Champions League

Ramon Vega vor dem Champions-League-Final: „Das wird ein Fest für den englischen Fussball“

Ramon Vega (r.) mit dem ehemaligen GC-Präsident Stephan Anliker.

Ramon Vega (r.) mit dem ehemaligen GC-Präsident Stephan Anliker.

Er spielte viereinhalb Jahre für Tottenham. Er spricht mit Demut über den FC Liverpool. Der Trimbacher Ramon Vega (47) blickt voller Vorfreude dem Champions-League-Final entgegen – und schaut erstmals auf persönlich turbulente Monate zurück.

London befindet sich in diesen Tagen im Banne des Fussballs. Im legendären Wembleys wurden übers vergangene Wochenende vor insgesamt 187‘000 Zuschauern in den Play-off-Spielen die letzten Plätze in den drei Profiligen ausgespielt. Aston Villa – Derby (2:1) galt als das „200-Millionen-Spiel“ – weil diese Summe aus den Fernsehgeldern selbst dem Letzten der Premier League garantiert ist.

Die Fussball-Party ging am Mittwoch im Europa-League-Final im fernen Baku weiter. In einer fulminanten zweiten Halbzeit überrannte Chelsea den Stadtrivalen Arsenal mit 4:1. Insgesamt 13 Profivereine spielen im Raum London. Doch kein Klub bewegt die Menschen derzeit mehr als Tottenham Hotspur.

Der Klub mit dem Kampfhahn im Wappen tritt in Madrid zum Champions-League-Final gegen Liverpool an. Emotional stark involviert ist dabei der frühere Schweizer Nationalspieler Ramon Vega. Der Solothurner lebt seit 1999 in London und spielte viereinhalb Jahre für die Spurs. Überall, wo er hinkommt, wird er auf seinen früheren Arbeitgeber angesprochen. Denn in England ist Fussballgeschichte Teil der Alltagskultur. Wer sich für einen Klub verdient gemacht hat, gehört für immer zur „Familie“.

Ramon Vega, wie geht es Ihnen?

Mit geht es sehr gut. Aber in Grossbritannien im Allgemeinen und in London im Speziellen ist momentan wegen des Brexit der Teufel los. Manchmal kommt es mir vor wie in einem Krieg. Die Leute raffen ihre Sachen zusammen und verlassen das Land – dies gilt zumindest für einen Teil der Finanzbranche.

Welche Auswirkung hat der Brexit für Sie als Vermögensverwalter?

Für mich stellt sich die Frage: Soll ich weiter von London aus operieren – oder soll ich das Land verlassen? Für kleinere und mittlere Unternehmen ist die Situation besonders hart. Ich sagte schon vor der Brexit-Abstimmung im Sommer 2016 die gravierenden Folgen voraus. Die EU ist der wichtigste Handelspartner von Grossbritannien. 90 Prozent der Geschäfte laufen mit Kontinentaleuropa. Viele Menschen denken, man könne diese Einbussen durch Geschäfte mit China, Indien oder Australien kompensieren. Aber das funktioniert kaum. Die Briten haben in diesen Ländern viel Einfluss verloren.

Wie konnte es soweit kommen?

Das Missmanagement der Regierung ist beispiellos. Die ganze Politik steckt in einer Blockade fest. Entsprechend gross ist die Ungewissheit im ganzen Land. Dies wird sich bis zum endgültigen Austritt nicht ändern. Rückblickend muss ich von Glück sprechen, dass ich meine Geschäftstätigkeiten aufgrund meiner Ambitionen fürs FIFA-Präsidium zurückgefahren und die Kompetenzen delegiert habe. Ich wollte es mir in dieser Phase nicht leisten, mich geschäftlich zu stark zu exponieren.

Sie sprechen Ihre FIFA-Kandidatur an. Bereuen Sie nachträglich diesen Aktivismus?

Nein, überhaupt nicht. Auch wenn es keine erfolgreiche Kampagne war, habe ich wertvolle Erfahrungen gesammelt und interessante Kontakte geknüpft. Grundsätzlich muss ich hier aber etwas klarstellen: Die Absicht, zu kandidieren, kam nicht von mir. Sie wurde an mich herangetragen. Meine Erfahrung im Fussball, der geschäftliche Hintergrund und die Vielsprachigkeit machten mich für gewisse Kreise zu einem valablen Kandidaten. Ich habe mir die Sache gut überlegt – und weil ich den Support und die Wertschätzung von wichtigen Persönlichkeiten spürte, nahm ich die Herausforderung an.

Woran (oder an wem) scheiterten Sie?

Vermutlich am System. Bevor ich mich auf die Sache einliess, habe ich die Lage analysiert und kalkuliert. Ich wäre kaum an die Öffentlichkeit getreten, wenn ich mir nicht gewisse Chancen ausgerechnet hätte. Sie glauben nicht, wie viele Versprechen und Solidaritätsbekundungen ich von Verbandsvertreten zu hören bekam. Aber letztlich gerieten diese Leute unter Druck. Denn sie sind von den Unterstützungszahlungen der FIFA abhängig. Zusammenfassend kann man sagen: Geld regiert die Welt.

War es aber nicht ein wenig naiv zu denken, dass ein Aussenstehender in diese „geschützte Werkstatt“ einbrechen kann?

Ich betrachte mich nicht als Aussenstehender. Denn ich war immer im Fussball engagiert. Aber es ist richtig, dass es sehr schwierig ist, wenn man nicht zum Establishment gehört. Viele Menschen sprechen davon, das System aufbrechen zu wollen – Transparenz, Durchlässigkeit und Glaubwürdigkeit zu schaffen. Aber in den Nationalverbänden hat sich diese Erkenntnis noch nicht durchgesetzt. Und nun haben wir die unbefriedigende Situation, dass es ums FIFA-Präsidium zu keiner echten Wahl kommt – weil es keinen Gegenkandidaten zum Präsidenten Gianni Infantino gibt. Für ein angeblich demokratisches System ist dies kein gutes Zeichen.

Zurück zu Ihnen persönlich. Die „Sonntagszeitung“ veröffentlichte am 24. Februar einen Artikel unter dem Titel „Der grosse Bluff des Ramon Vega“. Die Zeitung unterstellte Ihnen, dass Ihre Erfolgsgeschichte in der Londoner Finanzwelt erfunden sei. Was sagen Sie heute dazu?

Dieser Artikel war eine Frechheit, weil er schlecht recherchiert und aus der Distanz geschrieben war. Ich lebe nun seit 20 Jahren in London – und erst ein einziger Schweizer Journalist hat mich an meinem Geschäftssitz besucht. Und der kam zu einem anderen Fazit als der Schreiber der Sonntagszeitung. Vielleicht ist es für manche Leute schwer zu akzeptieren, dass ein ehemaliger Fussballer als Unternehmer erfolgreich sein kann. Und vielleicht tat sich auch die FIFA schwer damit, dass sich ein Geschäftsmann für den Job des Präsidenten interessiert. Wer mich kennt, weiss, dass ich ehrlich und offen bin. Ob es aber in einem Geschäft immer gleich gut läuft, ist eine andere Frage. In der Finanzbranche ist man gewissen Risiken ausgesetzt – und wie erwähnt, durchleben wir in London derzeit hektische Zeiten. Aber ein wenig bessere Recherche hätte ich von diesem Journalisten schon erwartet. Oder könnte ich von meinem Geschäft seit 18 Jahren leben, wenn alles so schlecht wäre?

Themawechsel. Nach London kamen Sie einst wegen des Fussballs. Sie spielten viereinhalb Jahre für Tottenham Hotspur. Was verbindet Sie heute noch mit diesem Klub?

Sehr viel. Wenn immer ich kann, kicke ich am Wochenende mit den Tottenham Legends – zusammen mit alten Kollegen wie Sol Campbell, Teddy Sheringham, Allan Nielsen oder Les Ferdinand. Der Klub pflegt seine ehemaligen Spieler – und die Fans leben die Tradition. Es gibt nur wenige Länder, in denen sich die Menschen so sehr mit ihren Fussballklubs identifizieren wie in England. Praktisch jeder und jede wächst hier mit einem Klub auf. Sogar Prinz William bekennt sich zu Aston Villa. Und die Queen sympathisiert mit West Ham United. Diese Verbundenheit spürt man auch bei Tottenham und seinen Fans. Und das Anfang April eröffnete neue Stadion mit einem Fassungsvermögen von 62‘000 Plätzen ist schlicht Weltklasse. Der Bau hat rund eine Milliarde Pfund gekostet. Deshalb musste sich der Klub im Transferbereich in den vergangenen zwei Jahren zurückhalten und hat keinen einzigen externen Zuzug getätigt. Aus der Not machte er eine Tugend, setzte konsequent auf die Nachwuchsarbeit und baute sukzessive Spieler aus der eigenen Juniorenabteilung in die erste Mannschaft ein – Spieler wie Harry Kane, Dele Alli, Kyle Walker-Peters oder Harry Winks.

Die Spurs gelten als Klub mit jüdischem Hintergrund. Wie ist dies im Alltag zu spüren?

Im Norden London befinden sich die grössten jüdischen Quartiere der Stadt – beispielsweise Stamford Hill. Die Fans der Spurs nennen sich auch Yid Armee. Der Klub ist relativ eng mit der Londoner Finanz- und Geschäftswelt vernetzt. Ob dies aber einen Zusammenhang mit dem jüdischen Bezug hat, kann ich nicht sagen. Fakt ist aber: In den Business-Rankings zählte Tottenham Hotspur auch in jenen Jahren stets zu den Top-ten der bestgeführten Vereinen, als man weit weg von Champions- und Europa-League war. 

Nun kommt es in Madrid zum Champions-League-Final gegen Liverpool. Am Mittwoch spielten schon Arsenal und Chelsea in einem rein englischen Final um die Europa League. Wie ist die Stimmungslage in England vor diesem Spiel?

Es herrscht eine Riesen-Euphorie – auch wegen der Entstehungsgeschichte. Ich denke, die Halbfinals in der Champions League zwischen Tottenham und Ajax sowie zwischen Liverpool und Barcelona gehörten zum Besten und aufregendsten, was der europäische Fussball in den vergangenen Jahren zu bieten hatte. Oft besteht das Gefühl, dass bei dem aufgeblähten Spielkalender selbst wichtige Spiele zu Dutzendware verkommen. Diesmal war alles anders: Dramatischer und packender hätte es nicht sein können. Und das schöne ist: Es waren für einmal andere Klubs, die die grossen Geschichten schrieben. Leid taten mir einzig die Spieler von Ajax. Sie spielten gegen Tottenham grandios auf – bewiesen, welch grosse Fussballkultur in ihrem Klub steckt. Am Ende aber jubelten wir. Jetzt können die Engländer mit gutem Recht feststellen: „Fussball is coming home“. Dass der Champions-League-Final in Madrid, der Stadt des berühmtesten Fussballklubs der Welt stattfindet, setzt dem Ganzen die Krone auf. Das wird ein ikonisches Ereignis und ein Riesenfest für den englischen Fussball – ja für den globalen Fussball.

Stichwort Liverpool. Die Stadt steht wie kaum eine andere für den Mythos Fussball. Wie fühlt es sich an, an der Anfield Road ins Stadion einzulaufen?

So etwas erlebt man kaum an einem anderen Ort. Die Menschen tragen den Fussball in ihrem Herzen und in ihren Seelen. An der Anfield Road spürt man diese Emotionen in jeder Faser. Die Wucht und die Leidenschaft der Fans sind unbeschreiblich. Ich kann mich an ein Spiel mit Tottenham erinnern, als wir 3:0 führten. Die Liverpool-Anhänger aber sangen, als würde ihr Klub 3:0 führen. Sie trieben ihre Spieler unermüdlich nach vorne – und am Schluss stand es 3:3. Auch wenn es nach einem Klischee tönt: Die Fans des FC Liverpool sind der 12. und der 13. Spieler des Teams.

„You’ll never walk alone“. Die Hymne der Liverpooler ist das vielleicht berühmteste Fan-Lied der Welt. Wie hört sich diese Melodie für Spieler der gegnerischen Mannschaft an?

Es ist ein Gänsehautgefühl: man spürt Respekt und Demut vor diesem Klub – selbst als gegnerischer Spieler. Aber man wird von dieser Ambiance auch getragen – erhält einen Extraschub Energie. Ganz generell sind die englischen Fans für mich die besten der Welt. Ihre Leidenschaft und die Loyalität für ihre Klubs sind grandios. 

Die englischen Klubs dominieren den europäischen Fussball wie nie eine Nation zuvor. Aber die Nationalmannschaft hinkt hinterher. Kann sich das ändern?

Ich denke, es hat sich schon geändert. Im Nachwuchs setzen die englischen Auswahlen den Massstab. Auf U17- und U20-Stufe stellen sie den aktuellen Weltmeister. Und das A-Team bot an der WM in Russland eine ganz starke Leistung. Zum Finaleinzig fehlte nur wenig. Die Entwicklung im Fussball ist ein langsamer Prozess. England hat viel in die Ausbildung investiert und erntet nun die Früchte. Eine der Schlüsselfiguren war zweifellos Roy Hodgson. In seiner Zeit als Nationaltrainer gab er zwischen 2012 und 2016 vielen Jungen eine Chance. Diesen Weg war er zuvor schon als Coach von Liverpool gegangen.

Last but not least. Noch ein Blick in die Schweiz. Ihr Stammverein GC steckt in tiefen Schwierigkeiten…

Ich habe dem Klub viel zu verdanken. Ich kam vom FC Trimbach und war im Fussball quasi ein Niemand. GC gab mir die Chance, als Profi Fuss zu fassen. Ich gewann mit diesem Klub dreimal die Meisterschaft und einmal den Cup. Aber das war sozusagen in einem anderen Leben. Was heute geschieht, tut weh. Die sportliche Misere ist dabei nur die Oberfläche. Das ganze Drumherum ist unwürdig. Dabei hätte es im Umfeld des Vereins genügend Knowhow um eine solide Basis für die Zukunft zu legen. Ich hoffe, dass der Abstieg eine reinigende Wirkung hat. Wenn man die richtigen Schlüsse zieht, kann er die Chance für einen Neuanfang sein. Es wäre durchaus reizvoll, dabei mitzuhelfen.

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