Australian Open

Roger Federer im Herzen des Voyeurismus: «Ich muss aufpassen, dass ich nicht paranoid werde»

An den Australian Open unter ständiger Beobachtung: Roger Federer.

An den Australian Open unter ständiger Beobachtung: Roger Federer.

Bewegt sich Roger Federer in den Gängen des Melbourne Park, wird er von unzähligen, ferngesteuerten Kameras verfolgt. Gesteuert werden sie aus der Ferne in einem Kontrollraum. Die Australian Open bedienen damit den Voyeurismus unserer Zeit. Nicht immer wird die Privatsphäre gewahrt.

Bewegt sich Roger Federer in der Öffentlichkeit, verfolgt ihn immer mindestens eine Kamera oder ein Handy. Der 38-Jährige ist in diese Welt hineingewachsen, er kennt es nicht anders. Doch bei den Australian Open erreicht die Dauerüberwachung neue Dimensionen.

Noch bevor das Turnier begonnen hatte, machte ein Video die Runde, das Federer beim Versteckspiel und Rangeln mit seinem Physiotherapeuten Daniel Troxler zeigt. Aufgenommen worden waren die Bilder mit drei fest installierten Kameras in den Gängen unter dem Melbourne Park. «Ich habe viele Nachrichten aus der Schweiz erhalten. Es ist nicht das erste Mal, dass wir so etwas gemacht haben. Es war an der Zeit, dass wir erwischt werden», sagte Federer zu den Aufnahmen.

Schon im letzten Jahr sorgte eine Szene mit ihm in der Hauptrolle für Erheiterung. Als er im Innern der Rod-Laver-Arena in den Spielerbereich gehen wollte, verwehrte ihm ein Aufpasser den Durchgang, weil er seinen Ausweis nicht auf sich getragen hatte.

Roger Federer wird der Zutritt verwehrt

Das Turnier installierte vor vier Jahren fixe Kameras. Inzwischen wird auf einem eigenen Kanal fast alles gezeigt, das mit den ferngesteuerten Kameras zu erreichen ist. Ausschnitte davon erscheinen im Fernsehen. Sogar einen Livestream gibt es.

Rund und schwarz sind die Kameras, angebracht an der Decke, kaum sichtbar, gesteuert werden sie von einem Kontrollraum aus. Sie erlauben eine Rundumsicht und ein Ranzoomen. Die Australian Open bedienen damit den Voyeurismus unserer Zeit. Meist ist das den Spielern und ihrer Entourage gar nicht bewusst. Wir leben in einer Big-Brother-Gesellschaft», sagte Novak Djokovic im letzten Jahr. «Es bleibt uns nichts anderes übrig, als es zu akzeptieren.»

Roger Federer sagt auf Frage dieser Zeitung, er halte die Omnipräsenz der Kameras durchaus für problematisch. «Inzwischen muss ich mir schon fast überlegen, wo ich mich aufwärmen kann, ohne gefilmt zu werden.» Aber man gewöhne sich daran. «Ich muss schon aufpassen, dass ich nicht paranoid werde und überall schaue, ob es Kameras hat», sagt Federer.

Es gebe Situationen, bei denen er hoffe, dass die Veranstalter fragen würden, bevor sie das Bildmaterial veröffentlichen. Denn was für ihn in Ordnung sei, könne nicht der Massstab sein. Vielleicht störe es seinen Physiotherapeuten, oder seinen Trainer. Er sei schon überrascht gewesen, dass die Szenen aufgenommen worden seien. «Aber ich fand es eigentlich noch ganz lustig.»

Mirkas Klaps auf Rogers Hintern

Tatsächlich sind die Szenen meist harmlos und banal. Sie zeigen Federer, wie er Rafael Nadal abklatscht. Oder Ehefrau Mirka, die ihrem Mann vor dem Spiel einen Klaps auf den Hintern gibt. Doch nicht immer respektieren die Veranstalter die Privatsphäre der Spieler. 6:7, 6:7 hatte die Kroatin Petra Martic im letzten Jahr in der dritten Runde gegen Sloane Stephens verloren und dabei in beiden Durchgängen eine 3:1-Führung verspielt. Auf dem Platz hatte sie noch Contenance bewahrt. Doch kaum war sie in einem der Gänge unter der Anlage verschwunden, brach sie zusammen, kauerte weinend an einem Betonpfeiler.

Was sie nicht wusste: Eine fest installierte Kamera zeichnete den intimen Moment nicht nur auf, der Kameramann zoomte sogar noch näher ran. Der Aufschrei war gross, das Video wurde entfernt. Allerdings erst, nachdem es die halbe Welt gesehen hatte. In den Australian Open schlägt das Herz des Voyeurismus.

Als die «New York Times» letztes Jahr bei Turnierdirektor Craig Tiley nachfragte, wie viele Kameras im Einsatz stünden, wich dieser aus, bezeichnete sie aber als «Quelle für guten Inhalt», welche die Übertragung der Spiele ergänze und ein kompletteres Bild des Sports und dessen Kultur offenbare.
Content ist die Währung, die zu Geld gemacht wird. Es gebe zwar ein Protokoll, was gezeigt werden dürfe. Aber dass die Spieler zuvor nicht einmal gewarnt würden und auch keine Einverständniserklärungen unterzeichnen können – das öffnet das Feld für grenzenlosen Voyeurismus.

Meistgesehen

Artboard 1