Lindsey Vonn hörte gar nicht mehr auf, zu umarmen. Als Erstes schnappte sie sich Ingemar Stenmark, den Mann also, dessen Rekord sie verzweifelt, aber erfolglos, jagte. Vier Siege vor dem Ziel blieb sie stehen. 82 Weltcuprennen hat Vonn gewonnen, Stenmark deren 86. Und trotzdem wollte sie ihn unbedingt dabei haben an ihrem letzten Rennen. Er war für sie Antrieb und Motivation, wenn sie mal wieder verletzt am Boden lag. Seinetwegen stand sie immer wieder auf. Sie wollte seinen Rekord. So sehr, dass sie sich quälte. Bis es nicht mehr ging.

Ihr Körper sei schon längst zu kaputt für Spitzensport, sagt sie. Weit über dem Limit. «Aber ihr kennt meinen Willen», entgegnet sie. Soeben hatte sie Bronze in der WM-Abfahrt gewonnen – im Beisein von Stenmark. Die wenigsten hätten es ihr zugetraut. Natürlich: Vonn ist die erfolgreichste Skifahrerin der Geschichte. Sie hält viele Rekorde. Und gestern kam ein letzter hinzu: Mit 34 Jahren und 115 Tagen ist sie jetzt die älteste Medaillengewinnerin in der Geschichte der Ski-WM.

Was tut die Frau?

Und doch war sie zuletzt eben nur ein Schatten ihrer selbst. Ihr Auftritt im WM-Super-G zum Beispiel, als sie fast unerklärlich stürzte, hinterliess Fragen. Was tut die Frau? Will sie sich wirklich gefährden? Es war ein Ausfall in einer Reihe Fehlern, die nicht mehr an die einst alles dominierende Speedkönigin erinnerten.

Sie sagt: «Ich war immer bereit, ein sehr hohes Risiko einzugehen. Darum habe ich so viel gewonnen, darum war ich aber auch so oft verletzt.» Gestern wurde das Risiko noch einmal belohnt. Schon am Start, als sie die Fäuste ballte, hallte ihr Wille fast hörbar ins Tal. Das ist mein Rennen. «Wenn es Aksel kann, kann ich es auch», sagt Vonn. Und sie konnte es tatsächlich.

Nie mehr schmerzfrei

Am Tag zuvor hatte Aksel Lund Svindal seine Karriere mit Silber in der Abfahrt beendet. Auch sein Körper lässt keine weiteren Rennen zu. Auch er wollte nur noch die WM fahren, um seine Gesundheit nicht noch mehr zu gefährden. Schmerzfrei werden beide wohl nie mehr sein, aber sie können doch ein normales Leben leben. Das ist für beide der Hauptgrund, zu gehen. Svindal sagt: «Ich will auch in Zukunft mit meinem Vater privat Ski fahren können. Mit ihm als Erster am Lift stehen.»

Als Marco Büchel den Norweger für eine TV-Sendung in Kitzbühel trifft, sagt Svindal, er kenne wohl keinen erfolgreichen Abfahrer, der nie schwer verletzt war. Als Büchel erwidert, dass er einer sei, sagt Svindal: «Vielleicht hast du auch darum nicht mehr gewonnen.» Beide lachen.

Ein Vorbild

Svindal ist beliebt. Bei allen. Egal, mit wem man im Weltcup spricht, sie loben ihn in höchsten Tönen: als Menschen, als Sportler, als Vorbild. Wie Vonn hat er in seiner Karriere alles gewonnen: Olympiagold, WM-Gold, den Gesamtweltcup – mehrfach. Und doch ging es ihm nie so sehr um Erfolge wie ihr.

Vonn sind Einträge in die Geschichtsbücher wichtig. Sie tut sich sehr schwer mit dem Gedanken, dass ihre Landsfrau Mikaela Shiffrin auf bestem Weg ist, dereinst alle Rekorde zu brechen. Als sie gefragt wird, ob sie sich Sorgen mache, dass der Skisport mit ihr ein Idol verliere, sagt sie Nein und zählt potenzielle Nachfolger auf. Shiffrin ignoriert sie in ihrer Aufzählung und liefert sie erst später mit einem, Hoppla-habe-ich-vergessen-Blick, nach.

Svindal ist anders. Sein Landsmann Kjetil Jansrud ist in der Abfahrt nur zwei Hundertstelsekunden schneller als er und verhindert einen Abschied mit Gold. Doch der 36-Jährige hegt keinen Groll und sagt «Ich kann ja jetzt ohne schlechtes Gewissen in den Ruhestand gehen. Kjetil ist ja da und sorgt für Erfolge.»

Schon fast kitschig schön

Zwei grosse Skikarrieren endeten am Wochenende in Åre. Beide werden im Skizirkus fehlen. So unterschiedlich sie sind: Lindsey Vonn und Aksel Lund Svindal haben den Skisport in vielen Jahren geprägt. Dass nun beide Karrieren in Åre ein Happy End erleben, ist schon fast kitschig schön. Vonn sagt: «Wir beide erleben ein Märchen.» Svindal sagt: «Ein schöneres Ende, als hier mit Kjetil auf dem Podest zu stehen und Norwegens Nationalhymne zu hören, hätte ich mir nicht wünschen können.»

Am späten Abend feierten Vonn und Svindal zusammen eine Party. Sie haben es verdient.