Ski-WM
Kriechmayr der Schnellste unter den Schleichern – aber einem verstossenen Österreicher gelingt fast die Sensation

Was für ein Super-G: Die ersten drei Fahrer scheiden aus, dann kommt Vincent Kriechmayr und fährt vermeintlich sicher zu Gold. Bis Romed Baumann fährt und die Österreicher zittern. Die Schweizer bleiben chancenlos

Martin Probst
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Vincent Kriechmayr mit seiner ersten Goldmeidalle.

Vincent Kriechmayr mit seiner ersten Goldmeidalle.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Was wäre das für eine Geschichte gewesen? Die österreichischen Journalisten rissen erst nervös ihre Arme in die Höhe, um dann erleichtert auszuatmen.

Was war passiert? Vincent Kriechmayr, der Dominator im Super-G in dieser Saison, lag in Führung. Gold für Österreich schien sicher in einem kuriosen Rennen. Die Kurssetzung stellte die Athleten vor Probleme. Von den ersten drei Startern kam keiner ins Ziel. Darunter zwei Schweizer: Loïc Meillard und Mauro Caviezel, dessen Comeback damit missglückte. Weitere WM-Rennen wird er nicht bestreiten.

Vorwürfe kann man beiden Schweizern nicht machen. Die Passage nach einem Sprung erwies sich als Knacknuss. Wer mit vollem Tempo kam, konnte die folgenden Tore nicht passieren. Erst danach ging die Information an die Athleten oben am Start. Und sie schlichen beinahe durch diese Stelle.

Vincent Kriechmayr war der Schnellste unter den Schleichern. Bis Romed Baumann kam. Der Österreicher, der vor der Saison 2019/20 keinen Platz mehr im österreichischen Kader erhielt. Weil er schon lange in Deutschland lebt, mit seiner deutschen Frau und seinen Kindern, die in Deutschland geboren wurden, entschloss er sich, die Staats­bürgerschaft des Nachbarlandes zu beantragen. Er wurde eingebürgert und ging fortan für den deutschen Verband an den Start. «In Kitz­bühel schrien sie Judas», sagte er vor kurzem im «Tages-An­zeiger».

Was für eine Geschichte: Romed Baumann.

Was für eine Geschichte: Romed Baumann.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Und dieser Judas, dieser Verräter hätte nun in Cortina bei­nahe den grossen Coup gelandet. Nur sieben Hundertstel war der 35-Jährige langsamer als Kriechmayr. Mit der Startnummer 20, als die Journalisten aus Österreich längst ihre Siegergeschichte geistig vorbereiteten. Baumann sagt: «Da waren viele, die gesagt haben, da geht nichts mehr, der ist zu alt.»

Kriechmayr schaute auf Caviezel und war entsetzt

So schön diese Geschichte ist, der Sieg von Kriechmayr ist verdient. Er hat vor der WM zwei Super-G in Folge gewonnen und führt die Disziplinenwertung deutlich an. Für den 29-Jährigen ist es der erste Titel an einem Grossanlass, nachdem er vor zwei Jahren in Are WM-Silber im Super-G und Bronze in der Abfahrt gewann. Er sagt: «Das war wohl das schwierigste Rennen, das ich jemals bestritten habe. Die ersten zwei Fahrer sind ausgeschieden und ich dachte: Ich warte auf Mauro Caviezel, der ist ein sehr sicherer Fahrer, aber auch der ist an der Stelle ausgeschieden.»

Der Österreicher meisterte die Passage souverän. Weniger gut gelang das Marco Odermatt. Der Schweizer war zuletzt zweimal in Serie im Super-G auf dem Podest gestanden und galt darum als Mitfavorit. Als Elfter und damit noch einen Rang hinter Beat Feuz konnte der 23-Jährige diese Rolle allerdings nicht bestätigen.