Lulu Sun hat gerade einen über zweistündigen Abnützungskampf bei 35 Grad gegen die Russin Anastasia Tichonowa verloren, doch die 17-Jährige gibt sich allergrösste Mühe, auf Französisch zu parlieren.

"Ich verstehe praktisch alles, aber beim Sprechen bin ich etwas aus der Übung", entschuldigt sie sich. Selbstverständlich ist es nicht, dass sie überhaupt Französisch - und mittlerweile ein paar einfache Sätze auf Deutsch - spricht.

Die zierliche, aber 1,74 m gross Sun zog erst im Alter von acht Jahren mit ihrer Mutter aus Florida in die Schweiz. "Wegen des guten Schulsystems", erzählt die Tochter. Seither wohnt sie in Founex und trainiert im 20 Kilometer entfernten Genf.

Auch das Tennis als Sportart wurde durchaus mit pädagogischen Hintergedanken ausgewählt. Erst spielte die ältere Schwester, dann entwickelte Lulu den Ehrgeiz, diese zu schlagen. "Im Tennis hat man immer die Chance, auch einen Rückstand aufzuholen", erklärt sie. "Das ist eine gute Lebensschule."

Zum kroatischen Vater hat die Linkshänderin keinen Kontakt mehr. Stattdessen wird sie auf Reisen von ihrem Stiefvater Sean Hoffmann begleitet. Der passt durchaus zur Multi-Kulti-Familie: er ist Brite mit deutschem Pass.

Selber hat Lulu Sun den Schweizer Pass auch erst im letzten Jahr erhalten, neben dem neuseeländischen, den sie seit Geburt hat.

Fan von Federer und Nadal

Für sie war aber immer klar, dass sie für die Schweiz spielen will, nur schon wegen Roger Federer, den sie ebenso bewundert wie Rafael Nadal.

In die öffentliche Schule ging sie in Nyon nur zwei Jahre, dann wechselte sie auf eine internationale Schule, um sich besser dem Tennis widmen zu können. Dort wird Englisch gesprochen, mit der Mutter zuhause Chinesisch.

Auf dem Platz ist von Verwirrung hingegen nichts zu sehen. Sun sucht gerne den Weg nach vorne und hat sich vorgenommen, aggressiv zu spielen. Trotz der knappen Niederlage im Viertelfinal ist sie mit dem Turnier grundsätzlich zufrieden, sie hat ihre spielerischen Vorgaben umgesetzt, wie sie findet.

Die langfristigen Ziele sind hoch. "Ein Grand-Slam-Turnier gewinnen", sagt sie. "Am liebsten in Australien oder Wimbledon."

Vorerst wird sie aber bei kleinen Profiturnieren versuchen, ihr WTA-Ranking von 557 zu verbessern; als Nächstes in der kommenden Woche in Indien. Globetrotterin Lulu Sun dürfte sich auch da wohl fühlen.