Glosse
Roger Federer und das Milliarden-Märchen

Obwohl Roger Federer sich in Dubai auf die neue Saison vorbereitet, beherrscht er die Schlagzeilen in der Schweiz. Ein Baugesuch, eine Milchbüchleinrechnung – nichts ist ungeeignet für einen Bericht.

Simon Häring
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Roger Federer hat mit Tennisspielen und Werbung wie hier für Lindt & Sprüngli sehr viel Geld verdient. Aber nicht so viel, wie gemeinhin vorgerechnet wird.

Roger Federer hat mit Tennisspielen und Werbung wie hier für Lindt & Sprüngli sehr viel Geld verdient. Aber nicht so viel, wie gemeinhin vorgerechnet wird.

Bild: Keystone

Eine Milliarde Dollar ist Roger Federer schwer. Zumindest bald. Also wenn es so weitergeht wie bisher. Rechnet der «Blick» vor. Und bezieht sich dabei auf einen Bericht des Online-Portals «tennis.com». Dieses titelt: «Roger Federer nimmt Kurs auf den Klub der Sport-Milliardäre». Das ist zumindest nicht falsch, aber auch nicht wirklich richtig. Bisher habe der 38-Jährige auf und neben dem Platz etwa 900 Millionen Dollar verdient. Im letzten Jahr habe er gemäss des renommierten Wirtschaftsmagazins «Forbes» 93,4 Millionen Dollar verdient. Heisst: Addiert man diese beiden Summen zusammen, kommt man auf die Milliarde. Oder zumindest fast. Und zwar schon bald. Vielleicht nicht in einem Jahr. Aber sicher: bald. Federer ist dann nach dem Basketballer Michael Jordan, dem Golfer Tiger Woods und dem Boxer Floyd Mayweather der vierte Sport-Milliardär.

Wirklich?

Wohl eher nicht. Oder nicht so bald. Denn auch ein Roger Federer zahlt bekanntlich Steuern, im Kanton Graubünden, wo er in der Gemeinde Vaz/Obervaz gemeldet ist. 16 Millionen Franken liess sich Roger Federer seine zwei Luxus-Chalets samt Heimkino, Weinkeller und Hamam am Hügel Sartons in Valbella kosten. Heisst es. Alleine das Grundstück ist 8620 Quadratmeter gross. Kostenpunkt: über zehn Millionen Franken. Ebenfalls ein Spektakel: ein langjähriger Nachbarschaftsstreit. Ein Anrainer hatte den Standort eines Pfahlbauer-Spielhauses, die Höhe der Bäume und die Art und den Verlauf des Grundstück-Zauns moniert. Die Parteien einigten sich schliesslich aussergerichtlich. Willkommen in Seldwyla. Oder eben in Lenzerheide, wo Federer die meiste Zeit in der Schweiz verbringt.

Hauptwohnsitz der Familie Federer ist das Doppel-Chalet Bellavista A und B am Hügel Sartons in Valbella. Das Grundstück ist 8000 Quadratmeter gross und soll 5,4 Millionen Franken gekostet haben. Der Bau der Chalets 6 Millionen.
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Seit November 2019 entsteht auf diesem 18'000-Quadratmer-Anwesen in der Kempratner Bucht bei Rapperswil-Jona das neue Zuhause der Familie Federer. Der Bau von sechs ein- bis zweistöckigen Gebäuden kostet rund 20 Millionen Franken und soll 2021 abgeschlossen sein. Das ganze Federer-Gelände erhält so einen Wert von 40 bis 50 Millionen Franken.
Diese Parzelle mit einer Grösse von 5500 Quadratmetern in der Zürcher Seegemeinde Herrliberg erwarb Federer 2012 für 21,5 Millionen Franken. Angeblich will Federer verkaufen: Für 35 Millionen Franken.

Hauptwohnsitz der Familie Federer ist das Doppel-Chalet Bellavista A und B am Hügel Sartons in Valbella. Das Grundstück ist 8000 Quadratmeter gross und soll 5,4 Millionen Franken gekostet haben. Der Bau der Chalets 6 Millionen.

Bild: Keystone

Drakonische Steuern auf Preisgelder

Aber zurück zum Milliarden-Märchen. Richtig ist: Federer hat in seiner Karriere 129 Millionen Dollar Preisgeld erspielt. Von diesem Geld flossen aber höchstens zwei Drittel auf das Konto des Tennis-Spielers. Denn international tätige Sportler zahlen auf Preisgelder Einkommenssteuer im Land des jeweiligen Veranstalters, und die Steuerpflicht beginnt bereits am ersten Tag der sportlichen Tätigkeit. Besonders drakonisch sind die Abgaben in Grossbritannien. Neben der Quellensteuer auf dem in dieser Zeit direkt erzielten Einkommen besteuert der britische Fiskus auch einen Teil der Verdienste aus Werbegeldern, welche die Sportler über ein Jahr hinaus erzielen. Und das geht auch bei einem Roger Federer ganz schön ins Geld. Heisst: Selbst dann, wenn man die Preisgelder und die Einnahmen aus Werbeverträgen (die ohnehin nur Schätzungen sind) addiert, hat Federer in seiner Karriere noch keine Milliarde Dollar eingenommen.

Noch weiter als von der Einkommens-Milliarde ist der Tennis-Spieler davon entfernt, in den Zirkel der Milliardäre aufzusteigen. Neben den Steuern geht auch der kostspielige Lebensstil ins Geld. Seit über zwei Jahrzehnten reist Federer um die Welt, und seine Entourage wird immer grösser. Ehefrau Mirka und die vier Kinder sind fast immer dabei, dazu die Eltern Robert und Lynette. Auf Federers Lohnliste steht ein Manager, zwei Trainer, ein Physiotherapeut und ein exklusiver Besaitungs-Service. Kostenpunkt? 40'000 Franken im Jahr. Ob New York, Melbourne oder Shanghai - Federer bewohnt die besten Hotels. Dazu besitzt er eine Wohnung in Dubai, baut in der Kempratner Bucht bei Rapperswil-Jona eine Villa für 70 Millionen Franken und besitzt in Herrliberg eine weitere Parzelle am Zürichsee, deren Wert auf 35 Millionen Franken taxiert wird.

Federers Vermögen? 500 bis 600 Millionen Franken

Meist dabei, wenn Roger Federer für seine Turniere ins Ausland reist: Ehefrau Mirka, die vier Kinder und die Eltern des Tennis-Spielers.

Meist dabei, wenn Roger Federer für seine Turniere ins Ausland reist: Ehefrau Mirka, die vier Kinder und die Eltern des Tennis-Spielers.

Bild: Keystone

Roger Federer der Dollar-Milliardär? Eher nicht. Die Zahlenspielereien und finanziellen Hochrechnungen mit derart vielen Unbekannten gleicht einem Vabanquespiel. Für sie gilt gleiches wie bei der Ziehung der Lottozahlen: ohne Gewähr. Näher an der Wahrheit ist sicherlich die Schätzung des Wirtschaftsmagazins «Bilanz», das im letzten November die Liste der 300 reichsten in der Schweiz veröffentlichte. Federers Vermögen wird auf 500 bis 600 Millionen Franken geschätzt. Klar ist, dass Roger Federer auch in Zukunft nicht am Hungertuch nagen muss. Und irgendwann wird Roger Federer bestimmt Milliardär. Wenn nicht in einem Jahr, dann vielleicht eben in zwei, oder drei. Und wenn nicht in Franken oder Dollar, dann doch zumindest in japanischen Yen. Yen-Milliardär, das ist Federer schon längst. Das wäre dann eine knackige Schlagzeile. Und darum geht es doch. Oder?

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