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Fabian Cancellara: «Ich habe Abstand vom Velo gebraucht»

Fabian Cancellara ist nach einem schwierigen Jahr 2012 bereit für die Klassikersaison. Wie das Saisonprogramm aussieht, lässt Cancellara noch offen.

Simon Steiner, San Vincenzo
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Fabian Cancellara mag auch den dunklen Seiten seiner Karriere als Radprofi etwas Gutes abzugewinnen. Bruno Bade/freshfocus

Fabian Cancellara mag auch den dunklen Seiten seiner Karriere als Radprofi etwas Gutes abzugewinnen. Bruno Bade/freshfocus

Nicht manche Nacht hat Fabian Cancellara seit November in seinem eigenen Bett verbracht. Meist war der Berner in wärmeren Gefilden unterwegs, um sich optimal auf seine 13. Profisaison vorzubereiten. Diese wird am Sonntag bei Mailand–Sanremo, dem ersten Eintagesklassiker des Jahres, so richtig lanciert.

«Ich habe hart gearbeitet in den letzten Monaten», sagt Cancellara, der am kommenden Montag seinen 32. Geburtstag feiern kann.

Das intensive Training war nötig nach der Rennpause im Herbst, die länger dauerte als je zuvor in seiner Karriere. Am 1. August hatte Cancellara an den Olympischen Spielen in London seinen letzten Wettkampf des Jahres bestritten – und die Saison danach entgegen allen guten Ratschlägen für beendet erklärt.

«Jeder Trainer hätte gesagt, es sei unprofessionell, so lang zu pausieren», sagt Cancellara. «Aber im Rückblick betrachtet war meine Entscheidung richtig. Ich habe Abstand vom Velo gebraucht, um das Jahr 2012 emotional zu verdauen.»

Mühseliger Wiederaufbau

Es war in der Tat ein schwieriges Jahr gewesen für Cancellara. Mit dem Sturz im April an der Flandernrundfahrt und dem vierfachen Schlüsselbeinbruch. Mit dem mühseligen Wiederaufbau.

Mit den Unruhen im Team wegen finanzieller Probleme und der Verwicklung von Teamchef Johan Bruyneel in den Dopingfall Lance Armstrong. Mit dem Prologsieg an der Tour de France und der Woche im Leadertrikot. Mit der Geburt seiner zweiten Tochter.

Und schliesslich mit dem olympischen Strassenrennen, wo Cancellara seine Medaillenchancen nach einem Sturz in einer Kurve begraben musste – und mit einer lädierten Schulter auch vier Tage später im Zeitfahren chancenlos war.

«In der ganzen Olympiavorbereitung ist etwas viel zusammengekommen», sagt Cancellara heute. «Die Medaille lag in London auf dem goldenen Tablett bereit, aber sie war nicht für mich gemacht. Meine Form war zu 100 Prozent da, aber das ganze Drumherum hat nicht gepasst.»

Hatte er beim Sturz in Flandern schlicht Pech gehabt, dass er einer Getränkeflasche nicht rechtzeitig ausweichen konnte, so scheiterte er in London an einem klaren Fahrfehler. «Solche sind mir in meiner Karriere noch viele passiert, aber letztlich bin ich auch nur ein Mensch.»

Das Feuer ist wieder da

Der Mensch Cancellara war es auch, der im Herbst im Vordergrund stand. «Ich brauchte Distanz vom Rennfahrer Cancellara», sagt er. Entgegen kam ihm dabei, dass das öffentliche Interesse an seiner Person während dieser Phase etwas zurückging.

So nutzte er die Zeit für seine Familie und erlebte die ersten Lebensmonate seiner kleinen Tochter hautnah mit. «Ich war einfach nur Familienvater und habe das getan, was jeder andere macht, wenn er abends von der Arbeit heimkommt.»

Irgendwann merkte er dann aber doch, wie das Feuer für den Radsport zurückkehrte. Ans Aufhören hatte er ohnehin nie ernsthaft gedacht. «Es gab zwar Momente, in denen ich mich gefragt habe, was ich eigentlich mache», sagt Cancellara. «Ich war in einer Situation, wie ich sie noch nie erlebt hatte.

Aber dieser Herausforderung wollte ich mich auch stellen. Das Velo an den Nagel zu hängen, kam deshalb nicht infrage.»

Gleichzeitig ist sich Cancellara durchaus bewusst, dass er nicht mehr ewig Radprofi sein wird. «Ich nähere mich langsam dem Pensionsalter», sagt er. «Ich fahre nicht einfach Rad, um dabei zu sein.» Vorerst denkt er aber erst mal bis zum 7. April, wenn Flandern-Rundfahrt und Paris–Roubaix vorüber sind.

Dort hat der Berner, der seit seinem Double von 2010 keinen Eintages-Klassiker mehr gewinnen konnte, noch offene Rechnungen «Ich freue mich extrem auf diese Rennen», sagt er, auch wenn er weiss, dass es für ihn schwieriger geworden ist, zu gewinnen. «Einerseits schauen alle auf mich, andererseits kommen junge Fahrer wie Peter Sagan, die Druck machen.»

Das Andenken aus London

Wie das weitere Saisonprogramm aussieht, lässt Cancellara noch offen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird er aber vor der Tour de Suisse noch den Giro d’Italia bestreiten und dafür auf die Tour de France verzichten, bevor im September mit den Weltmeisterschaften in Florenz ein weiterer Saisonhöhepunkt ansteht.

Die Erfahrungen aus dem Jahr 2012 nimmt der Zeitfahr-Olympiasieger von 2008 mit. «Die Saison war schlecht, aber sie hatte auch etwas Gutes», sagt er. So glaubt er, dass er sich in der Vergangenheit teils fast zu stark gefühlt habe. «Manchmal ist es besser, nur zu 80 bis 90 Prozent in Form zu sein. Dann hast du mehr Biss und Willen, das Optimum herauszuholen. Wenn du zu 100 Prozent bereit bist, wirst du überheblich und beginnst Fehler zu machen.»

Das olympische Strassenrennen von London wird Cancellara zudem aus einem anderen Grund nicht so schnell vergessen. Seine Schulterverletzung ist noch immer nicht vollständig ausgeheilt. «In London ist da mehr kaputt gegangen als in Flandern», sagt er und scherzt: «Ich habe zwar keine Medaille, aber immerhin ein Andenken nach Hause gebracht.»

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