Rio 2016

Seifenoper im Maracana: mit Neymar in der Hauptrolle

Der Moment des Triumphs: Neymars Erlösung nach seinem entscheidenden Elfmeter.keystone

Der Moment des Triumphs: Neymars Erlösung nach seinem entscheidenden Elfmeter.keystone

Brasilien ist Olympiasieger. Die Dramatik des Finals gegen Deutschland hätte auch aus der Feder eines Drehbuchautoren stammen können. Mit dem Gold-Helden Neymar

Brasilien ist das Land der Seifenopern. Oder besser gesagt der Telenovelas. Über Jahre hinweg werden seichte Geschichten am TV erzählt. Die Leute mögen es. In diesem Land, in dem der Fernseher dauernd läuft, ist das schon fast ein Kulturgut. Genauso wie der Fussball, welcher der Bevölkerung zuletzt aber nur noch Sorgen und kaum mehr Freude bereitet hat. Wie in einer dieser Telenovelas, in welcher der Liebling der Massen auf die schiefe Bahn gerät und plötzlich nicht mehr so geliebt werden kann wie sonst. Man wartet dann sehnsüchtig auf die Episode, in welcher alles wieder gut wird. Am Samstagabend wurde im Maracanã-Stadion alles wieder gut. Zumindest ein wenig.

Dass der Hauptdarsteller Neymar heissen musste, passte in dieses kitschige Setting, für welches man jeden Hollywood-Drehbuchschreiber mit Verachtung strafen würde. Erst fabrizierte der Superstar ein wunderbares Freistosstor zur 1:0-Führung der Brasilianer. Und dann, als es im Penaltyschiessen um alles oder nichts ging, da hatte er seinen zweiten grossen Auftritt.

Mit seinen über die Knie hochgezogenen Stulpen nahm er Anlauf. Schuss, Tor. Brasilien ist Olympiasieger! Neymar geht in die Knie, hält die Hände vors Gesicht. Wird sofort von seinen jubelnden Teamkollegen erdrückt. Als sich der Spielerknäuel wieder auflöst, liegt der grosse Hoffnungsträger der Olympia-Seleçao flach am Boden. Er wird von Weinkrämpfen geschüttelt. Ist unfähig, zu jubeln. Das ist der Moment, wenn die ganze Last von den Schultern abfällt. Der Erwartungsdruck von 200 Millionen Einwohnern, die nichts anderes als die Goldmedaille akzeptiert hätten. Wie sehr ihn dieser Druck belastet hat, zeigte Neymar nach dem Spiel, als er verlauten liess, dass er als Captain der Seleçao zurücktreten werde: «Danke Gott für diesen glücklichen Moment. Aber jetzt muss ich etwas loswerden: Ich habe entschieden, nicht mehr Captain des Nationalteams zu sein.»

Revanche geglückt

Klar, die Liebe war seit dem Desaster von Belo Horizonte erkaltet. Seit diesem 1:7 im WM-Halbfinal gegen Deutschland. Und auf dem Feld stand auch nicht die «richtige» Nationalmannschaft, sondern nur eine verstärkte U23-Auswahl. Und doch kamen sie urplötzlich wieder zurück.

Die Begeisterung, die Emotionen, die Hingabe für die gelb-blaue Fussball-Auswahl. Die Hymne wurde inbrünstig mitgesungen, vor dem Spiel und später bei der Siegerehrung noch viel mehr. Leichtathletik-Superstar Usain Bolt erschien auf der Tribüne und drückte dem Heimteam im Kreise der Neymar-Familie die Daumen. Fussball-Gott Pelé, der sich bei der Olympia-Eröffnungsfeier vor etwas mehr als zwei Wochen noch kurzfristig abgemeldet hatte, kam ebenfalls zur Unterstützung der Seleçao in den Fussball-Tempel und flehte die Fussball-Götter an: «Möge Gott unser Land segnen.» Die höheren Mächte erhörten seinen Wunsch. Die Telenovela hatte ihren kitschigen Höhepunkt erreicht. Zumal nicht nur der Liebling sein sehnsüchtig erwartetes Comeback gegeben hatte, sondern mit Deutschland auch gleich noch der Bösewicht besiegt wurde.

Die Wortmeldung des «Bösen»

Apropos Bösewicht: In der Stunde des Triumphs fühlte sich auch der aktuelle politische «Bad boy» Brasiliens, Interims-Staatspräsident Michel Temer, bemüssigt, sich zu äussern: «Ein historischer Moment», twitterte er kurz nach Abpfiff und fügte pathetisch an: «Es ist die Stunde gekommen, um uns mit der Grösse unseres Brasiliens wieder aufzurichten.» Olympia-Sieg hin oder her: Spätestens dann, wenn die Leute heute Montag im nach-olympischen Alltag angekommen sind, werden sie sich der vielen aktuellen Probleme des Landes wieder bewusst sein.

Das ist die Schattenseite der realen Seifenoper, in welcher der korrupte Temer sowie seine politischen Mitstreiter und Kontrahenten die Hauptrollen spielen. Daran kann auch Neymar nichts ändern.

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