Am Dienstagnachmittag gegen 16.00 Uhr war auf dem grossen Platz vor der Rod Laver Arena praktisch nur Griechisch zu hören. Hunderte in blau-weisse Flaggen oder Kleider gehüllte Fans beobachten auf der grossen Leinwand, wie Stefanos Tsitsipas nach Roger Federer auch den Spanier Roberto Bautista Agut in vier Sätzen aus dem Turnier wirft. Sie haben keine Tickets für das grosse Stadion bekommen, der Feierlaune tut dies keinen Abbruch. Nachdem die Nummer 15 der Welt nach drei Stunden und 15 Minuten gleich ihren ersten Matchball verwertet hat, schallt die griechische Nationalhymne über die Anlage.

Die Begeisterung ist verständlich. Nie zuvor hat ein griechischer Tennisspieler die Viertelfinals eines Grand-Slam-Turniers erreicht. Tsitsipas steht nun sogar im Halbfinal - und das ausgerechnet in Melbourne. Da, wo so viele griechisch-stämmige Australier aus dem Melbourne Park ein Klein-Athen machen. Der Grieche, der mit seinen langen, wehenden Haaren auch als Surfer eine gute Figur machen würde, begeistert jedoch längst nicht nur seine Landsleute. Er punktet mit seinem Tennis, aber auch mit seiner Persönlichkeit.

"Tennis ist nicht die wichtigste Sache im Leben"

Tsitsipas postet regelmässig Videos von seinen Reisen. In Sydney geriet er deswegen fast in Schwierigkeiten, weil er in einer No-Fly-Zone eine Drohne fliegen liess. Auf die Frage, ob er sich als Internet-Berühmtheit sehe, fragte er mit grossen Augen zurück: "Ich? Ich habe doch nur ein paar tausend Follower." Doch da war er schon längst nicht mehr auf dem Laufenden. Mit seinen Siegen in Melbourne stieg die Zahl seiner Follower sprungartig auf über 30'000 an. Das Filmen und Fotografieren ist Tsitsipas wichtig. "Es entspannt mich. Es ist ein gutes Hobby, denn es gibt mir ein besseres Verständnis der Welt und des Lebens." So ist er auch zur Erkenntnis gelangt: "Tennis ist nicht die wichtigste Sache im Leben. Wir alle haben Talente, von denen wir vielleicht gar nichts wissen."

Sein grösstes Talent besitzt er aber natürlich im Tennis. Als Teenager wäre Tsitsipas beinahe ertrunken, wurde aber von seinem Vater Apostolos gerettet. Die Familie ist ihm wichtig. Der Vater, immer noch sein Coach, sowie Mutter Julia, eine gebürtige Russin, spielten beide auf hohem Niveau Tennis. Zudem wird er in Melbourne von seinem jüngeren Bruder Petros und der kleinen Schwester Elisavet ("Sie ist das Maskottchen") begleitet.

Tsitsipas' grosses Talent war früh offensichtlich. 2016 wurde er die Nummer 1 des Junioren-Rankings, und in Klosters errang er den Titel bei der U18-Europameisterschaft. Als Ziel für dieses Jahr hatte sich der Aufsteiger der letzten Saison die Qualifikation für einen Grand-Slam-Halbfinal gesetzt. Mit 20 Jahren und 168 Tagen ist er nun der jüngste Spieler in der Runde der letzten vier seit Novak Djokovic, der am US Open 2007 noch 58 Tage jünger war. Sein Ziel hat er also bereits bei erster Gelegenheit erreicht. "Ich bin glücklich darüber", sagt der Grieche. Aber: "Das ist nur das Minimum, sozusagen der erste Schritt. Jetzt geht es weiter."

Im Halbfinal trifft Tsitsipas heute (09.30 Uhr Schweizer Zeit) auf den spanischen Superstar Rafael Nadal. Für den Weltranglisten-Zweiten ist es der 30. Grand-Slam-Halbfinal. Er ist erst der vierte Spieler nach Roger Federer (43), Novak Djokovic (34) und Jimmy Connors (31), der diese Marke erreicht. Zweimal zuvor kam die Weltnummer 2 in Melbourne ohne Satzverlust durch die ersten fünf Matches. 2008 verlor er danach im Halbfinal gegen Jo-Wilfried Tsonga, 2009 holte er mit einem Finalsieg gegen Federer seinen bislang einzigen Titel in Australien.

Nadal ist der Favorit, zumal er mehr als fünf Stunden weniger lang auf dem Platz gestanden hat als Tsitsipas. Doch aufgepasst: Der Grieche wandelt in den Spuren von Tsonga, der vor elf Jahren als 23-Jähriger die Tenniswelt - und Nadal - mit seinen unbeschwerten Auftritten begeisterte. Tsitsipas möchte es ihm nun gleich machen.