Tennis
Belinda Bencics Flucht in den Osten: Vorsicht, Stolperstein

Nach turbulenten Monaten schlägt Belinda Bencic (20) ihre Zelte in der Slowakei auf. Kehrt sie wie angekündigt bereits Mitte September in den Turnier-Zirkus zurück, wäre das ein fataler Fehler.

Simon Häring
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Belinda Bencic verlegt ihre Trainingsbasis in die Slowakei.

Belinda Bencic verlegt ihre Trainingsbasis in die Slowakei.

KEYSTONE/PETER KLAUNZER

Mikrofone, Diktiergeräte und Handys werden ihr vor den Mund gehalten. Fotografen und Kameraleute dokumentieren jede Geste und jedes Wort. Für einmal steht Belinda Bencic wieder im Mittelpunkt des Interesses. Seit einem Monat trainiert sie in der «Empire Tennis-Akademie» in der slowakischen Stadt Trnava, knapp 60 Kilometer von der Hauptstadt Bratislava entfernt. Dort hat sie sich für ein Jahr verpflichtet. Von hier aus will sie ihre ins Stocken geratene Karriere neu lancieren. Dass es mit ihrer Mentorin, Martina Hingis§ Mutter Melanie Molitor, zu einem Bruch gekommen ist, dementiert ihr Lager zwar. Doch die überstürzte und unangekündigte Abreise aus der Schweiz, als sie sich im letzten Dezember nach Florida abgesetzt hatte, hat die Beziehung zumindest abgekühlt.

Eine Armada von Betreuern

Dass sie auf der Suche nach einer neuen Trainingsbasis in der Slowakei fündig wird, ist kein Zufall. Vater Ivan stammt aus Bratislava, Mutter Daniela aus Mocenok, 40 Kilometer südöstlich von Trnava. «Meine Familie lebt hier, meine Grossmutter. Als ich mehr Turniere spielte, haben sie viel auf mich verzichten müssen. Hier fühle ich mich wie Zuhause, das ist sehr wichtig für mich», sagt Bencic. 13 Sandplätze, 3 Hartplätze, ein Fitnesscenter, ein Wellnesbereich und Massageliegen stehen ihr hier zur Verfügung. Dazu eine ganze Armada von Betreuern: Zwölf Trainer, darunter Ex-Profi Karol Beck, zwei Fitnesstrainer und zwei Physiotherapeuten. Zudem stehen mit Elina Switolina (WTA 4), Lucie Safarova (WTA 36) und Daria Kasatkina (WTA 38) starke Trainingspartner zur Verfügung.

Mit Kasatkina verbindet Bencic eine langjährige Freundschaft, sie hat der Schweizerin auch zum Schritt in die Slowakei geraten. «Ich freue mich, dass wir uns nun öfter sehen.» Mit Kasatkina trainiert hat sie allerdings noch nicht. «Sie braucht grössere Herausforderungen und ich bin noch nicht zu hundert Prozent fit.» Bencic steht derzeit zwei Stunden pro Tag auf dem Platz. Nach ihrer Operation am linken Handgelenk Anfang Mai möchte sie keine unnötigen Risiken eingehen. Zu fragil reagierte ihr Körper auf die hohen Belastungen. «Wenn eine Verletzung ausgeheilt war, kam gleich die nächste. Du denkst, das Universum hasst dich. Ein Albtraum.» Der Nachricht, sie habe sich operieren lassen, lässt sie das Versprechen folgen, stärker und hungriger zurückzukehren.

Belinda Bencic nach ihrer Operation am linken Handgelenk.

Belinda Bencic nach ihrer Operation am linken Handgelenk.

Twitter/BelindaBencic

Bei sieben Turnieren in diesem Jahr hat Bencic nur einen Sieg erreicht. In der Weltrangliste ist sie in einem Jahr von Rang 7 bis auf Rang 200 abgerutscht. Neben der sportlichen Misere beschäftigt die 20-Jährige auch die Abnabelung vom Elternhaus, die Suche nach der Balance zwischen Fremd- und Selbstbestimmung und die immense Erwartungshaltung in der Heimat. So gesehen ist der Wechsel in die Heimat ihrer Eltern auch eine Flucht. «Ich geniesse es, wenn es für einmal nicht so viel Rummel hat. Früher war ich sicher unbeschwerter. Jetzt denke ich zu viel nach», sagte sie im April. Eine Einschätzung, die auch Fed-Cup-Captain Heinz Günthardt teilt: «Belinda wird nie mehr so Tennis spielen wie als Teenager. Sich Fragen zu stellen und Tennis zu spielen, ist eine schwierige Kombination.»

Ungeduld als Stolperstein

Der Wechsel nach Trnava dürfte nun wenigstens in ihrem Umfeld für Ruhe und Stabilität sorgen, nachdem sich der Versuch mit dem polnischen Trainer Maciej Synowka nach der Operation am Handgelenk erledigt hat. Ihren Vater Ivan sieht Bencic nicht mehr als ersten Ansprechpartner für sportliche Fragen. Die Talfahrt der letzten Monate habe sie darin bestärkt, dass Tennis ihr Lebensinhalt sei. «Ein normales Leben zu führen und eine Lehre zu machen, wäre nichts für mich. Mein Leben passt zu mir», sagt sie. Zu einem Stolperstein könnte hingegen die Ungeduld werden. Kehrt Bencic wie angekündigt im September zurück, kann sie nicht von einem geschützten Ranking profitieren. Dafür müsste sie ein halbes Jahr pausiert haben und dürfte folglich erst Mitte Oktober wieder Turniere bestreiten.

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