Die Luzernerin Silvana Hegglin kämpft mit harten Bandagen

Silvana Hegglin aus Büron ist eine der wenigen Frauen, die in der Schweiz Rollstuhlrugby betreiben.

Theres Bühlmann
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Silvana Hegglin, hier im Spiel mit den Nottwiler Snakes gegen die Grizzlies aus Bern.

Silvana Hegglin, hier im Spiel mit den Nottwiler Snakes gegen die Grizzlies aus Bern.

Bild: Pius Amrein (Nottwil, 23. November 2019)

Diese Disziplin ist nichts für zarte Gemüter. Rollstuhlrugby gilt als eine der härtesten Sportarten im Bereich des Behindertensports, actionreich und spannend. Körperkontakt ist nicht erlaubt, dafür wird der gegnerische Rollstuhl hin und wieder mit voller Wucht gerammt. Da sind Stürze, Beulen und Schrammen vorprogrammiert.

Mittendrin die 21-jährige Silvana Hegglin aus Büron, eine der wenigen Frauen, die diese Sportart betreiben. Sie gehört dem Rugby-Rollstuhlteam aus Nottwil an, welches mit zwei Mannschaften, den Fighting Snakes und den Snakes an der Schweizer Meisterschaft teilnehmen, wobei erstere den Titel verteidigen. Sie führen nach der ersten Runde, gespielt in Nottwil im letzten November, vor den Blue-White Eagles aus Zürich die Tabelle an. Silvana Hegglin verstärkt die Equipe der Snakes, welche im Zwischenklassement auf Platz 3 liegt. Zu spielen sind noch zwei Runden, die nächste findet am 25./26. Januar in Mörschwil (SG) statt, die letzte am 25./26. April in Embrach. «Ich hoffe, dass wir unseren dritten Platz halten können. Und um den Titel wird es zwischen den Fighting Snakes und den Zürchern eine spannende Auseinandersetzung geben.»

Blutvergiftung mit fatalen Folgen

Silvana Hegglin erlitt im Alter von zwei Jahren einen toxischen Schock, ausgelöst durch eine Blutvergiftung. In der Folge mussten der rechte Unterschenkel, der linke Fuss, die Finger an der rechten und teilweise jene an der linken Hand amputiert werden. Mit dem Schicksal hadern? «Sehr selten», sagt sie, «ich kann mit der Situation gut umgehen.» Kleinigkeiten seien es, die sie nicht machen könne. «Ich würde mir zum Beispiel gerne die Nägel lackieren oder Schuhe mit hohen Absätzen tragen. Oder wenn ich noch schnell etwas in einen Briefkasten einwerfen muss, dauert dies bei mir länger, weil ich erst aus dem Auto steigen und zum Briefkasten rollen muss.»

Silvana Hegglin ist in Ballwil aufgewachsen, beendete im Sommer die Lehre als Detailhandelsfachfrau, machte die Autoprüfung und zog von ihrem Elternhaus in Nottwil nach Büron, zusammen mit ihren beiden Katzen Kappa und Pumba. Zurzeit besucht sie die Parawork im Nottwiler SPZ, welche die Wiedereingliederung in die Arbeitswelt zum Ziel hat. Später möchte sie in der Tourismusbranche tätig sein.

Als Frau nicht von den Gegnern geschont

Zum Rollstuhlrugby fand sie 2015, als sie im SPZ in Nottwil eine berufliche Abklärung machte und ein Probetraining absolvierte. Und gefunden war sie, die Sportart, die sie mit grosser Passion betreibt. «Zu Beginn musste ich mich an die Härte dieser Sportart gewöhnen, als Frau werde ich von den Gegnern nicht geschont.» Als faszinierend beschreibt sie Rollstuhlrugby, die Schnelligkeit, die Athletik, die Ausdauer und vor allem auch der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaften.

Silvana Hegglin gehört auch der Nationalmannschaft an, verstärkte jenes Team, das 2016 an der B-EM in Nottwil Bronze gewann, den Aufstieg in die A-Division aber verpasste. Zwei Jahre später glückte dieses Unterfangen an der EM in Finnland. Silvana Hegglin war auch an den kontinentalen Meisterschaften in Dänemark 2019 dabei, bei der die Schweiz aber wieder den Abstieg antreten musste. Sie trainiert viermal in der Woche, zweimal Kraft und zweimal mit dem Verein, dazu kommen einmal im Monat Zusammenzüge mit der Nationalmannschaft und an einigen Wochenenden Turniere oder Spiele.

Ein wichtiger Faktor ist ihre Familie: Von Mutter Agnes, Vater Hugo und ihren Geschwistern Jasmin und Manuel erhält sie grosse Unterstützung. Die Eltern fuhren sie früher jeweils zu den Trainings. «Ohne sie hätte ich das alles nicht geschafft, alleine händeln konnte ich das nicht.» Sie freut sich, wenn die Familie bei den Wettkämpfen unter den Zuschauern weilt – und auch darüber, dass ihre Mutter sich um ihre Katzen kümmert, wenn sie längere Zeit abwesend ist.

Sportlich verfügt Silvana Hegglin über viel Potenzial. Dieses will sie in Zukunft weiter ausschöpfen. Dranbleiben, heisst ihre Devise, «ich möchte in der Nationalmannschaft einen Stammplatz haben». Sie bringt beste Voraussetzungen mit, ist schnell und wendig. Und Ziele, die sie sich vornimmt, lässt sie nicht aus den Augen.

Klassifizierung im Rollstuhlrugby

Weil Rollstuhl-Rugbyfahrer verschiedene Behinderungen aufweisen, mit Einschränkungen an mindestens drei Extremitäten, werden sie in eine Funktionsklasse eingeteilt, um so die Chancengleichheit zu wahren. Jeder Spieler wird mit einer Punktzahl zwischen 0,5 und 3,5 klassifiziert. Je höher die Punktzahl, desto geringer ist der Behinderungsgrad. Die vier Spieler auf dem Feld dürfen maximal acht Punkte aufweisen. (T.B.)

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