Ski alpin
«La Pröll» bleibt ein Monument – daran wird auch Lindsey Vonn nichts ändern können

Gäbe es auch im Sport ein Unesco-Welterbe, das Monument «La Pröll» müsste unter Naturschutz gestellt werden. Weil das Denkmal, das im Frauen-Skisport alles überragt, von der Geschichte überholt wird.

Richard Hegglin
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Annemarie Moser-Pröll durfte in ihrer Karriere 62 Weltcup-Siege bejubeln.

Annemarie Moser-Pröll durfte in ihrer Karriere 62 Weltcup-Siege bejubeln.

imago sportfotodienst

Schon in Bad Kleinkirchheim am Wochenende dürfte Annemarie Moser-Pröll (62 Weltcupsiege) als erfolgreichste Skirennfahrer von Lindsey Vonn (61), einem andern Monument, abgelöst werden.

«Ich wünsche dir von Herzen», sagte Annemarie kürzlich zu Lindsey, «dass du demnächst den Rekord brichst». Aber nicht, ohne sich vorher verstohlen zu erkundigen: «Warum liegt dir überhaupt soviel daran?» Worauf Lindsey anwortete: «Weil man deine und Stenmarks Bestmarken für unerreichbar hielt.» Sogar Ingemar Stenmarks Rekord mit 86 Siegen bildet für Vonn kein utopisches Ziel mehr.

Mit oder ohne Weltnaturerbe wird Annemarie Pröll ein Naturereignis bleiben, als das sie einst, erst 15-jährig, in die internationale Skiszene eingebrochen ist – als drittjüngstes von acht Kindern einer Bergbauernfamilie aus Kleinarl im Bundesland Salzburg. Ihre Eltern konnten nicht Skifahren, weil sie sich keine Skier leisten konnten. Der Dorfpfarrer entdeckte ihr Talent.

In ihrem ersten Weltcuprennen Ende der 1960er Jahre in Badgastein stürzte sie mehrmals und kam weinend als 79. und letzte ins Ziel. Aus Versehen hatte man ihr die Bindung 10 Zentimeter zu weit vorne montiert. Noch im gleichen Jahr stand sie schon auf dem Weltcup-Podest. In St-Gervais (Fr) fuhr sie mit der Nummer 69 auf den 2. Rang. Im nächsten Winter feierte sie, als 16-Jährige, den ersten Weltcupsieg. Ein weiteres Jahr später holte sie den ersten ihrer sechs Weltcup-Gesamtsiege.

«Jede hat ihre eigene Persönlichkeit»

Inzwischen nannte sie sich Annemarie Moser. 1973 heiratete sie, kaum 20-jährig, heimlich ihren Servicemann Herbert Moser. Parallelen zu Lindsey Vonn sind unübersehbar. Im Gegensatz zu Lindsey, deren Mädchennamen Kildow nur noch Insider kennen, hielt sich der Name Pröll oder «La Pröll», wie sie die Franzosen und dann fast alle nannten. Und immer, wenn irgendwo ein aussergewöhnliches Talent auftaucht wie zum Beispiel Lara Gut, bedienen sich die Medien des Attributs «neue Pröll». Was die «alte Pröll» ziemlich ärgert: «Solche Vergleiche finde ich daneben. Jede hat ihre eigene Persönlichkeit, Lara Gut ohnehin.»

Nicht einmal ihre Eltern waren zu ihrer Teenager-Hochzeit eingeladen. Zukunftsdeuter gaben der Ehe keine Chance. Wenn sich Annemarie Pröll etwas in den Kopf setzte, tat sie es. Hatte sie Lust zu rauchen, zündete sie sich eine Zigarette an – notfalls auch im Zielraum. Und sie war auch einem Gläschen oder zwei nicht abgeneigt, wenn sich Anlass bot. Und der bot sich ja fast bei jedem Rennen. «Sie raucht, säuft und siegt», titelte einst «Bild» boulvardesk.

Die Top 10 der Siegerinnen

1. Annemarie Moser-Pröll (Ö) 62
2. Lindsey Vonn (USA) 61
3. Vreni Schneider (Sz) 55
4. Renate Götschl (Ö) 46
5. Anja Pärson (Sd) 42
6. Marlies Schild (Ö) 37
7. Katja Seizinger (D) 36
8. Hanni Wenzel (Lie) 33
9. Erika Hess (Sz) 31
10. Janica Kostelic (Kro) 30

Und als sie keine Lust mehr aufs Skifahren verspürte, hörte sie einfach auf und verkündete ihren Rücktritt – im Alter von erst 22 Jahren, unmittelbar vor den Olympischen Spielen 1976 im eigenen Land. Ein Jahr später kehrte sie zurück und nahm ihre einmalige Siegesserie gleich wieder auf. Viele brachten jenen Rücktritt vor Innsbruck 1976 mit ihrer Niederlage in Sapporo 1972 in Verbindung, wo die noch jüngere Marie-Theres Nadig, damals gerade 18, ihr zwei Goldmedaillen wegschnappte, nachdem sie zuvor alle Rennen gewonnen hatte.

«Nein, das war nicht der Grund», erklärt Annemarie Moser-Pröll. «Mein Vater war an Krebs erkrankt. Dazu hatte ich ‹Wickel› (Streit) mit meiner Skifirma und einfach keine Lust mehr, Skirennen zu fahren.» 1980 in Lake Placid drehte sie den Spiess um und entriss Nadig die Goldmedaille, nachdem diese vorher jede Abfahrt gewonnen hatte. Eine Windböe «verblies» die Schweizerin. Pröll lakonisch: «... so ist das Leben». Die beiden verbindet bis heute eine herzliche Freundschaft.

Fast schon in der Anonymität

Im vergangenen Jahr hatte sie Nadig und zahlreiche ehemalige Kolleginnen zum 60. Geburtstag eingeladen. Lange Zeit war sie im Weltcup kaum mehr aufgetaucht und hatte sich zusammen mit ihrem Mann Herbert und der Tochter Marion um ihr ‹Café Annemarie› in Kleinarl gekümmert: «Fast täglich stand ich um fünf Uhr in der Backstube. 2008 verkaufte ich das Café.» Ihr Mann Herbert war an Krebs gestorben, wie damals ihr Vater. «Dadurch», so Annemarie Moser-Pröll, «ist vieles anders geworden. Ein banales Beispiel: Ich hörte auf zu rauchen. Am Todestag von Herbert fasste ich den Entschluss.»

Auf Initiative ihrer Freunde, die ihr beistanden, kehrte sie in die Skiszene zurück und besucht mitunter wieder Skirennen. Fast inkognito war sie dabei, als Lara Gut in St. Moritz ihren ersten Sieg feierte und zur «neuen Pröll» ausgerufen wurde. Auch beim Lauberhorn-Triumph von Patrick Küng im letzten Winter stand sie weitgehend unerkannt an der Piste. Alpinchef Rudi Huber, der aus dem gleichen Ski-Klub stammt und als Bub hinter ihr hergefahren ist, hatte sie eingeladen. Hoffentlich nicht zum letzten Mal: Jedesmal, wenn sie ein Rennen besuchte, gab es einen Schweizer Podestplatz. Offenbar taugt ein Monument auch als Maskottchen.

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