Als wir Armin Assinger in Åre treffen, schaut er gerade die Abfahrt der Frauen. Bei jeder Österreicherin leidet er mit, lehnt sich nach vorne und wieder zurück. «Schön springen! Komm, schön springen!», schreit er Nicole Schmidhofer hinterher.

Es hilft nichts, Assingers Landsfrauen bleiben ohne Medaille. Als es während des Interviews darum geht, wie lange der 54-Jährige noch Ski-Experte für den ORF sein will, sagt er: «Sie haben ja gesehen, wie ich mit jeder Österreicherin mitleide und mitfiebere: Meine Liebe gehört für immer dem Skisport. Solange die Möglichkeit besteht, möchte ich das machen.»

Assinger war selbst Skifahrer und hat vier Weltcuprennen gewonnen. Seit 1995 ist er als Ski-Experte tätig. Seine Kommentare und Analysen sind nicht nur informativ, sondern auch unterhaltend.

Armin Assinger, Sie sind nicht nur Sport-Experte, sondern auch TV-Moderator im Unterhaltungsbereich und moderieren die «Millionenshow». Gehört es heute auch in der Sportberichterstattung dazu, zu unterhalten?

Armin Assinger: Sport und Show sollen eine Symbiose bilden, obwohl der Sport im Profibereich natürlich die Hauptrolle spielen muss. Einige Showeffekte gehören einfach dazu, die Unterhaltung ist ebenso wichtig.

Stichwort Unterhaltung: Ist der Skisport noch zeitgemäss?

Es gibt Bemühungen, den Sport populärer zu machen. Oder sagen wir es so: Bemühungen, nicht an Popularität zu verlieren. In diesem ganzen Sammelsurium an Sportarten, die um TV-Präsenz buhlen, von der Super Bowl über Darts und E-Sports bis zur Champions League, ist es schwierig, dass das Skifahren nicht an öffentlicher Wahrnehmung verliert. Darum sind neue Formate, ich denke an die City-Events, ein Weg, um zu den Leuten zu gelangen. Aber ich bezweifle, dass es allein mit diesen Formaten getan ist.

Was meinen Sie?

Ich bin mir nicht sicher, ob eine Ski-WM in Åre der richtige Weg ist. Das hilft nicht, den Sport populärer zu machen. In Schweden ist der alpine Skisport eine Randerscheinung. Wenn ich denke, was vor zwei Jahren in St. Moritz los war, was für Zuschauermassen die WM angezogen hat, dann ist das nicht vergleichbar. Oder auch 2013 in Österreich, in Schladming. Das sind andere Dimensionen. Mit Weltmeisterschaften muss man in die Epizentren gehen, dorthin wo der Skisport am wichtigsten ist.

Keine Rennen mehr ausserhalb der Hotspots in den Alpen?

Doch, natürlich. Weltcuprennen in Schweden sind super. Die haben genauso ihre Berechtigung, keine Frage. Die WM sollte aber in den Alpen stattfinden. Nicht zuletzt deshalb, um den Fans eine bequemere Anreise zu ermöglichen. Denn die Fans sorgen für die Stimmung.

Trotz neuen Formaten: Die Highlights im Skiwinter sind die Abfahrten in Wengen und Kitzbühel.

Ja, das wird auch so bleiben. Was aber nicht heisst, dass man sich neuen Formaten verschliessen sollte. Warum nicht wieder eine Abfahrt in zwei Durchgängen, was es für mehr Veranstalter möglich machte, ein solches Rennen durchzuführen? Es ist oft schwierig, eine mehr als drei Kilometer lange Piste hinzubekommen, es ist teuerer und zeitaufwendiger, als auf einer zwei Kilometer langen Abfahrt, auf der man zwei Durchgänge austrägt. Und der Spannung tut es ja keinen Abbruch, ob man nun einen oder zwei Durchgänge fährt.

Sie finden, der Internationale Skiverband FIS ist zu wenig innovativ?

Schauen Sie, die FIS hat nicht einmal mehr Stimmrecht im Olympischen Komitee, weil Gian Franco Kasper (der FIS-Präsident; die Red) das Alterslimit überschreitet. Es kann nicht sein, dass wir dort keine Lobby für den Skisport haben! Wenn bei der FIS nicht die veralteten Strukturen an der Spitze aufbrechen, fährt der Skisport an die Wand. Aber am Hauptsitz der FIS, in Oberhofen am Thunersee, ticken die Uhren extrem langsam.

Was stört Sie?

Uns überholen andere Sportarten links und rechts. Dabei ist der Skisport unglaublich spektakulär, egal ob es Abfahrt oder Slalom ist. Wie die Athleten ihren Körper im Griff haben, das ist Cirque-de-Soleil-Niveau. Sie müssten mal mit 150 km/h den Haneggschuss in Wengen fahren, dann die Kompression bändigen und noch durch das das Ziel-S huschen oder in Kitzbühel die Mausefalle bestehen. Das sind unglaubliche Leistungen. Doch das Produkt Skisport muss man hegen und pflegen und das sehe ich bei der FIS schon seit langem nicht gegeben mit einem Präsidenten, der seit Ewigkeiten an der Spitze sitzt und sich nicht bewegt. Ich halte aber dezidiert fest, dass Markus Waldner und Atle Skaardal (die FIS-Renndirektoren; die Red.) sowie ihre Teams vor Ort grossartige Arbeit im Rahmen ihrer Möglichkeiten leisten.

Sehen Sie einen Nachfolger, der für Besserung sorgen könnte?

Ich denke, dass Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann eine gute Wahl wäre. Wir kennen uns, seit ich selbst Rennen gegen ihn gefahren bin. Ich schätze ihn sehr. Er ist ein intelligenter Mensch und ich glaube, dass er es könnte. Aber es müssen natürlich alle mitziehen.

Stattdessen stellt Gian Franco Kasper den Skisport mit Aussagen über den Klimawandel, an den er nicht glaube, und über Diktaturen, in denen es einfacher sei, Wettkämpfe zu organisieren, dar.

Si tacuisses, philosophus mansisses. Wenn du geschwiegen hättest, wärest du Philosoph geblieben.

Aber es schadet dem Skisport?

Natürlich.

Sprechen wir über die MännerAbfahrt an der WM. Das Rennen wurde bei Nebel und Schneefall gestartet. Viele Fahrer störte das, Kritiker monierten, das war keine Werbung für den Sport.

Bei so einem Rennen ist es vollkommen klar, das habe ich ja selbst als Athlet so erlebt, dass du ab dem vierten Platz einfach angefressen bist. Wenn Beat Feuz Bronze gewinnt statt Vierter zu werden, spricht man in der Schweiz von einem schwierigen Rennen, nimmt die Medaille aber natürlich gerne mit. Jetzt ist Vincent Kriechmayr aber Dritter geworden und darum motzen wir in Österreich nicht. So ist das Spiel.

Der Präsident des österreichischen Skiverbandes, Peter Schröcksnadel, hat nach der WM in St. Moritz gesagt, er würde sofort alle Medaillen der Österreicher gegen WM-Gold in der Männer-Abfahrt eintauschen. Sind solche Aussagen nicht despektierlich den erfolgreichen Österreichern in anderen Disziplinen gegenüber?

Das muss man verstehen: In Österreich ist die Abfahrt seit Ewigkeiten das Highlight. Das begann mit Toni Sailer, Egon Zimmermann, Franz Klammer. Das sind in Österreich Volkshelden und darum ist die Wertigkeit der Abfahrt so gross bei uns. Aber natürlich hat unser Präsident das überspitzt formuliert (lächelt).

Trotzdem: Michael Walchhofer war 2003 der letzte Abfahrtsweltmeister aus Österreich. Seit 16 Jahren wartet das Land auf einen Titel. Das schmerzt in der Seele der Skination Österreich.

Ja. Das schmerzt, keine Frage. Aber am Ende ist es nur Sport: Es hängt kein Menschenleben davon ab.

Dafür hat Österreich Marcel Hirscher. Der 29-Jährige hat im Skisport fast alles gewonnen, was man gewinnen kann. Nur einen Abfahrtssieg hat er nicht. Taugt er in Österreich trotzdem zum Helden?

Doch, sicher. Marcel Hirscher ist ein Volksheld in Österreich. Er ist der Mister Ski bei uns, und das schon seit vielen Jahren. Er gewinnt in dieser Saison zum achten Mal in Folge den Gesamtweltcup. Sonst noch Fragen?

Haben Sie Angst um die Dominanz der Österreicher nach seiner Zeit?

Wie war das in der Schweiz, als Pirmin Zurbriggen, der alles überstrahlt hat, aufgehört hat? Genau, dann war der Franz Heinzer da, der Daniel Mahrer. Ein Türchen geht zu und ein anders auf. Wenn Marcel Hirscher mal aufhört, wird das auch so sein. Jetzt ist er da und stellt alles in den Schatten. Das hemmt vielleicht auch den einen oder anderen, weil sich alles um ihn dreht. Aber dann ist Marcel weg und plötzlich blühen andere auf, andere Pflänzchen bekommen Sonne und beginnen zu spriessen.

Bernhard Russi hat, bis er fast 70 Jahre alt war, Skirennen kommentiert. Sie sind 54 …

… das möchte ich auch! Das ist eine Drohung (lacht). Nein im ernst: Das ist mein Leben. Skifahren hat mir alles gegeben, aber auch viel gekostet an Gesundheit. Aber wenn man zurückblickt auf sein Leben, überwiegen die schönen Dinge. Und das war bei mir der Skisport. Und solange die Möglichkeit besteht, möchte ich das machen. Aber jeder hat irgendwann ein Ablaufdatum, das weiss ich. Meine Liebe gehört für immer dem Skisport, neben meiner Familien, meinen Kindern und meiner Freundin.