Motorradsport
54 Jahre alt, Grossvater – und Weltmeister: Das ist Marcel Fries aus Hochdorf

Marcel Fries hat als Seitenwagen-Beifahrer eine überragende Saison hinter sich: Mit Pilot Markus Schlosser gewinnt der Routinier aus Hochdorf die WM. Eine Begegnung danach rührt ihn zu Tränen.

Peter Birrer
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Marcel Fries (rechts) mit Pilot Markus Schlosser bei einem WM-Rennen.

Marcel Fries (rechts) mit Pilot Markus Schlosser bei einem WM-Rennen.

Bild: Sascha Biele

Auf einmal sind die Scheinwerfer auf ihn gerichtet, plötzlich ist er, der sonst lieber im Hintergrund bleibt, im Mittelpunkt. Allerdings hat das seinen guten Grund: Marcel Fries darf sich seit Ende Oktober Seitenwagen-Weltmeister nennen – als Beifahrer von Pilot Markus Schlosser. Oder um es mit dem gängigen Begriff zu formulieren: als «Plampi».

Am Tag des Triumphs wird das Team in Estoril vom Schweizer Fernsehen begleitet, Anfang November organisiert die Gemeinde Hochdorf einen Empfang für ihren weltmeisterlichen Einwohner Fries. Die Aufmerksamkeit freut ihn, das schon, und doch ist sie für ihn etwas völlig Neues. Jahrelang ist er unterwegs gewesen, ohne dass jemand über seine Sportart berichtet hätte, der in den 1980er- und 1990er-Jahren dank des höchst erfolgreichen Duos Rolf Biland/Kurt Waltisperg regelmässig ein Beitrag im Schweizer Fernsehen gewidmet wurde.

Früher ein Sportmuffel, jetzt im Fitnessstudio

Marcel Fries ist kein Jungspund mehr, aber mit seinen 54 Jahren und als zweifacher Grossvater doch gut genug, um für den 49-jährigen Schlosser die perfekte Ergänzung zu sein. Die beiden verstehen sich blind, sie harmonieren so gut, dass sie immer noch schneller sind als die junge, aufstrebende und unerschrockene Konkurrenz. Er ist nun in einem Alter, an dem er an den Rücktritt denkt. Und doch: Ein Jahr möchte er noch anhängen, ein Jahr, in dem das Team Schlosser mit der Nummer 1 in die WM starten wird.

Der Motorsport interessiert Fries schon seit Jahren. Nur wettkampfmässig betreibt er ihn noch gar nicht so lange. Der gelernte Bäcker-Konditor besucht 2006 zusammen mit seinem Bruder René ein Bergrennen und ist fasziniert von den Seitenwagen-Oldtimern. Die zwei entschliessen sich, ein solches Gefährt zu kaufen und an Rennen teilzunehmen: René ist der Pilot, Marcel der Beifahrer. Das ist die Rolle, die auf ihn zugeschnitten scheint. «Als Fahrer hätte ich wohl zu wenig Talent. Und zu wenig Respekt», sagt er.

Marcel Fries vor einem Oldtimer-Seitenwagen in einer Garage in Hohenrain.

Marcel Fries vor einem Oldtimer-Seitenwagen in einer Garage in Hohenrain.

Bild: Manuela Jans-Koch (11.11.2021)

Er entwickelt als «Plampi» Fähigkeiten, die ihn von anderen abheben, und darum macht er Karriere. Bald fährt er als Co-Pilot an der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft mit, sei es mit dem Aargauer Peter Kaspar oder Jakob Rutz aus Waltenstein ZH. Aufhören möchte er mehr als einmal, nur: Immer wieder lässt er sich überzeugen, doch weiterzumachen. 2018 kommt der Berner Markus Schlosser auf ihn zu, und Fries sagt zu.

Bis dahin ist Fries ein Sportmuffel, «ein fauler Kerl», wie er selber zugibt. Lange hat er geraucht, bis zu drei Päckli pro Tag, aber damit ist nun Schluss. Und zum ersten Mal meldet er sich in einem Fitnessstudio an, stemmt Hanteln, trainiert Ausdauer und merkt, wie sich das lohnt. Als Beifahrer muss er in der Lage sein, das Gewicht so zu verlagern, dass mit optimalem Tempo gefahren werden kann. Das verlangt turnerische Fähigkeiten, das erfordert Mut und Risikobereitschaft. Fries sagt:

«Wenn ich einen Fehler mache, wirkt sich das sofort aus. Deshalb bewege ich mich stets am Limit.»

Eine Saison kostet ihn rund 40000 Franken

Auf dem Motorrad hat er keinen Sattel wie der Pilot, er sitzt dahinter auf einer kleinen, glitschigen Fläche aus Karbon – selbstredend ohne Sicherheitsgurt. Aber genau das ist es auch, was für ihn das Fahren im Seitenwagen zur Herausforderung macht: Es geht darum, in jeder Situation des Rennens die optimale Position zu finden.

In der Saison 2021 ist Fries im Verbund mit Schlosser unschlagbar. Acht von 15 Rennen entscheiden sie für sich und verdienen sich so als erstes Schweizer Team seit 27 Jahren den WM-Titel. Nun wäre es nicht abwegig zu glauben, dass die beiden dafür eine schöne Entschädigung in Form einer Prämie erhalten. Allerdings gibt es in dieser Sportart selbst für die Erfolgreichsten lediglich Pokale. Geld erhalten sie keines, im Gegenteil. Pro Rennen bezahlen sie 250 Pfund Startgeld, Fries kostet zudem die Lizenz als Beifahrer Jahr für Jahr 600 Franken. Alles in allem investiert der Idealist gegen 40000 Franken in sein Hobby – pro Saison.

Seit 21 Jahren ist Fries selbstständig und hat das Glück, dass ihm das kleine Team in seiner Glaserei in Root den Rücken freihält. Als Dank für den bedingungslosen Support lud er die vier Mitarbeiter Ende Oktober zum Abschlussrennen nach Portugal ein. Unterstützung erhält er auch von seiner Frau Sabine. An den WM-Wochenenden kümmert sie sich als Köchin jeweils um das leibliche Wohl des fahrenden Duos sowie der Mechaniker, die an Wettkampftagen unentgeltlich ihre Arbeit verrichten. Fries sagt:

«Wir haben ein überragendes Team beisammen. Ohne diese Voraussetzungen wäre ein Erfolg wie der WM-Titel nicht denkbar.»

Zu den Rennen reist er jeweils im Wohnmobil an. 30000 Kilometer pro Jahr sind die Normalität, das Gefährt ist phasenweise die zweite Stube für Marcel und Sabine Fries.

Bald ist auch die «1» auf dem Arm verewigt

Seine zweite Leidenschaft neben dem Sport ist die Musik. Er hört Jazz, Punk, Metal – je nach Stimmung. Er besitzt über 1000 Schallplatten, laufend kommen neue dazu. Oder es kommt vor, dass er mit seiner Frau Film um Film schaut, «manchmal zehn Stunden. Oder noch mehr», sagt Fries, dessen zwei Arme mit bunten Tattoos verziert sind. Eines zeigt den ersten Oldtimer, den er mit seinem Bruder gekauft hat, dazu sind alle Startnummern seiner Karriere verewigt. Die «1» fehlt noch, aber nicht mehr lange.

Vorderhand ruht der Seitenwagen-Betrieb, die Vorbereitung auf die neue Saison beginnt erst Ende März mit einer Trainingswoche in Frankreich auf dem Circuit du Val de Vienne. Fries findet endlich Zeit, um die vielen Eindrücke und Emotionen der vergangenen Saison zu verarbeiten. Ein Bild bleibt besonders haften: Am Empfang in Hochdorf tauchte auch Kurt Waltisperg auf, der legendäre Beifahrer von Rolf Biland. Dessen Besuch rührte Fries zu Tränen. Und irgendwie treiben Begegnungen wie diese den Seetaler an, weiterzumachen. Er sagt:

«Auf diesem Niveau kann man zwar nicht ewig mithalten. Aber eine Saison… Doch, die mache ich noch.»

Fährt die Angst mit? «Nein», antwortet er dezidiert, «nach so vielen Jahren kann ich abschätzen, welche Risiken ich eingehen kann. Dafür fahre ich privat nicht mehr mit dem Motorrad.» Wieso nicht? «Weil es mir im Strassenverkehr zu gefährlich ist.»

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