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Schweizer Frauenfussball live im Fernsehen? «Ein Traum wird wahr – und Mädchen merken, Fussball ist auch etwas für sie»

Die erste Heldin der Saison: Victoria Bischof schiesst beim 2:0 von St.Gallen Staad gegen GC im Eröffnungsspiel der Womens Super League beide Tore.

Die erste Heldin der Saison: Victoria Bischof schiesst beim 2:0 von St.Gallen Staad gegen GC im Eröffnungsspiel der Womens Super League beide Tore.

Im Schweizer Frauenfussball herrscht wieder einmal Aufbruchstimmung. Erstmals erhält die Liga einen Partner, erstmals sind Spiele live am TV zu sehen. Was streckt dahinter? Und ist die Euphorie diesmal berechtigt? Ein Besuch beim Saisoneröffnungsspiel der «Womens Super League».

Da steht sie, die erste Heldin der Saison. Und strahlt ununterbrochen. Zwei Tore hat Victoria Bischof erzielt, und damit massgeblich zum Sieg von St.Gallen-Staad gegen GC in diesem Eröffnungsspiel der neuen «Womens Super League» beigetragen. Jetzt folgt die Analyse im Interview, live übertragen im Schweizer Fernsehen. Bischof sagt: «Es sind unglaubliche Emotionen, die ich gerade erlebe. Zwei Tore, drei Punkte – was für ein toller Abend! Und auf diesem Terrain spielen zu dürfen, das ist grossartig. Der Rasen ist fast so toll wie ein Golfplatz.»

Frauenfussball in der Schweiz, live zur besten Sendezeit auf SRF2, es ist ein neues, bis anhin unbekanntes Bild. Wie kommt das?

Packende Duelle, intensives Spiel, tolle Spielzüge: Die Partie St.Gallen Staad gegen GC erfüllt die Erwartungen.

Packende Duelle, intensives Spiel, tolle Spielzüge: Die Partie St.Gallen Staad gegen GC erfüllt die Erwartungen.

Erstmals in seiner Geschichte hat der Fussballverband mit der «Axa» einen Partner gefunden, der die Schweizer Frauen Liga und Spielerinnen ernsthaft mit beträchtlichem Engagement unterstützt. Erstmals zeigt das Schweizer Fernsehen Spiele live. Neun sollen es sein in dieser Saison, einige davon im TV, einige auf den Online-Kanälen. Dazu kommen regelmässige Berichte in den SRF Sportmagazinen. Es sind Meilensteine für den Schweizer Frauenfussball.

Die Kritik: «Wir müssen aufwachen, sonst gehören wir im Frauenfussball in fünf Jahren zur dritten Welt»

Entsprechend euphorisch erläutern an diesem Donnerstagabend im Rahmen der Saisoneröffnung Verband, SRF und Axa ihre gemeinsamen Pläne. Immer wieder fallen Worte wie «historisch», «Aufbruch» oder «Stolz». Tatjana Haenni, Direktorin Frauenfussball beim Verband, sagt gar: «Noch vor zwei Jahren hätte ich mir nicht erträumen können, dass wir einmal an diesem Punkt stehen. Es ist einer der schönsten Tage in meinem Leben.»

«Wir bauen etwas auf. Aber der Frauenfussball ist noch labil». Direktorin Tatjana Haenni bei der Medienkonferenz.

«Wir bauen etwas auf. Aber der Frauenfussball ist noch labil». Direktorin Tatjana Haenni bei der Medienkonferenz.

Was steckt dahinter? Der Rahmen stimmt fürs Erste. 1000 Zuschauer sind im Kybunpark für dieses Eröffnungsspiel, das zur Bischof-Show wird. Es ist eine packende Partie, intensiv auch. Mit vielen gelungenen Kombinationen. Einigen vergebenen Chancen auch – die Nervosität ist manch einmal offensichtlich. Auf der Tribüne sitzt Nati-Coach Nils Nielsen und beobachtet einige Spielerinnen, die eines Tages ein Thema für ihn werden können. Auch Männer Direktor Pier Luigi Tami schaut zu. Kurz vor Spielbeginn taucht auch Peter Zeidler auf. Der St.Galler Erfolgstrainer war unten in seinem Büro mit der Saisonvorbereitung beschäftigt, ehe er sich ein Bild machen will, wie es um die St.Galler Frauen steht. Er ist sehr angetan. Das erste Tor ist ganz in Zeidler-Manier entstanden. Pressing. Nachsetzen. Bis der Ball drin ist.

Aber: Es stellen sich auch kritische Fragen. Aufbruch und Euphorie rund um den Frauenfussball – das hat es schon häufig geheissen. Meist blieb danach trotzdem die enttäuschende Erkenntnis, keinen Schritt weiter zu sein. Luzerns Trainer Glenn Meier sagt auch darum: «Die Neupositionierung ist eine gute Sache. Ich hoffe, unser Produkt ist gut genug, um es vermarkten zu können. Aber bisher hat der Schweizer Frauenfussball stets versagt, wenn wir uns einer grösseren Öffentlichkeit präsentieren konnten. Der Weg führt darüber, die Ausbildung zu verbessern. Und wenn wir nicht aufwachen, gehören wir im Frauenfussball in fünf Jahren zur dritten Welt.»

Das Ziel: Der Frauenfussball soll zur «Normalität »werden

Warum soll es diesmal anders sein? Die entscheidende Frage ist wohl: Bleibt das Fernsehen am Ball und zeigt langfristig regelmässig Frauenfussballspiele? Nicht nur solche des Nationalteams, sondern eben auch solche aus der Womens Super League? SRF-Sport-Abteilungsleiter Mägerle sagt: «Natürlich, es braucht Aufbauarbeit. Aber wir denken langfristig. Logisch ist, dass es hilft, wenn wir merken, dass der Frauenfussball verlässliche und starke Partner wie eine Axa findet.»

Plattform für Frauenfussball: SRF-Sportdirektor Roland Mägerle will den Schweizer Frauenfussball langfristig im Programm integrieren.

Plattform für Frauenfussball: SRF-Sportdirektor Roland Mägerle will den Schweizer Frauenfussball langfristig im Programm integrieren.

In die Karten spielen könnte dem Frauenfussball, dass SRF je länger desto mehr unter Druck kommt im Männerfussball. Die Rechte für die Champions League sind bereits verloren. Um jene der Super League bahnt sich ein heisser Kampf an. Ist der Frauenfussball darum die Notlösung für SRF, Herr Mägerle? «Auf keinen Fall, unser Engagement hat überhaupt nichts damit zu tun. Uns ist generell der Live-Bereich wichtig, und wir wollen die Diversität ausbauen – was nicht nur bedeuten soll, dass wir mehr Randsportarten zeigen, sondern eben auch verschiedenste Facetten der grossen Sportarten.»

Unbestritten ist, dass sich im Fussballverband seit der Wahl von Dominique Blanc zum Präsidenten einiges getan hat in Sachen Frauenfussball. Und Direktorin Hänni ist ein Glücksfall. Sie treibt die Projekte voran. Gleichzeitig gelingt es ihr, nicht den Sinn für die Realität zu verlieren. Sie sagt: «Der Frauenfussball in der Schweiz ist noch fragil. Wir bauen jetzt etwas auf. Aber wir müssen realistisch sein: Die Bevölkerung kennt den Frauenfussball noch nicht. Und darum ist es jetzt erst einmal das Ziel, dass der Frauenfussball zur <Normalität> wird. Dass er sichtbar wird. Dass Mädchen zwischen 4 und 10 Jahren merken: <Fussball ist auch etwas für mich>.»

Wie viel Geld investiert der Partner?

Die Frage ist auch, wie ernst es die Axa Versicherungen mit dem Engagement im Frauenfussball meinen. Erste Indizien stimmen optimistisch. Es laufen Marketing-Kampagnen, es laufen TV-Spots mit echten Fussballerinnen statt Models, es ist ein professionelles Logo und Branding für die neue Liga entstanden – eines, das auf sämtliche Klischees und Kitsch verzichtet. Es gibt auch eine eigene Homepage (www.awsl.ch). Antonia Lepore, Chefin Marketing und Kommunikation bei der Axa sagt: «Wir sind kein klassischer Sponsor, sondern ein Partner, der mit Herzblut dabei ist. Der Frauenfussball hat mehr Anerkennung und Aufmerksamkeit verdient.» Auf die Frage, wie viel Geld konkret Axa investiert, antwortet Lepore: «Wir haben darüber Stillschweigen vereinbart, aber wir würden nicht hier sitzen, wenn wir nicht die Absicht hätten, Gas zu geben.»

«Wir wollen Gas geben!» Antonia Lepore, Marketing- und Kommunikationschefin der Axa, verspricht eine umfangreiche Unterstützung des Schweizer Frauenfussballs.

«Wir wollen Gas geben!» Antonia Lepore, Marketing- und Kommunikationschefin der Axa, verspricht eine umfangreiche Unterstützung des Schweizer Frauenfussballs.

Um ein Fazit zu ziehen, braucht ist selbstredend mehr als die Erfahrungen eines einzigen Abends. Und doch sind leise Hoffnungsschimmer erlaubt. Die Art und Weise, wie SRF das Spiel aufgezogen hat, entspricht der gängigen Art bei den Männern. Eine Vorberichterstattung im Studio, Kommentator und Co-Kommentatorin, Interviews direkt am Spielfeld. Gespräche über Fussball, in denen auch Taktik Platz hat und vor allem viel Fachwissen. So muss es weitergehen.

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