Umstrittene Entscheidung
Stimmrecht verweigert: Schweizer Fechtverband hält es mit einem Zitat von Josef Stalin

Ein Mitgliedsverein darf an der Generalversammlung nicht abstimmen – mit einer weitreichenden Konsequenz und wegen einer höchst fragwürdigen Begründung.

Rainer Sommerhalder
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Im Schweizer Fechtsport werden die Klingen bisweilen auch innerhalb des Verbandes gekreuzt.

Im Schweizer Fechtsport werden die Klingen bisweilen auch innerhalb des Verbandes gekreuzt.

Fuse / Corbis RF Stills

Die Generalversammlung des nationalen Verbandes Swiss Fencing im Mai war hochbrisant. Eine Gruppe von Reformern stellte sich gegen den bisherigen Vorstand und nominierte selbst mehrere Gegenkandidaten. Und tatsächlich schafften es zwei ihrer Kräfte in die siebenköpfige Verbandsführung.

Teilweise waren die Wahlresultate derart eng, dass jede Stimme zählte. Im besonderen Fall beim St. Galler Till Ferst. Der Kandidat der Reformer kam auf gleich viele Unterstützer wie Florence Dinichert und wurde nur aufgrund des Stichentscheids nicht ins Gremium gewählt.

Man kann sagen, auch knappe Niederlagen sind Niederlagen. Wenn da nur die unschöne Situation nicht gewesen wäre, dass der im St. Gallischen Oberbüren beheimatete Fechtverein Fürstenland an der Generalversammlung nicht abstimmen durfte und die alte und neue Verbandsspitze diesen Umstand mit einer juristisch höchst umstrittenen Rechtfertigung legitimierte. Derart dünn, dass ein renommierter Schweizer Sportjurist die Argumentation des Verbandes pointiert kommentierte:

«Dieses Vorgehen erinnert mich an den früheren sowjetischen Machthaber Josef Stalin, der anlässlich einer Sitzung des Zentralkomitees einmal sagte: ‹Es ist nicht wichtig, wer wählt. Es ist nur wichtig, wer zählt›.»

Der Fechtverein Fürstenland schrieb im Vorfeld der Generalversammlung ein Vorstandsmitglied für die virtuelle GV-Teilnahme ein, das selber kein aktives Mitglied des Verbandes ist. Weil der kleine Verein aus lauter Nachwuchsathleten besteht, hat sich der Vorstand mehrheitlich aus Eltern und ausnahmslos aus Passivmitgliedern konstituiert.

Eine Vollmacht wird als nichtig erklärt

Fürstenlands Präsident wurde vom Verband am Nachmittag vor der GV darauf hingewiesen, dass der gemeldete Vertreter nicht stimmberechtigt sei. Als Konsequenz übertrug er das Stimmrecht mit einer schriftlichen Vollmacht auf die Fechtgesellschaft Schaffhausen, so wie dies in den Verbandsstatuten explizit vorgesehen ist («Ein Vereinsdelegierter kann neben seinem eigenen noch einen weiteren Verein an der Generalversammlung vertreten, sofern ihn der zu vertretende Verein schriftlich dazu beauftragt und bevollmächtigt hat.»).

Schaffhausens Präsident Arie Späth rieb sich aber an der GV verwundert die Augen, als der Tagespräsident und abtretende Verbandspräsident Olivier Carrard ihm mitteilte, dass Fürstenlands Stimme nicht gezählt werden könne. In einem späteren Schreiben, dass von Carrard und dem neu gewählten Verbandspräsidenten Lars Frauchiger unterschrieben wurde, teilte man Fürstenland mit, dass der Verein «zu recht nicht an der Generalversammlung teilnehmen durfte». Man berief sich auf den Artikel der Statuten, der wörtlich lautet: «Die Mitglieder entsenden ihren Präsidenten oder einen Delegierten zur Generalversammlung, der aktives Mitglied des vertretenden Vereins sein muss.»

Unklare Auslegung darf nicht zu Lasten des Mitglieds gehen

Neben der juristischen Feinheit der Formulierung, die nicht explizit ein aktives Mitglied als Präsident voraussetzt, würde der Verbandsentscheid bedeuten, dass ein Vereinspräsident, der selbst kein aktiver Fechter ist, nicht einmal legitimiert dazu ist, eine Vollmacht auszustellen. Eine solche Einschränkung des Stimmrechts ist in den Verbandsstatuten erst recht nirgends zu finden. Die Reglemente von Swiss Fencing sehen zudem die Möglichkeit von Passivmitgliedern explizit vor.

Zusätzlich kommt hinzu, dass Fürstenlands Präsident an zwei früheren Generalversammlungen persönlich teilnahm und abstimmen durfte. Die Auslegung des Vereinsrechts, worunter Statuten von Sportverbänden fallen, sagt, dass bei unklaren Formulierungen von Statuten und Reglementen, die Auslegung nicht zu Lasten des Mitglieds gehen dürfe.

Dieses sogenannte Vertrauensprinzip ist auch anwendbar auf die Tatsache, dass er nach zwei GV-Teilnahmen davon ausgehen durfte, dass er legitimiert ist, seinen Verein zu vertreten. Umgekehrt würde der Entscheid des Verbandes bedeuten, dass ein angeschlossener Mitgliedsverband, der von passiven Mitgliedern geführt wird – so wie es in der Schweizer Vereinslandschaft tausendfach vorkommt – gar keine Möglichkeit der Mitbestimmung hat.

Kein Gang vor zivile Gerichte

Zwei langjährige und anerkannte Schweizer Sportjuristen kommen unabhängig voneinander zum klaren Schluss, dass der Entscheid von Swiss Fencing rechtlich nicht haltbar sei. Der Präsident des Fechtvereins Fürstenland sowie und Till Ferst, der unterlegene Kandidat aus St. Gallen, haben sich jedoch entschieden, den Entscheid nicht vor einem zivilen Gericht anzufechten. Man wolle dem neuen Vorstand nun eine Chance geben und dazu beitragen, dass Ruhe in den Verband komme.

«Und ich will nicht als ewiger Stänkerer dastehen», sagt Ferst. Er fordert aber eine politische Lösung für die unbefriedigende Situation und spricht von einer Bewährungsprobe für den neuen Präsidenten Lars Frauchiger, tatsächlich einen anderen Stil zu pflegen als die frühere Verbandsführung, der mehrfach vorgeworfen wurde, die Reglemente stets nach eigenem Gutdünken auszulegen.

Und was sagt Lars Frauchiger dazu? Der Berner Arzt ist nicht glücklich, dass dieses Thema nun auch in den Medien breitgeschlagen werde. Für ihn und den neuen Vorstand sei die Frage, ob die Stimme hätte zählen müssen, erledigt. «Und ich wehre mich entschieden gegen den Vorwurf, dass wir uns mit diesem Entscheid bewusst gegen die Statuten gestellt haben.»

Frauchiger kündigt aber an, dass man nun mehrere «unklare Passagen» in den Verbandsstatuten mit einer grundsätzlichen Statutenrevision eliminieren wolle. Und dass man daran sei, eine politische Lösung dafür zu suchen, dass sich die Region Ostschweiz bei Swiss Fencing zu wenig vertreten fühle. Noch herrscht bei den Betroffenen aufgrund der Vergangenheit eine gewisse Skepsis, schliesslich wolle man den neuen Vorstand von Swiss Fencing an den Taten und nicht nur an den Worten messen.

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