Grosses Interview

Didier Cuche: «Ich musste nicht auf Greta warten, um grün zu denken»

Didier Cuche hat am Lauberhorn nie gewonnen. Doch er sagt: «Ich bin stolz darauf, dass ich hier in Wengen dreimal Zweiter war.»

Didier Cuche hat am Lauberhorn nie gewonnen. Doch er sagt: «Ich bin stolz darauf, dass ich hier in Wengen dreimal Zweiter war.»

21 Weltcupsiege, aber nie am Lauberhorn. Sympathieträger in der ganzen Schweiz, aber bisweilen auf Kriegsfuss mit den Medien – was beschäftigt den ehemaligen Skistar und zweifachen Familienvater Didier Cuche heute?

Zum 90-Jahr-Jubiläum der Lauberhorn-Rennen haben die Veranstalter die ganze Parade von ehemaligen Skistars nach Wengen eingeladen. Doch einer sticht bei der Gunst des Publikums oben aus. Ein Foto hier, ein Autogramm da – die Popularität von Didier Cuche ist auch acht Jahre nach seinem Rücktritt ungebrochen.

Wie lebt es sich mit der Familie im neuen Haus im Berner Jura?

Wir sind vor Weihnachten eingezogen. Es war ein zweieinhalbjähriges, intensives Projekt. Ich bin immer noch daran, mich ein wenig zu erholen. Aber wir fühlen uns bereits jetzt sehr wohl.

Mit Fotovoltaik, natürlichen Baustoffen oder E-Ladestation sind Sie als Bauherr beinahe schon ein Vorzeigeobjekt für die Generation Greta. Sind Sie ein Grüner?

Ich bin in einem gesunden Mass ein Grüner. Mit jener Einstellung: Was ökologisch Sinn macht, das soll man versuchen zu realisieren. Ich bin zum Beispiel überzeugt, dass wir mit Fotovoltaik viel weiter kommen werden als mit anderen sogenannt grünen Energien wie etwa Windräder. Derzeit stehen 38 Windräder in der Schweiz und diese produzieren gerade mal 4 Promille des Stromverbrauchs. Das alleine reicht als Erklärung, wieso bei uns die Fotovoltaik anstelle von Windenergie gefördert werden sollte.

Ist Ihr Blick auf die Umweltproblematik heute ein anderer als früher als Athlet?

Ich musste nicht auf Greta warten, um so zu denken. Aber es liegt sicherlich auch in der Entwicklung als Mensch. Wenn du 18 Jahre alt bist und die einzige Erwartung von dir und an dich ist, dass du auf der Piste Erfolg hast, dann denkt man wenig darüber nach, welchen Fussabdruck du dabei hinterlässt.

Und das ist heute anders?

Heute macht es mich stolz, wenn ich beim Bau des beinahe autonomen Hauses den Fussabdruck meiner Familie so klein wie möglich halten kann. Doch die ganze Umweltproblematik ist extrem breit. Meine Ansicht ist, wenn jeder Einzelner in diesen Fragen weiterkommt, dann kommen wir alle weiter.

Aber Sie gingen beim Bau Ihres Hauses noch weiter?

Wir haben unsere eigene Kläranlage und Wasserleitungen aus Chromstahl anstatt aus Plastik. Auch meine Frau hat sich stark mit ökologischen Aspekten befasst. So verwenden wir für Tochter Amélie Stoffwindeln und waschen sie mit natürlicher Seife. Wir verwenden auch Shampoos und Zahnpasta ohne Nano-Partikel. Diese belasten Böden und Trinkwasser stark. Das sind Dinge, die jeder Einzelne ohne grosse Mehrkosten für die Umwelt tun kann.

Sie haben den Bau des Hauses auf dem Fundament des Hofs der Grosseltern eng begleitet. Sind Sie ein Kontrollfreak?

Mag schon sein (lacht). Es gehört wohl zu meinem Hang zum Perfektionisten.

Welche Eigenschaften aus dem Sportlerleben erkennen Sie sonst noch im Privaten?

Man nimmt es selber fast nicht wahr, was alles aus der Sportkarriere man im Leben danach ebenfalls brauchen kann. Ein Grundsatz ist, dass man sich Dinge erarbeiten und hartnäckig sein muss. Wenn es auf Anhieb nicht klappt, dafür weiterkämpfen. Dinge auf den Punkt bringen. Respekt und Wertschätzung gegenüber Mitmenschen zeigen.

Sie haben zwei kleine Kinder. Wie fühlt sich die Vaterrolle an?

Gar nicht so einfach. Es gibt kein Drehbuch und keine klar definierten Regeln. Man muss bei jeder einzelnen Herausforderung selber nachdenken, wie man sie lösen will. Was gibt man den Kindern weiter und wie bringt man es ihnen bei? Der kurzfristige Weg ist manchmal nicht der geeignete, um langfristig das zu erreichen, was du bezwecken möchtest. Meine Frau liest extrem viele Bücher über Erziehung und ich erhalte dann jeweils eine Zusammenfassung davon. Es gibt auf dem Weg immer wieder Überraschungen. Du kannst dir heute ausmalen, wie es in einem halben Jahr sein wird. Es wird genau nicht so eintreffen. Du musst deshalb viel improvisieren.

Was ist Ihnen wichtig beim Heranwachsen Ihrer Kinder?

Respekt gegenüber den Mitmenschen – unabhängig von Hautfarbe und Religion. Ich verlange das von meinen Kindern, von mir selber, aber auch von anderen Leuten. Ich werde richtig sauer, wenn ich Ungerechtigkeiten miterlebe. Oder wenn Menschen körperlich oder verbal aufeinander losgehen.

Wie muss man sich das derzeitige Leben von Didier Cuche vorstellen?

Sehr vielseitig, dem Schnee immer noch eng verbunden. Nicht ganz alles auf den Kopf gestellt im Vergleich zu früher – aber dank der Familie beinahe. Es ist ein komplett anderer Rhythmus im Leben. Wenn man eine Familie hat, erkennt man, was wirklich wichtig ist. Der Egoismus, den ein Sportler haben muss, hat in einer Familie keinen Platz.

Es gab Zeiten, da fühlten Sie sich in Österreich mehr wertgeschätzt als in der Schweiz. Wieso?

Es ist komplex zu erklären. Und ich möchte nicht alte Wunden aufreissen, die längst verheilt sind. Für gewisse Schweizer Medien waren unsere Leistungen damals nie gut genug. Es ist wahrscheinlich für jeden Athleten im eigenen Land am schwierigsten, wenn er gerade nicht den Erfolg hat, den sich die Medien wünschen. Medien wollen Sieger sehen. Vielleicht entstand die gesunde Dynamik im derzeitigen Schweizer Team auch deshalb, weil es derzeit solche Sieger gibt. Diese geben jenen Athleten Luft, die noch auf der Suche nach der Form sind. Sie werden jetzt von den Medien in Ruhe gelassen.

Heute gehören Sie zu den populärsten Sportlern der Schweiz. Hat diese Popularität auch damit zu tun, dass man Sie im zweiten Teil der Karriere anders wahrnahm?

Die Popularität basiert wohl auf verschiedenen Aspekten: eine lange Karriere, von Verletzungen zurückgekämpft, nie ohne Erfolge geblieben, am Schluss eine grosse Konstanz gezeigt. Es braucht Erfolg und auch eine gewisse Bodenständigkeit, um bei den Leuten gut anzukommen. Als Sieger kann man gegenüber den Medien auch Dinge mit einem gewissen Schalk sagen und alle lachen. Wenn du das gleiche als Zehnter sagst, dann wird das ganz anders aufgenommen.

War der Wandel vom verbissenen Eigenbrötler zum charmanten Teamleader nur eine Wahrnehmung von aussen oder tatsächlich eine Veränderung des Charakters?

Jeder Mensch, der 20 Jahre lang im gleichen Business tätig ist, entwickelt sich. Ich habe sicher am Ende meiner Karriere gelernt, mit dem Misserfolg anders umzugehen. Aber Weiss auf Schwarz war diese Entwicklung nicht. Vieles, was über mich gesagt wurde, empfanden Menschen, die mich persönlich kennenlernten, komplett anders. Die Frage der Wahrnehmung ist ein sehr komplexes Thema. Ich könnte den ganzen Abend darüber diskutieren.

Sie galten als grosser Tüftler in Materialfragen. Ist diese Eigenschaft hin zum Perfektionismus ein Wesenszug von Ihnen?

Es liegt zweifellos auch an meinem Charakter. Am Anfang der Karriere muss man schnell Leistung bringen, sonst ist man nach zwei Jahren wieder raus aus dem Team. Da braucht es einen speziellen Effort. Du musst dich in dieser Zeit mit so vielen Dingen auseinandersetzen und klar versucht man möglichst viele dieser Details zu perfektionieren. Das ist ein Prozess. Aber ein verbissener Tüftler? Wenn jemand auf der Suche nach dem Erfolg ist, gilt er als verbissen. Wenn die genau gleiche Person an jedem zweiten Wochenende einen Podestplatz holt, dann wird er nicht mehr als verbissen bezeichnet. So viel zur Wahrnehmung von aussen.

Welche Erfolge machen Sie rückblickend mehr stolz: Die Siege auf der Piste oder die Titel bei Wahlen, etwa 2011 als Schweizer des Jahres?

Der Erfolg an einer Publikumswahl tut gut. Manchmal fragt man sich als Athlet: Bin ich wirklich so, wie die Medien mich darstellen? Und eine solche Rückmeldung durch das Publikum zeigt dir, dass dein eigenes Bild doch nicht so falsch sein kann. Der sportliche Erfolg hingegen macht einen Athleten vor allem stolz auf die Leistung.

Wie oft schauen Sie sich Ihre Siegfahrten auf Youtube noch an?

Bisher selten bis nie. Aber nun beginnt mein vierjähriger Sohn nachzufragen, was sein Papa so alles gemacht hat. Seine Wahrnehmung verändert sich. Als ich bei der Eröffnung der Jugendolympiade in Lausanne die Olympische Fahne trug, sah er mich im Fernsehen und fragte: „Ist das da mein Papa?“

Sie halten mit 37 Jahren und 7 Monaten den Rekord als ältester Siegfahrer im Weltcup. Was war Ihr Erfolgsrezept, dass Sie sich so lange an der Spitze etablieren konnten?

Seriös arbeiten. Konsequent sein. Ich habe viel profitiert von den Erfahrungen während meiner Karriere. Und es gibt viele wichtige Details: Gesundheit, Material, Servicemann – letztlich auch ein wenig Glück.

Heisst seriös arbeiten auch seriös leben?

Ich denke schon. Am Ende meiner Karriere konnte ich eher abschalten und auch einmal zwischen zwei Rennen in einer lockeren Atmosphäre ein Glas Wein geniessen anstatt das Gefühl zu haben, immer exakt um 22 Uhr ins Bett gehen zu müssen.

Und wie war es nach dem Rücktritt? Spürten Sie auch die Leere, von der viele ehemalige Sportler erzählen?

Ich spürte das nicht, obwohl das Leben nach der Sportkarriere komplett anders ist. Der Rücktritt ist, wie wenn du aus einem Schnellzug aussteigst, in den nur sehr privilegierte Leute überhaupt einsteigen dürfen. Und dann wartest du auf dem Perron auf einen völlig überfüllten Regionalzug, in welchem du deinen Platz zuerst finden musst. Du musst deine Rolle in der Gesellschaft anders finden wie nur als ein erfolgreicher Ex-Sportler.

Wie entschieden Sie, dass Sie zurücktreten wollen?

Mir wurde eigentlich hier im Zielraum in Wengen bewusst, dass ich zurücktreten werde. Ich wollte gewinnen, wurde aber nur 15. Im Ziel war ich am Boden zerstört. Je länger es ging, desto mehr realisierte ich: Ich bin so niedergeschlagen, weil ich meine letzte Chance zum Sieg verpasst habe. Mir wurde bewusst, dass ich hier am Lauberhorn kein Rennen mehr fahren werde. Ohne, dass ich zuvor einen Entscheid über den Rücktritt getroffen habe. In Kitzbühel gab ich ihn dann bekannt.

Wer gewinnt heute die Abfahrt?

Ich wünsche mir einen Schweizer Sieg. Aber wer gewinnen will, muss zuerst Dominik Paris schlagen. Mauro Caviezel ist ein heisser Tipp. Ich glaube trotzdem, dass es Beat Feuz packen wird.

Wieso haben Sie in Wengen nie gewonnen?

Weil ein Anderer stets schneller war. Ich habe meine Leistung einige Male abrufen können, aber Erfolg im Sport ist nicht immer nur von der eigenen Leistung abhängig.

Bedauern Sie, dass der Lauberhornsieg im Palmarès fehlt?

Es fehlen noch viele andere Ziele im Palmarès. Bedauern hat mit negativem Denken zu tun, deshalb wäre es falsch. Positives Denken heisst: Ich bin stolz darauf, dass ich hier in Wengen dreimal Zweiter war.

Beat Feuz ist ein ziemlich anderer Typ Athlet als Sie es waren?

Ja, er ist ein anderer Typ. Er nimmt vielleicht einige Dinge lockerer als ich. Aber auch Beat weiss ganz genau, was er braucht, um Erfolg zu haben. Er ist in vielen Dingen sehr konsequent. Ich schätze ihn grundsätzlich als talentierter ein, als ich es war. Einen grossen Unterschied gibt es, wie wir uns im Training an eine Abfahrt heranarbeiten. Ich habe gerne früh gepusht, um das Wissen zu erlangen, was liegt bei der Piste und was liegt bei mir drin. Beat schont sich, er fährt in den Trainings taktisch. Er packt den Rennhund erst am Wettkampftag aus. Das zeigt auch, dass es im Sport kein Patentrezept auf dem Weg zum Erfolg gibt.

Werden Sie eigentlich auch in einer Woche in Kitzbühel vor Ort sein? Es ist schliesslich so etwas wie Ihr Wohnzimmer?

Ja, ich werde vor Ort sein. Ich werde im Auftrag von einem Marketing-Partner Leute bei den Rennen begleiten.

Bleibt der Ort für Sie für immer etwas Besonderes?

Das geht fast nicht anders. Ich kehre ebenfalls gerne nach Wengen zurück und auch eine Reise nach Adelboden ist voll von schönen Erinnerungen. Aber Kitzbühel wird immer speziell sein. Dort hat alles mit einem Sieg begonnen und dort hat es auch mit einem Sieg geendet.

Ein grosses Thema ist derzeit die Nationenwertung. Welche Bedeutung hatte diese für Sie als Aktiver?

Skifahren ist grundsätzlich ein Einzelsport. In der Saison 2001/02 habe ich über 1000 Punkte geholt und wurde im Gesamtweltcup Dritter. Trotzdem hiess damals in den Medien, das Schweizer Skiteam stecke in der Krise, alles sei schlecht. Ich empfand es als extrem unfair, dass die individuelle Leistung aufgrund der Diskussionen um die Nationenwertung komplett unterging. Das hat mich damals sehr getroffen. Es ist sicher schön, im Nationenklassement vorne zu sein und für die Vermarktung eines Verbandes auch sehr wichtig. Aber letztlich sind es die individuellen Leistungen der Athleten, die dafür den Ausschlag geben.

Zwei Schweizer Fahrer haben gesagt, die Nationenwertung sei wichtig für die Präsidenten!

Jein. Man darf nie vergessen: Wenn es dem Präsidenten und dem Verband gut geht, geht es dir als Athlet auch gut. Es ist ein Schneeball-Effekt.

Das Schweizer Skiteam ist derzeit so kompakt wie schon lange nicht mehr?

Das ist so. Die Schweiz kann praktisch in allen Disziplinen um den Sieg mitfahren. Man darf das bei den Männern auch nicht nur darauf reduzieren, dass Marcel Hirscher nicht mehr dabei ist. Wir sind dichter an die absolute Spitze herangerückt. In dieser Form ist das schon lange nicht mehr so gewesen. Auch ein gesunder interner Konkurrenzkampf hilft immer, das sieht man derzeit im Schweizer Slalomteam. Das gibt eine gesunde Dynamik.

Das ist kein Zufall?

Das Potenzial jedes einzelnen Athleten ist vorhanden und im Trainingsbereich herrscht Kontinuität. Vielleicht nicht überall im Personellen, aber sicherlich in der Philosophie. Die langfristige Arbeit zahlt sich zweifellos aus. Und es braucht auch Glück, man denke nur an die Verletzung von Marco Odermatt. In jedem Rennen kann so etwas passieren.

Was ist Ihnen in der bisherigen Weltcupsaison aufgefallen?

Speziell in den technischen Disziplinen der Männer ist das Feld sehr eng beieinander. Mit anderthalb Sekunden Rückstand droht bereits das Verpassen des zweiten Laufs. Man darf sich nichts mehr erlauben.

Welche Ziele haben Sie noch für die Zukunft?

Zuerst möchte ich nach dem Hausbau etwas durchschnaufen. Und ich möchte noch mehr mit der eigenen Familie unternehmen. Mittel- und langfristig habe ich einige Ideen, die ich aber noch konkretisieren muss.

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