Eishockey
Remo Gross – der Blitzableiter

Zehn Jahre an der Seite von Kult-Trainer Arno Del Curto: Gross hat gelernt, mit den Launen seines Chefs umzugehen.

Marcel Kuchta
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Loyaler Partner: Remo Gross weiss, wie Arno Del Curto tickt.

Loyaler Partner: Remo Gross weiss, wie Arno Del Curto tickt.

Keystone

Wenn es blitzt und donnert in der Garderobe des HC Davos, dann ist Remo Gross der Mann, der dem Unwetter am unmittelbarsten ausgeliefert ist. Dass bei Cheftrainer Arno Del Curto zwischendurch schon mal die emotionalen Sicherungen durchbrennen können, daran hat sich der 55-Jährige mittlerweile gewöhnt. Seit zehn Jahren arbeitet Gross an der Seite der prägnantesten Trainer-Figur im Schweizer Eishockey, persönlich kennen sie sich seit über 20 Jahren und duellieren sich regelmässig auf dem Golfplatz.

Gross sagt: «Sobald er die Eishalle betritt, ist Arno mit voller Leidenschaft bei der Sache. Dann wird er zu einem anderen Menschen. Da zählt für ihn einzig und allein der Erfolg. Wenn du diese emotionalen Ausbrüche nicht aushalten kannst, dann musst du aufhören.» Gross betont aber auch: «Arno ist immer anständig zu mir. Wenn er sich mal im Ton vergreifen sollte, dann entschuldigt er sich später bei mir.»

Mehr als nur ein Blitzableiter

Doch Remo Gross ist weit mehr als ein simpler Blitzableiter an der Seite von Arno Del Curto. «Meine Hauptaufgabe ist es, mit den verletzten und rekonvaleszenten Spielern zu arbeiten und sie auf den normalen Trainingsbetrieb vorzubereiten», erklärt Gross. Er gibt nach dem medizinischen OK quasi noch aus sportlicher Perspektive grünes Licht, wenn er denkt, dass die Akteure wieder bereit sind für die bisweilen rigorosen Übungseinheiten des Headcoachs.

Daneben ist Remo Gross für Arno Del Curto seit vielen Jahren aber auch ein geschätzter Diskussionspartner. Das Vertrauen zueinander ist stetig gewachsen, und damit auch das Aufgabengebiet des Assistenztrainers. «Er fragt mich immer mal wieder nach meiner Meinung betreffend Taktik oder Aufstellung. Eines ist aber klar: Am Ende entscheidet einzig und allein Arno. Wie weit dabei meine Inputs einfliessen, weiss ich nicht. Aber er trägt die volle Verantwortung. Er hält am Ende auch den Kopf hin, wenn es nicht so läuft wie gewünscht», macht Remo Gross deutlich, dass es an der Rollenverteilung in der Davoser Trainergarderobe nichts zu rütteln gibt.

Co-Trainer ist nicht sein einziger Job

Ob er denn nie das Bedürfnis verspürt habe, selber wieder mehr Verantwortung zu übernehmen? Remo Gross, der ganz zu Beginn seiner Trainerkarriere Headcoach in Lenzerheide (ein Jahr 1. Liga) und in Chur (zwei Jahre NLB) war, ehe er dem Ruf Del Curtos zurück in seine Heimat Davos folgte, winkt diesbezüglich ab. «In Sachen Coaching hat Arno ganz klar das alleinige Sagen. Wenn ich mich in diesem Bereich hätte verwirklichen wollen, hätte ich den HCD schon lange verlassen müssen.»

Doch für den 300-fachen NLA-Spieler und zweifachen Meister mit dem HCD (1984, 1985) kam ein Wegzug aus Davos nie infrage. Einerseits, weil er sich an der Seite von Arno Del Curto stets wohlgefühlt hat und zusammen mit ihm vier Meistertitel (2007, 2009, 2011, 2015) feiern durfte. Andererseits aber auch, weil er neben dem Eishockey stets noch ein weiteres berufliches Standbein hatte. Gross ist und war schon Hotel- und Ladenbesitzer im Bündner Kurort. «Für mich war es immer wichtig, dass ich noch eine andere Aufgabe habe und nicht nur vom Eishockey abhängig bin», erzählt er.

Man muss sich Del Curto unterordnen

Es ist anzunehmen, dass das Davoser Trainerduo in dieser Form an der Bande des HCD bleiben wird, solange Arno Del Curto das Sagen hat. Das Vertrauensverhältnis zwischen den beiden ist inzwischen so gewachsen, dass ihn Del Curto auch schon gefragt hat, ob er ihn nach Russland zu St. Petersburg begleiten würde, als er vor einigen Jahren das unterschriftsreife Angebot des KHL-Topteams auf dem Schreibtisch liegen hatte. «Ich weiss aber nicht, ob ich Arno dorthin gefolgt wäre und das schöne Davos verlassen hätte», sagt Remo Gross.

Falls sich sein Weg und jener des HC Davos dereinst mal trennen sollten und Arno Del Curto sich einen neuen Assistenten suchen müsste, welche Qualitäten müsste der mitbringen, um neben einer solch dominanten Persönlichkeit bestehen zu können? Remo Gross macht deutlich: «Er müsste sich Arno einfach völlig anpassen. Wenn er das nicht kann, ist er schnell wieder weg. Aber eigentlich ist es so wie in jedem anderen Job. Man muss sich seinem Chef unterordnen.»

Die Männer im Schatten - Serie Teil 4

Assistenztrainer fristen im Spitzen-Mannschaftssport in aller Regel ein Dasein im Schatten der Cheftrainer – obwohl sich ihr Aufgabengebiet in den letzten Jahren eher vergrössert hat. Für viele Vertreter dieser speziellen Zunft ist die Existenz ausserhalb der vollen Verantwortung aber genau das, was sie wollen und suchen. Andere würden sich gerne eher früher als später an vorderster Front verwirklichen, schaffen es aber nicht, aus ihrer über Jahre kultivierten Rolle auszubrechen.

Die «Schweiz am Sonntag» hat je zwei Vertreter aus der höchsten Schweizer Fussball- und Eishockeyliga herausgepickt und sich mit ihnen über ihre Aufgabe als zweite Geige im Trainerteam unterhalten: Harald Gämperle, einer von zwei Assistenten der Berner Young Boys; Thomas Binggeli, der unterschätzte und um Anerkennung ringende Chrampfer im Hintergrund; Colin Muller, der seit Jahren loyal an der Seite von Sean Simpson von Job zu Job zieht; und Remo Gross, der beim HC Davos schon ein Jahrzehnt lang eng mit dem legendären Arno Del Curto zusammenarbeitet.

Den Auftakt unserer Serie bestritt am Montag YB-Assistenzcoach Harald «Harry» Gämperle. Es folgten am Montag Collin Muller und am Dienstag Thomas Binggeli. Heute, am Tag vor Heiligabend endet unsere Serie mit derjenigen Person, die Arno Del Curto wohl so gut kennt wie sonst niemand: Remo Gross.

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