesund ist, dauert es zwei Jahre.

Via Bus auf die andere Seite

Der Radsport kann epische Geschichten schaffen. Je widriger die Umstände, desto grösser die Chance, dass ein Rennen am Ende einen Helden hervorbringt. Das gilt noch heute, auch wenn sich der Rennsport im vergangenen Jahrhundert stark gewandelt hat. Erst recht aktuell ist die Frage, wie garstig das Wetter sein darf, damit es für die Fahrer noch zumutbar ist. Vor zwei Jahren wurde Mailand–Sanremo wegen Schneefalls auf dem Turchino-Pass unterbrochen.

Die Fahrer wurden mit Bussen auf die andere Seite des Übergangs transportiert, wo das Rennen mit den vorherigen Zeitabständen wieder aufgenommen wurde. Im letzten Jahr waren die Bedingungen nur unwesentlich besser, liessen jedoch das Befahren der ganzen knapp 300 Kilometer zu. Beide Mal kam es am Ende zum Sprint einer Gruppe.

Richtig lanciert wurde die gegenwärtige Debatte indes erst nach dem Giro d’Italia 2014. In der Abfahrt vom schneebedeckten Stilfser Joch neutralisierten die Organisatoren das Rennen aus Sicherheitsgründen. Nicht alle Fahrer wollten diese Massnahme mitbekommen haben. Der spätere Gesamtsieger Nairo Quintana ging in den Angriff und holte in jener Etappe letztlich entscheidend Zeit auf die Konkurrenz heraus.

Klare Grenzwerte

In den letzten Wochen wurde das Wetter erneut zum Thema. Bei der Oman-Rundfahrt wurde eine Etappe bei Sandsturm und Temperaturen von fast
50 Grad erst nach einem Fahrerstreik abgebrochen. Vergangenes Wochenende mussten sich die Profis dann beim Tirreno–Adriatico durch den Schnee kämpfen. Als Wortführer der Fahrer tat sich in beiden Fällen der Berner Fabian Cancellara hervor mit der Forderung nach einer klaren Regelung für einen Rennabbruch. «Wir brauchen Temperaturgrenzwerte gegen oben und unten», sagte Cancellara.

Während aus Fankreisen die Befürchtung laut wird, die Rennen könnten durch solche Regeln aseptisch und langweilig werden und damit an epischem Charakter einbüssen, stossen Cancellaras Forderungen im Fahrerfeld auf Verständnis. Der Aargauer Profi Silvan Dillier hält die Einführung von Grenzwerten jedoch kaum für praktikabel. «Die Temperatur ist nicht allein entscheidend», sagt er und vertraut auf das Augenmass der Verantwortlichen. In Mailand trafen sich am Freitag Vertreter von Fahrern, Organisatoren und Weltverband UCI zu diesem Thema. Danach wurde für kommende Saison ein Reglement in Aussicht gestellt, das den Fahrern mehr Gehör verschaffen soll. Die Wetterprognosen fürs heutige Rennen sind derweil schlecht. Immerhin ist kein Schneefall zu erwarten.

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