Manchmal lohnt sich ein zweiter Blick, entsteht aus Sympathie und Zuneigung erst echte Liebe. So ähnlich ist es mit Roger Federer und Roland Garros. Seine Vorbilder sind Stefan Edberg, Boris Becker und Pete Sampras. Ihnen allen blieb ein Sieg in Paris verwehrt. «Darum war es auch nie mein Kindheitstraum, die French Open zu gewinnen», sagt Federer.

«Erst mit der Zeit habe ich mich in Roland Garros verliebt.» Und Paris sich in ihn. Vielleicht darum, weil er, der überall sonst auf der Welt ein Sieger war, hier immer verlor. Weil er, der Künstler, auf dem roten Sand so verwundbar, so menschlich war. Weil er von 2005 und 2008 viermal in Folge gegen Rafael Nadal verlor, dreimal im Final. Und weil er erst dann die Coupe des Mousquetaires gewann, als er den Glauben daran bereits verloren hatte.

Der Sieg auf dem Silbertablett

Der Sieg in Roland Garros ist jener, den Federer am längsten hatte erdauern müssen. «Als ich es geschafft hatte, war das einer der grössten Momente in meinem Leben», sagt er zehn Jahre später. Das Turnier 2009 ist auch die Geburtsstunde einer Amour fou zwischen dem kritischen und oft als chauvinistisch bezeichneten Publikum und Federer. «Ich spürte, dass es sich wünschte, dass ich endlich gewinne. Das war enorm berührend.»

Nachdem Nadal in den Achtelfinals verloren hatte, lag der Sieg plötzlich auf dem Silbertablett für ihn bereit. «Die sieben Tage danach fühlten sich wie eine Ewigkeit an», erinnert sich der 37-Jährige. «Der Druck wurde dadurch nur noch grösser.» Vermutlich spielte Federer vorher und nachher besser in Paris, doch er triumphierte in jenem Jahr, in dem er auf die grössten Widerstände traf. Zwei Mal gewann er erst im fünften Satz.

Bedingungslos war Federers Liebe zu Paris indes nie. 2017 verzichtete er, weil ihm das Vertrauen in den Körper fehlte und im Vorjahr kokettierte er über Monate mit einer Rückkehr, beflügelte die Fantasien der Franzosen – nur, um dann doch wieder seiner grossen Liebe Wimbledon den Vorzug zu geben.

2009 gewinnt Roger Federer die French Open zum ersten und einzigen Mal.

2009 gewinnt Roger Federer die French Open zum ersten und einzigen Mal.

Beissende Kritik von Wilander

Das hat ihm damals auch Kritik eingebracht und die Beziehung auf eine harte Probe gestellt. Mats Wilander schrieb in der Sportzeitung «L’Equipe»: «Egal, was du für diesen Sport getan hast, du kannst nie genug tun, ihm zurückzuzahlen, was er dir gegeben hat. Roger hat eine Verantwortung gegenüber dem Sport. Diese stirbt nie.» Federer hätte in Paris ohne Vorbereitung einfach ein bisschen mitspielen und ausscheiden können, «das wäre doch kein Weltuntergang», meinte Wilander.

Doch Roger Federer, 37, war nie ein Freund von Halbheiten. So überraschte es auch wenig, als er jüngst in Madrid erzählte, dass er bereits im Dezember den Entschluss gefasst hatte, 2019 wieder auf Sand zu spielen. Der Gedanke, noch einmal in Roland Garros anzutreten, hat ihn nie losgelassen. Nun sagt er: «Ich bin glücklich, wieder hier zu sein, denn ich habe das Publikum sehr vermisst. Vielleicht noch mehr, weil ich die letzten drei Male verpasst habe.»

Vorsichtsmassnahme in Rom

Bei den French Open gab Federer vor 20 Jahren auch sein Grand-Slam-Debüt. Der Baselbieter ist der einzige Spieler von damals, der auch in diesem Jahr antritt. «Vieles hat sich verändert, seit ich das erste Mal hier war. Ich spüre aber immer noch das alte Roland Garros. Es hat seine Atmosphäre und seinen Glanz bewahrt», schwärmt Federer. Und es klingt ein bisschen so, als würde er sich gerade neu verlieben.

Dass er in Rom auf den Viertelfinal verzichtete, sei eine Vorsichtsmassnahme gewesen. Den Gedanken, die Viertelfinal-Niederlage von 2015 gegen Stan Wawrinka könnte sein letztes Spiel in Roland Garros gewesen sein, konnte er nicht ertragen. Am Sonntag trifft er auf den Italiener Lorenzo Sonego (ATP 73).

Der Vergleich mit Australien

Danach gefragt, ob er sich in Paris den Turniersieg zutraue, sagte er: «Ich spüre, dass ich gut spiele, aber ist es auch gut genug, um gegen die Besten zu bestehen?» Es sei ein Sprung ins Ungewisse. «Wie 2017 in Australien.»

Damals gewann Federer nach langer Pause seinen 18. Grand-Slam-Titel. Der Gedanke an ein ähnliches Szenario beflügelt die Fantasie der Franzosen. Es wäre eine weitere Episode in einer Amour fou, die so harmlos begonnen hatte. Und der Beweis, dass alte Liebe nicht rostet.