Sport

Spitzensportler beim Psychiater

Hat den Mut, über Depressionen zu sprechen: Boxer Tyson Fury.

Hat den Mut, über Depressionen zu sprechen: Boxer Tyson Fury.

Immer mehr und immer öfter brauchen Profis professionelle Hilfe. Ein Gespräch mit einem Experten.

Auch wenn es nur selten Outings von aktiven Sportlern zu diesem Thema gibt, sind die Zeiten der Stigmatisierung vorbei. Spitzensportler können sich selbst im Erfolg niedergeschlagen fühlen. Auch im Leistungssport gibt es ­Depressionen.

Im Interview erklärt Sportpsychiater Malte Claussen, weshalb es wichtig ist, dass Athleten wie der Schwergewichts-Weltklasse-Boxer Tyson Fury noch während ihrer Karriere über eigene Depressionen sprechen. Und weshalb mentale Stärke im Sport nicht mit psychischer Gesundheit gleichzusetzen ist. Der 38-jährige Claussen ist Leiter Sportpsychiatrie und -psychotherapie der Universitätsklinik Zürich.

Weshalb kann jemand ­depressiv sein, wenn er als Sportler erfolgreich ist?

Malte Claussen: Man darf nicht glauben, dass jemand verschont von psychischen Krankheiten bleibt, wenn er im Sport erfolgreich ist. Mentale Stärke und psychische Gesundheit sind zwei verschiedene Dinge. Psychische Probleme können unabhängig der Leistungsfähigkeit auf­treten. Es kann Olympiamedaillengewinner treffen.

Der ehemalige Schwergewichtsweltmeister Tyson Fury spricht offen über seine Depressionen. Inwiefern ist dies für wen positiv?

Positiv ist sicher, dass er sich überhaupt und zudem bereits während ­seiner Karriere dazu äussert. Er trägt damit zu einer Entstigmatisierung psychischer Belastungen und Erkrankung im Leistungssport und allgemein bei. Bislang sprechen betroffene Sportler meist erst nach der ­Karriere über ihre psychischen Belastungen. Wir empfehlen aber nicht jedem Sportler diesen Schritt, der gut überlegt sein muss.

Bei Tyson Fury traf es einen vierfachen Familienvater, der beim verblüffenden WM-Titelgewinn gegen Langzeit-Weltmeister ­Wladimir Klitschko im Ring noch ein Liebeslied für seine Frau gesungen hatte. Das soziale Umfeld war oberflächlich betrachtet intakt.

Genetik und biologische ­Faktoren sowie psychische und weitere soziale Faktoren spielen natürlich auch noch eine Rolle. Die Annahme ist, dass mehre Faktoren zu berücksichtigen sind. Aus der Ferne ist es nicht möglich zu sagen, welche ­Faktoren in diesem konkreten Fall eine Rolle gespielt haben und welche Bedeutung der Sport hier hatte.

Verkörpert Tennis-Idol Roger Federer das Idealbild? Also mentale Stärke mit gleichzeitig intakter ­seelischer Gesundheit?

Es ist auch hier, wie bereits gesagt sehr schwierig beziehungsweise im Grunde nicht möglich, sich zu jemandem zu äussern, den man nicht persönlich kennt. Aber nach allem, was ich aus der öffentlichen Berichterstattung entnehme, trifft dies auf Roger Federer zu.

Sind Elite-Sportler diverser ­Sparten aus der Schweiz bei Ihnen in Behandlung?

Es sind Sportler aller Leistungsklassen und Ligen. Teilweise auch Sportler, die nicht in der Schweiz wohnhaft sind und noch den Kontakt zu ihrem ­Heimatland halten. Das schliesst alle grossen Sportarten und Ligen mit ein. Auch Nachwuchssportler sind in der Behandlung.

Wie helfen Sie diesen ­Athleten in der Behandlung?

Man nimmt die Probleme auf. Dann schaut man, ob es noch weitere medizinische Probleme gibt. Basis sind hierbei das ­Wissen und die Fertigkeiten des Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie, mit Expertise im Leistungssport.

Es gab in der Schweiz schon Spitzensportler, die auf unzureichende Unter­stützung von Verbandsseite hinwiesen, als sie sich in einem Burn-out befanden.

Es braucht zusätzlich zu den Sportpsychologen in den Klubs und Verbänden eine qualifizierte medizinische Fachdisziplin für die Psyche. Es muss auch dort Fachleute mit psychiatrischer und psychotherapeutischer Ausbildung geben. Wenn es schon immer einen Sportmediziner in jedem Verein für die körperliche Gesundheit gab, wäre die Zeit überreif, einen Sportpsychiater für die psychische Gesundheit beizuziehen.

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