Fussball
Thomas Binggeli – der Zuträger

Der 51-Jährige will endlich alleinige Verantwortung – und seinen Ruf als ewiger Co-Trainer abstreifen.

Calvin Stettler
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Seit Herbst hat Binggeli die höchste Trainerlizenz.

Seit Herbst hat Binggeli die höchste Trainerlizenz.

Chris Iseli

Als sich Thomas Binggelis Mentor Hanspeter Latour 2009 von der Fussballbühne verabschiedete, keimte der Gedanke erstmals auf: selber mal Chef sein. Früher war das nie ein Thema, «weil die Zusammenarbeit florierte und Latour stets Vertrauensbeweise lieferte». Im Schatten von Kulttrainer Latour entwickelte sich Binggeli während 238 Spielen mit Thun, GC und Köln zum hingebungsvollen Co-Trainer.

Binggeli illustriert sein Wirken gerne anhand eines Schaufensters: «Entweder ist es schön und erfolgreich oder nicht. Welcher Aufwand dahinter steckt und wer daran alles beteiligt war, interessiert niemanden. Im Fussball verkörpert der Cheftrainer das Schaufenster, er bestimmt die Aussendarstellung. Ich arbeite im Hintergrund, versuche den Cheftrainer mit Informationen zu füttern.» Binggeli ist einer, der die Waren fürs Schaufenster liefert.

Es geht ihm nicht ums Geld

Zuträger ist Binggeli seit 15 Jahren. Das beinhaltet längst nicht mehr nur das Leiten zweier Trainingseinheiten pro Tag. Binggeli analysiert Spiele, «was durchaus mehrere Stunden dauern kann», beobachtet Spieler und Cheftrainer und spielt auch mal Psychologe. Binggeli stellt seine Leidenschaft über das finanzielle Einkommen. Vor Jahren entschied er sich gegen eine lukrativere Karriere in der Informatikbranche. Der Trainer-Novize liess sich auf das schnelllebige Fussballbusiness ein. Schliesslich muss er auf niemanden Rücksicht nehmen, Binggeli ist ledig.

Was der 51-Jährige bisher erleben durfte, erfüllt ihn. Vor allem die Zeit in Köln wirkt bis heute nach. «Verrückt», sagt er immer wieder, um die Dimension der Bundesliga zu untermauern. «Als Latour und ich Anfang Januar 2006 erstmals das Kölner Training leiteten, kamen über 1000 Fans.» Binggelis Augen funkeln noch heute, wenn er sich zurückbesinnt. Mit dem deutschen Nationalspieler und Ex-Kölner Lukas Podolski hat Binggeli gar heute noch Kontakt. «Es muss etwas hängengeblieben sein», sagt er stolz.

«Fussballtrainer.» - «Und sonst noch?»

Ernüchternd stimmte ihn neulich hingegen eine Begegnung auf dem Einwohneramt. Die Sachbearbeiterin erkundigt sich nach Binggelis Beruf. «Fussballtrainer», entgegnet dieser. Die Dame hakt nach: «Und sonst noch?» Es ist jener Moment, der Thomas Binggeli wieder einmal vergegenwärtigt, welchen gesellschaftlichen Stellenwert der Fussball 2015 in der Schweiz hat: einen sekundären. Binggeli ist keiner, der nach medialer Aufmerksamkeit lechzen würde. Ihm geht es auch nicht darum, erkannt zu werden. Was er einzig fordert, ist Wertschätzung. Für den Fussball. Für die tägliche Arbeit. Für seine Person.

Das Etikett des ewigen Co-Trainers missfällt ihm. «Jetzt stört es», gibt Binggeli zu, «da ich den nächsten Schritt im Visier habe.» Nach Latours Demission zog es Binggeli 2010 nach Aarau, wo er einerseits die stärkste Jugendmannschaft trainierte und als Co-Trainer den Staff der Profis ergänzte. Binggeli «überlebte» mit Jakovljevic, Weiler, Christ und Ponte vier Cheftrainer. Dass er nie als FCA-Chef infrage kam, kränkte den Fussballlehrer. «Da ich zu diesem Zeitpunkt die höchste Trainerlizenz noch nicht erlangt hatte, ist es aber nachvollziehbar.» Als unter anderem mit Sven Christ einer aus der gleichen Ausbildungsklasse gewählt wurde, sorgte das für gemischte Gefühle. Im Bewusstsein seiner Funktion unterdrückte Binggelis Loyalität aber jegliche Konkurrenzgedanken.

Die Bewerbung zum Cheftrainer ist raus

Im Sommer 2015 verliess Binggeli das Brügglifeld. Obwohl die Jobs rar sind, unterbreiteten ihm mehrere Klubs ein Engagement – «als Co-Trainer», schiebt Binggeli desillusioniert nach. Er entschied sich für Winterthur, für ihn nicht der erhoffte Schritt.

Als sich die Hinrunde dem Ende zuneigte, wird FCW-Cheftrainer Jürgen Seeberger entlassen. Binggeli erbt vorerst nicht. Renommee und Beziehungen beeinflussen die Entscheidungsträger. Auch darum dürfen die Klubveteranen Dario Zuffi und Umberto Romano interimistisch übernehmen. Arbeitsplätze wie diese sind längst eine Rarität. Dennoch scheint für Binggeli solch ein Engagement realistischer denn je. Die höchste Trainerlizenz ist seit diesem Herbst im Sack, die Bewerbung in Winterthur deponiert. «Ich will in die Verantwortung», stellt Binggeli unmissverständlich klar. Der Zuträger will endlich das Schaufenster dekorieren.

Die Männer im Schatten - Serie Teil 3

Assistenztrainer fristen im Spitzen-Mannschaftssport in aller Regel ein Dasein im Schatten der Cheftrainer – obwohl sich ihr Aufgabengebiet in den letzten Jahren eher vergrössert hat. Für viele Vertreter dieser speziellen Zunft ist die Existenz ausserhalb der vollen Verantwortung aber genau das, was sie wollen und suchen. Andere würden sich gerne eher früher als später an vorderster Front verwirklichen, schaffen es aber nicht, aus ihrer über Jahre kultivierten Rolle auszubrechen.

Die «Schweiz am Sonntag» hat je zwei Vertreter aus der höchsten Schweizer Fussball- und Eishockeyliga herausgepickt und sich mit ihnen über ihre Aufgabe als zweite Geige im Trainerteam unterhalten: Harald Gämperle, einer von zwei Assistenten der Berner Young Boys; Thomas Binggeli, der unterschätzte und um Anerkennung ringende Chrampfer im Hintergrund; Colin Muller, der seit Jahren loyal an der Seite von Sean Simpson von Job zu Job zieht; und Remo Gross, der beim HC Davos schon ein Jahrzehnt lang eng mit dem legendären Arno Del Curto zusammenarbeitet.

Den Auftakt unserer Serie bestritt am Sonntag YB-Assistenzcoach Harald «Harry» Gämperle. Gestern folgte Collin Muller und am heute Thomas Binggeli. Morgen, am Tag vor Heiligabend endet unsere Serie mit derjenigen Person, die Arno Del Curto wohl so gut kennt wie sonst niemand: Remo Gross.

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