Analyse
Roger Federer möchte ein letztes Mal die Zeit anhalten, um den Tennis-Zirkus durch den Haupteingang verlassen zu können

Roger Federer verzichtet auf die Australian Open. Ob er noch einmal in die Weltspitze zurückkehrt, ist ungewiss. Viel mehr geht es ihm wohl darum, das Tennis durch den Haupteingang zu verlassen. Die Analyse.

Simon Häring
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Roger Federer bestritt im Januar 2020 seinen letzten Ernstkampf und wird erst im Februar 2021 in den Tennis-Zirkus zurückkehren.

Roger Federer bestritt im Januar 2020 seinen letzten Ernstkampf und wird erst im Februar 2021 in den Tennis-Zirkus zurückkehren.

Joe Castro / EPA
Simon Häring

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Sandra Ardizzone / INL

Überraschen konnte diese Meldungen niemanden mehr. Erst herrschte Stille, dann mischten sich Zwischentöne in das Grundrauschen, das Roger Federer immer umgibt - ob er nun Tennis spielt, oder nicht. Zuletzt säte er bei den Sports Awards, wo er zum Schweizer Sportler der letzten 70 Jahre gewählt wurde, selber Zweifel, ob er überhaupt noch einmal auf den Platz zurückkehren würde, als er sagte: «Wenn es das gewesen sein sollte von mir, wer weiss, dann wäre es ein unglaublicher Schlusspunkt für mich.» Er lag bereits damals weit hinter seinem Zeitplan. Nachdem Federer sich im Sommer einer zweiten Operation am Knie unterzogen hatte, kehrte er nicht wie geplant im August, sondern erst im Oktober auf den Platz zurück.

Inzwischen bereitet sich Federer zwar an seinem Zweitwohnsitz in Dubai auf die kommende Saison vor, die um drei Wochen auf Anfang Februar verschobenen Australian Open kommen für ihn aber noch zu früh. Am Sonntag gab er bekannt, dass er die Reise nach Melbourne nicht antreten wird. Er habe entschieden, dass es langfristig die beste Entscheidung für ihn sei, nach den Australian Open ins Wettkampftennis zurückzukehren, liess Federer ausrichten. Er habe starke Fortschritte mit seinem Knie und seiner Fitness gemacht. Was das über seinen Zustand sagt? Nicht sehr viel. Es lässt einmal mehr Fragen offen, als es beantwortet. Die Zweifel, ob er noch einmal an die Weltspitze zurückkehren wird, werden immer lauter.

Den bislang letzten seiner 103 Titel gewann Roger Federer im Herbst 2019 bei seinem Heimturnier in Basel.

Den bislang letzten seiner 103 Titel gewann Roger Federer im Herbst 2019 bei seinem Heimturnier in Basel.

Marc Schumacher/Freshfocus

Grenzenlose Leidenschaft, kindlicher Enthusiasmus

Roger Federers Feuer, seine grenzenlose Leidenschaft, der fast schon kindliche Enthusiasmus – sie verblüffen jeden um ihn herum. Trainer Severin Lüthi sagte einmal: «Es gibt keinen, der so viel Freude am Tennis ausstrahlt wie er. Du merkst einfach, dass er es gerne macht.» Im Kopf sei Federer ein 19-Jähriger, in den Beinen wie ein 29-Jähriger, und im Pass sei er 39, sagte Ex-Profi Fabrice Santoro einmal. Heute, mit fast 40 Jahren, umweht jeden von Federers Auftritten ein Hauch von Endgültigkeit, dem auch er sich nicht entziehen kann. Immer öfter klingt es nach Abschied. Immer öfter bleibt der Eindruck, dass es Federer darum geht, die Türe zu diesem Kapitel in seinem Leben selbstbestimmt hinter sich zu schliessen.

«Wenn du etwas im Leben am besten kannst, willst du das niemals aufgeben», lautet einer seiner Leitsätze. «Und für mich ist das Tennis.» Und doch ist kein Prophet, wer sagt, es seien die allerletzten Sandkörner, die durch die Kehle der Uhr rinnen. Es liegt auf der Hand, dass Federer überall, wo er hinkommt, danach gefragt wird, ob es das letzte Mal gewesen sei. Ob er denn wiederkomme. Nach Melbourne. Nach Paris. Nach London. Und weil er die Frage selber nicht beantworten kann oder will, wird er jedes Mal so behandelt, als wäre es ein Abschied für immer. Das mag schön sein, aber es ist mit Sicherheit auch schwer auszuhalten für einen, der sich von dem lösen muss, das ihn geformt und sein Leben mehr geprägt hat als alles andere. Für Federer ist das: Tennis.

Federer löst sich vom Tennis, wie das Tennis sich von ihm löst. Gleichwohl ist es für viele fast unvorstellbar.

Federer löst sich vom Tennis, wie das Tennis sich von ihm löst. Gleichwohl ist es für viele fast unvorstellbar.

Antoine Couvercelle / Panoramic

Fragen, denen Federer sich nicht entziehen kann

Doch das Tennis, wie er es kennt, gibt es nicht mehr, seit eine Pandemie die Welt in ihren Klauen hält. Und Federer wird sich die Frage stellen, welchen Preis er bereit ist zu zahlen, um noch einmal in die Weltspitze zurückzukehren. Möchte er lange Absenzen, bedingt durch Reisen und Quarantänebestimmungen, auf sich nehmen, um vor halbvollen Rängen zu spielen? Wird er weiterspielen, wenn er zum Schluss kommt, dass er zwar noch zu den Weltbesten gehört, aber keine Chancen mehr sieht, auf den grössten Bühnen der Tennis-Welt gegen die Besten auch noch gewinnen zu können? Es sind Fragen, denen er sich nicht entziehen kann. Das Tennis hat längst begonnen, sich von ihm zu lösen. Und er sich vom Tennis.

In den letzten Jahren führte er unter dem Brennglas der Öffentlichkeit einen Kampf mit der eigenen Vergänglichkeit aus. Das letzte Jahr hat ihm eine Welt eröffnet, zu der er zwei Jahrzehnte keinen Zugang mehr hatte. Einen Alltag mit Beständigkeit, in dem er bestimmen konnte, wann, wo und zu welchem Anlass er im Rampenlicht stehen will. Er verbrachte viel Zeit mit seinen vier Kindern, seiner Frau, den Eltern. Er kümmerte sich um seine Stiftung. Er organisierte sein Unternehmen. Es hatte nur noch wenig mit dem Leben zu tun, das er kannte. Denn seit zwei Jahrzehnten führte er ein Leben aus dem Koffer, immer im Schaufenster der Öffentlichkeit. Zwischen Hotel, Tennisplatz, Verhandlungstisch und Kinderwagen.

Wimbledon, die Olympischen Spiele und die US Open sind die letzten grossen sportlichen Ziele für Roger Federer.

Wimbledon, die Olympischen Spiele und die US Open sind die letzten grossen sportlichen Ziele für Roger Federer.

Zuma Sports Wire / Zuma/AFP7

Ein Wettlauf mit der Zeit

So glamourös und aufregend es wirkt – auch das Leben in der Tennis-Karawane ist geprägt von zermürbenden Routinen: den immer gleichen Städten, den immer gleichen Stadien, Flughäfen, den Hotels und Fragen – unterbrochen von der Arbeit abseits des Schwenkbereichs der Kameras, im Fitnessraum oder in sengender Hitze. In einer Welt, in der man schnell erwachsen und noch viel schneller alt wird, hat Federer das Kunststück geschafft, lange jung zu bleiben. Die meisten werden schon vor dem 30. Geburtstag von diesem Karussell abgeworfen – der Körper zwingt sie dazu, oder andere Lebensbereiche sind wichtiger geworden – der Wunsch nach Heimat, Verwurzelung, die Gründung einer eigenen Familie.

Federer wurde 2009 erstmals Vater. Nicht einmal er selber hatte damit gerechnet, zehn Jahre später immer noch Tennis zu spielen; geschweige denn, zu den Weltbesten zu gehören. Für viele Sportler bedeutet die Geburt der eigenen Kinder einen Karriereknick. Sind sie ohne den Nachwuchs unterwegs, leiden sie unter der Trennung, oder weil sich die Prioritäten verschieben, fehlt ihnen der Biss, der die Allerbesten von den Besten abhebt. Roger Federer, das darf man nicht vergessen, ist einer der bestverdienenden Sportler der Welt. Er kann sich den Luxus einer perfekten Balance leisten und reist mit seiner gesamten Entourage um den Globus: Frau, Kinder, Eltern, Trainer, Physiotherapeut, Nannys und Lehrer.

Das hat ihm geholfen, den Lauf der Zeit zu verlangsamen, aufhalten kann aber auch er ihn nicht. «Ich hoffe, es gibt noch etwas von mir zu sehen im neuen Jahr», sagte Federer, aber auch: «Wenn ich es nicht schaffe, bricht für mich keine Welt zusammen.» Für ihn sei wichtig, im Sommer in Form zu sein. In Wimbledon, in Tokio, bei seinen fünften Olympischen Spielen, und bei den US Open. «Ob ich in zwei Monaten oder in sechs Monaten zurückkomme, macht keinen Unterschied. Schön wäre es einfach, wenn ich noch einmal auf den Platz zurückkehren würde.»

Federer sagte einmal, er müsse nicht auch noch kitschig aufhören. Darum geht es längst nicht mehr. Sondern darum, noch ein letztes Mal die Zeit anzuhalten. Den Tennis-Zirkus erhobenen Hauptes zu verlassen. Und die Türe selber hinter sich zu schliessen. Es ist seine letzte grosse Mission.

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