Das Tennis-Märchen von Leonie Küng geht weiter: Sie steht im Final von Wimbledon. Bereits im zweiten Durchgang des Halbfinals hatte die lediglich als Qualifikantin ins Feld gekommene Küng mehrere Chancen auf den Sieg. Bei 5:4 servierte sie zum Matchgewinn, verlor aber - gegen die blendende Sonne - zum ersten Mal ihren Aufschlag. Im Tiebreak hatte sie bei 6:4 sogar zwei Matchbälle, welche die gleichaltrige, als Nummer 10 gesetzte Chinesin abwehrte.

Die Schweizerin reagierte aber wie ein Champion und ging im dritten Satz gleich wieder 2:0 in Führung. Sie musste Wang zwar nochmals aufholen lassen, nach dem Break zum 5:3 geriet sie diesmal aber nicht mehr ins Zittern und verwertete nach 2:04 Stunden ihren dritten Matchball.

Küng spielt schon seit Längerem mehrheitlich ITF-Turniere der Frauen (WTA-Ranking 417) und musste deshalb bei den Juniorinnen in die Qualifikation. In ihrem erst zweiten Turnier auf Rasen überhaupt verblüfft sie nun auch sich selber. Die auf einem Bauernhof mit Pferden aufgewachsene Schaffhauserin, die mit Pferden aber überhaupt nichts anfangen kann, erweist sich als äusserst gelehrige Schülerin. «Wir haben nach dem frühen Ausscheiden in Roehampton viel auf Rasen trainiert und Anpassungen vorgenommen», erklärte sie. Dabei ist ihr Vater und Coach Martin ein absoluter Autodidakt ohne Tenniserfahrung.

Grosser Aberglaube

Eindrücklich war auch Küngs mentale Stärke nach den vergebenen Chancen im zweiten Satz. «Das war brutal hart zu verkraften.» Am Ende machte sie aber den frischeren Eindruck als die grossgewachsene chinesische Linkshänderin. Nun freut sie sich auf den Final gegen die Polin Iga Swiatek am Samstag auf dem grossen Court 1. An ihrer Routine wird Küng nichts ändern. «Ich bin extrem abergläubisch», meinte sie lachend. Sie wohnt im Studentenwohnheim der Universität Roehampton und isst seit wei Wochen mittags und abends Lachs - und ab und zu ein Erdbeer-Glacé hinterher.

Ein paar Änderungen wird es aber in Zukunft geben. Mit dem Erfolg meldeten sich sogleich auch die Vertreter der Agenturen, die das Talent unter Vertrag nehmen wollen. Bisher kümmern sich die Eltern um die Vermarktung, doch sie werden bald Hilfe brauchen. Eine weitere Belohnung: Nächste Woche startet Küng in Gstaad mit einer Wildcard erstmals auf WTA-Stufe.

Zwar spielt Küng bereits seit drei Jahren Profi-Turniere, doch in Wimbledon könnte sie bei den Junioren die Schweizer Erfolgsgeschichte fortsetzen: Martina Hingis, Belinda Bencic und Roger Federer gewannen hier als Junioren. «Natürlich, das ist auch mein Ziel», sagt Leonie Küng.