Schladming 1973
Die Sturzorgie von 1973: Als Klammer Colombin und Russi abfing

Die Planai-Piste besitzt Kultstatus. Die Italiener wurden hier 1973 zu Bruchpiloten. 19 Fahrer flogen damals von der Piste. Es war eine Zeit, als Russi, Colombin und Co. am Abend vor dem Rennen noch in den Ausgang gingen.

Richard Hegglin, Schladming
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Analysten streiten sich manchmal über den inneren Wert eines Unternehmens. So geht es auch den Ski-Experten, wenn es um die Bewertung des Planai-Chamäleons geht. Für die einen handelt es sich um eine «Teleboy-Piste» mit monotonem Hin und Her. Andern jagt sie Schrecken ein, wenn sie die Krallen ausfährt – wie bei der Premiere 1973.

«Die meisten Athleten lästerten über die Piste», erinnert sich Bernhard Russi, das sei ja ein reiner Langlauf: «Auch wir Schweizer fanden sie eine Seich-Piste.» Aber dann begann es zu regnen. Niemand rechnete mehr mit einem Rennen. Die Fahrer gingen in den Ausgang. Und wenn Collombin und Co. im Ausgang waren, ging es hoch zu und her. Zwischendurch schnappte Russi mal draussen nach frischer Luft – und staunte. Die Regenwolken hatten sich verzogen. Es war bitterkalt geworden. Ein sternenklarer Himmel wölbte sich über Schladming. «Da», so Russi, «sagte ich: fertig Ausgang, ab nach Hause. Es war etwa halb zwölf.» Offenbar gehorchten alle.

Die ersten Acht flogen raus

Durch den krassen Temperatursturz verwandelte sich die Strasse in ein Eisfeld: Die Leute purzelten, kaum hatten sie die Bar verlassen, reihenweise zu Boden. Vor den Türen der einschlägigen Lokale bildeten sich dichte Zuschauertrauben, die für die attraktivsten Stürze Stilnoten vergaben.

Das war quasi der Prolog zu einer Skiabfahrt, wie sie die Welt noch nie gesehen hatte. Auf der spiegelblanken Planai-Piste war es noch schwieriger, auf den Beinen zu bleiben, als bei der Heimkehr aus dem Ausgang. Als Bernhard Russi mit der Nummer 9 sich vor dem Start nach der Bestzeit erkundigte, teilt man ihm mit: «Wir wissen es nicht. Es ist noch keiner am Ziel angekommen ...»

Klammer fängt Russi und Colombin noch ab

Die Piloten kollerten kreuz und quer über die Piste. Als Magnet erwies sich ein Heustadel am Pistenrand – vor allem für die Italiener. Fast alle produzierten dort den unfreiwilligen Einkehrschwung. Kaum war einer aufgestanden, flog schon der Nächste daher. 19 Fahrer stürzten, erstaunlicherweise fast alle, ohne sich zu verletzten. Nur Rolando Thöni musste mit einem Beinbruch abtransportiert werden. Die beiden letzten Italiener, Helmut Schmalzl, der heutige Renndirektor, sowie Piero Gros, der spätere Slalom-Olympiasieger, starteten schon gar nicht mehr. Ironie des Schicksals: Schmalzl ist am Samstag Kurssetzer und eröffnet den starken Italienern um Dominik Paris und Christof Innerhofer die Chance auf eine späte Revanche – mit ordentlichem Zickzack-Kurs

Übrigens: Die Schweizer kamen, trotz Ausgang, gut durch. Einige Zeit sah es sogar nach einem Doppelsieg aus. Roland Collombin führte elf Hundertstel vor Bernhard Russi. Doch oben wartete einer, für den Angst ein Fremdwort war – Franz Klammer. Der 20-Jährige übertraf Collombin um 35 Hundertstel und stellte mit 111,25 km/h einen Tempo-Weltrekord auf. Im Moment fallen auf der Planai die Temperaturen erneut, das verspricht Spektakel.

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