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Schweizer Ski-Mannschaft: Wenn aus dem Vermittler der Trainer wird

Reto Nydegger arbeitete zuletzt sechs Jahre mit den Norweger Skifahrern.

Reto Nydegger arbeitete zuletzt sechs Jahre mit den Norweger Skifahrern.

Wie der neue Coach Reto Nydegger das Schweizer Speedteam wieder gekittet hat.

Mit seinen Äusserungen über das fehlende Feuer im Schweizer Team löste Carlo Janka an der WM eine Debatte aus, die im Abgang von Speedtrainer Andy Evers gipfelte. Nachfolger Reto Nydegger war zu Beginn vor allem als Mediator gefragt.

Nydegger staunte nicht schlecht bei seinen ersten Amtshandlungen als Speedtrainer der Schweizer Alpinen. Nach sechs Jahren bei den Norwegern, davon die letzten vier als Speed­coach im Weltcup-Team, und mit seiner zehnjährigen Vergangenheit bei Swiss-Ski als Referenz wusste er vorgängig um die Kulturunterschiede zwischen den beiden Lagern.

Die Animositäten innerhalb der Schweizer Mannschaft, etwa zwischen den Coaches der Trainingsgruppe A um Beat Feuz und jenen der B-Gruppe um die weniger Arrivierten, überraschten den Berner aber.

Spannungen unter den Trainern

Schon nach wenigen Gesprächen erkannte Nydegger, dass bei Swiss-Ski in diesem Bereich Handlungsbedarf besteht. «Ich hatte schnell einmal den Eindruck, dass jeder in erster Linie für sich schaute.» Wie Janka schilderte, zeigte sich dies in der vergangenen Saison mitunter darin, dass sich das Schweizer Team kaum einmal gruppenübergreifend über Erfolge ­freute.

Auch wenn die Athleten beteuern, dass man gut miteinander ausgekommen sei, und wenngleich der Cheftrainer Tom Stauffer betont, dass die Stimmung im Team auch unter Evers gut gewesen sei: Spannungen unter den Trainern liessen sich nicht von der Hand weisen.

Im vergleichsweise kleinen Team der Skandinavier hatte es kaum Reibungspunkte gegeben. Der Zusammenhalt sei eine grundlegende Philosophie der Norweger, sagt Nydegger. Alleingänge gab es nicht. Eine andere besondere Eigenschaft der Norweger ist die Gelassenheit.

«Sie funktionieren einfacher. Sie leben immer im Jetzt und interessieren sich nicht für das Übermorgen.» Hier sei es komplizierter. «Der Schweizer hinterfragt mehr», sagt Nydegger. Ausserdem würden die grosse Mannschaft und deren grosses Umfeld eine besondere Herausforderung darstellen.

Als Beispiel nennt er das Reisen, das in der Equipe um Aksel Lund Svindal und Kjetil Jansrud immer erst nach den Rennen Thema war und nicht schon drei Tage vorher wie bei den Schweizern. Nydegger war vor allem als Mediator gefragt. «Man kann aus einem Schweizer keinen Norweger machen. Das muss aber auch nicht das Ziel sein.

Wichtig ist, dass man als Team zusammenwächst.» Mit einfachen Mitteln gelang es ihm, die gesplitteten Parteien wieder zusammenzubringen. Er führte viele Gespräche, organisierte ein Barbecue für die Trainer beider Gruppen. Und: Er vollzog einen Wandel bei der Organisation der Trainings. Die Blöcke wurden unter ihm weniger, dafür waren sie wesentlich länger.

Statt wie bisher vier Tage war man nun bis zu zwei Wochen am Stück zusammen. Die Tage mit gutem Wetter nutzte man fürs Training, die anderen, um sich kennen zu lernen. Die damit verbundene Hoffnung erfüllte sich. «Wir sind als Gruppe näher zusammengerückt.»

Offenere Kommunikation

Auf Fahrerseite kommt die neue Philosophie gut an. Gilles Roulin zum Beispiel sagt: «Reto kommt aktiv auf dich zu und sucht das Gespräch von sich aus. Mir kommt das entgegen.»

Ob sich Jankas Trainingsbestzeit im ersten Training zur Abfahrt von Lake Louise und Gilles Roulins kleiner gewordene Zeitrückstände im teaminternen Vergleich mit den Schnellsten damit erklären lassen, sei dahingestellt. Fest steht, dass Nydeggers Einstand als Chef der Schweizer Speedfraktion gelungen ist.

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