Kitzbühel
Streif: Am Limit und darüber hinaus

Die Streif zeigt sich von ihrer brutalsten Seite. Nach mehreren schweren Stürzen in der Abfahrt von Kitzbühel wird die Sicherheitsdebatte intensiv geführt.

Martin Probst, Kitzbühel
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Beat Feuz springt über die Hausbergkante. Nach der Landung stürzten gestern einige Athleten schwer.

Beat Feuz springt über die Hausbergkante. Nach der Landung stürzten gestern einige Athleten schwer.

Keystone

Für die Schweizer Skifahrer war es eigentlich ein Freudentag. Beat Feuz fährt in seiner erst zweiten Abfahrt nach einem Teilriss der Achillessehne auf Rang zwei – eine unglaubliche Leistung! Carlo Janka belegt hinter Sieger Peter Fill aus Italien Rang drei. Für die Schweizer Männer sind es die ersten Podestplätze in diesem Winter. Trotzdem stellen auch sie sich die Frage: Wann ist das Limit erreicht?

Doch beginnen wir mit den erfreulichen Dingen. Was die Schweizer Abfahrer auf der Streif gestern zeigten, war ein nicht erträumter Befreiungsschlag. Beat Feuz war auch Stunden nach dem Rennen noch baff: «Ich kann das alles gar nicht realisieren. Rang zwei! Ich hätte für viel weniger unterschrieben: für die Top 15 vielleicht.» Der Trainingsrückstand des 28-Jährigen ist enorm. Er hat erst wenige Fahrten auf Abfahrtsski bestritten. «Den 11. Rang in Wengen konnte ich mir ja erklären. Die Strecke liegt mir. Aber Kitzbühel: Das ist schon eine andere Sache. Die Belastungen sind viel höher. Dass ich hier schon so schnell sein kann, ist unglaublich.» Er überrascht einmal mehr alle.

«Wir hoffen, diesen Schwung mitnehmen zu können»

Nur nicht seinen Teamkollegen Carlo Janka: «Sobald Beat am Start steht, habe ich ihn auf der Rechnung. Dass er nicht viel Training braucht, war mir klar.» Auch Janka kann im Moment nur eingeschränkt trainieren. «Seit Saisonbeginn war ich dreimal abseits eines Rennens auf Schnee. Mehr lässt mein Rücken nicht zu.» Eine Ermüdungsfraktur behindert ihn. «Ich bewege mich auf Sparflamme und muss schon froh sein, wenn ich im Moment einigermassen durch die Saison komme.»

Ski-Weltcup Kitzbühel: Topresultat der Schweizer bei der Hahnenkamm-Abfahrt 2016
20 Bilder
Rückkehrer Feuz fährt ausgerechnet auf der Streif aufs Podest.
Sieger Peter Fill aus Italien
Carlo Janka fährt auf Platz 2
Janka im Ziel.
Peter Fill widmet den Sieg seinem Sohn.
Janka fährt aufs Podest
Schwarzer Tag für die Österreicher: Mehrere Fahrer stürzen beim Heimrennen.
Hier wird Hannes Reichelt abtransportiert.
Hannes Reichelt
Hannes Reichel wird nach einem Sturz vom Helikopter ins Spital geflogen
Auch Aksel Lund Svindal stürzte
Carlo Janka.
Carlo Janka
Carlo Janka.
Janka im Ziel
Beat Feuz fährt auf Platz 2
Ski-Weltcup Kitzbühel: Topresultat der Schweizer bei der Hahnenkamm-Abfahrt 2016
Carlo Janka fährt auf Platz 3
Arnold Schwarzenegger im Publikum

Ski-Weltcup Kitzbühel: Topresultat der Schweizer bei der Hahnenkamm-Abfahrt 2016

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Der Podestplatz kommt für ihn genau zum richtigen Zeitpunkt. «Es war für uns Schweizer eine schwierige Saison. Das war jetzt ein wichtiger Schritt und wir hoffen, diesen Schwung mitnehmen zu können.»

Bestleistung von Marc Gisin

Damit meint er auch Marc Gisin. Der Innerschweizer fuhr gestern sensationell auf Rang fünf. Für den 27-Jährigen ist es das beste Ergebnis im Weltcup, und dies ausgerechnet am Ort, wo er vor einem Jahr schwer stürzte. «Es war nicht einfach für mich. Obwohl ich das Rennen bewusst nicht schaute, bekommt man mit, dass viele Athleten stürzen.» Doch bremsen konnte ihn das nicht. Zu einem Zeitpunkt des Rennens, wo viele Fahrer nur noch darauf bedacht waren, ins Ziel zu kommen, fuhr Gisin schneller als fast alle.

Das Wetter hatte sich im Verlauf des Rennens verschlechtert. Schneefall und zunehmende Dunkelheit machten es schwierig, überhaupt etwas zu sehen. Gisin, mit Nummer 28 gestartet, sagte: «Ich fuhr vor allem nach Gefühl. Gesehen habe ich wenig. Umso stolzer bin ich auf dieses Ergebnis.»

Carlo Janka

«Der Preis, den der Skisport zahlen musste, war vielleicht doch zu hoch.»

Trotzdem bleibt die Frage, wann das Limit erreicht ist. «Der Preis, den der Skisport zahlen musste, war vielleicht doch zu hoch», sagt Janka am späten Abend. Drei schwere Unfälle, zwei Kreuzbandrisse. Ein Rennen auf der Kippe. Am Limit. Kein Wort fiel häufiger. Feuz sagte: «Bei meiner Fahrt waren die Verhältnisse am Limit. Für die Athleten, die später starteten, waren sie vielleicht darüber.» Janka sagte: «Es war ein Rennen am Limit. Vor allem wegen der sehr schlechten Sicht.»

Nach 30 Fahrern wurde abgebrochen

Das Rennen verwandelte sich zeitweise zum Blindflug. Besonders bei der Gruppe der Favoriten war es prekär. Nach 30 Fahrern brach die Jury das Rennen ab. Gewertet wird es trotzdem. Der ehemalige Spitzen-Abfahrer Hannes Trinkl, der heute beim Internationalen Skiverband FIS für den Speedbereich zuständig ist, sagte: «Ich sah drei Athleten brutal stürzen. Ich konnte nicht verantworten, dass die jungen Fahrer, die noch oben standen, die Herausforderungen meistern können.»

Stürze in Kitzbühel
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Einsatzkräfte helfen Georg Streitberger
Stand nach seinem Sturz noch auf: Superstar Aksel Svindal – Die Hiobsbotschaft kommt am Abend: Kreuzbandriss und Saisonende!
Unschöne Bilder: Abtransport von Georg Streitberger
Steven Nyman stürzt
Hannes Reichelt
Spektakulär ist die Abfahrt allemal: Beat Feuz auf seiner schnellen Fahrt
Aksel Lund Svindal
Arnold Schwarzenegger hat trotz Stürze ein Gaudi

Stürze in Kitzbühel

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Andere hätten das Rennen früher abgebrochen. Peter Schröcksnadel, Präsident des österreichischen Skiverbandes, hatte sich schon nach 19 Fahrern für einen Abbruch starkgemacht. Zu diesem Zeitpunkt startete der Rettungshelikopter bereits zum dritten Mal, um einen gestürzten Fahrer ins Krankenhaus zu fliegen. Zwar konnte der zuvor gestürzte Superstar Aksel Lund Svindal die Fangnetze dann selbst verlassen und ins Tal gehen. Später am Abend kam aus dem norwegischen Team aber die Meldung: Kreuzband- und Meniskusriss im rechten Knie.

Die Saison ist für den Führenden im Gesamtweltcup vorbei. Er wurde bereits operiert und muss mit einer Pause von bis zu einem Jahr rechnen. Svindal war wie vor ihm schon die Österreicher Georg Streitberger (Kreuzbandriss im rechten Knie) und Hannes Reichelt (Knochenstauchung im linken Knie) kurz nach dem Hausberg vor der Einfahrt zur Traverse gestürzt.

Markus Waldner: «Wir waren am Limit»

Janka erklärte: «Es hatte dort dieses Loch beim Linksschwung in Richtung Traverse und alle, die dort mit vollem Risiko reingefahren sind, hat es brutal abgeworfen. Es war Pech, wenn man das Loch erwischt hat.» Weil es nicht zu sehen war.

War das Risiko zu hoch? «Wir waren am Limit. Aber bis zum Abbruch ging es noch», sagte FIS-Renndirektor Markus Waldner. «Es ist natürlich sehr schlimm für die Verletzen. Aber so ist das Leben in den Bergen.» Nicht alle teilten seine Meinung.

Rückendeckung erhielt die FIS aber ausgerechet von Svindal. «Es ist immer ein grosses Risiko, wenn man Abfahrt fährt. Ich bin dankbar, dass es mir in dieser Saison zuvor so gut gelaufen ist, das ist keine Selbstverständlichkeit in einem so anspruchsvollen Sport», wurde er am Abend in einer Pressemitteilung zitiert.

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