Eidgenössisches Schwingfest

Verrückt, aber wahr – Stuckis Sieg, der keiner war

Die TV-Bilder geben Aufschluss: Der Sieg von Stucki war irregulär.

Die TV-Bilder geben Aufschluss: Der Sieg von Stucki war irregulär.

Christian Stucki (34) ist König. Eine der schönsten Geschichten der Schwinger-Historie. Sie hat nur einen kleinen Makel: Sein Schlussgang-Gegner Joel Wicki lag gar nicht regulär auf dem Rücken. Ein Kommentar.

Christian Stucki schmettert im Schlussgang Joel Wicki mit einem gewaltigen Wurf nach 41 Sekunden auf den Rücken. Die drei Kampfrichter – einer im Sägemehlring, zwei am Tisch, geben das Resultat. Christian Stucki ist König. Welch wunderbarer Abschluss eines Festes, das alle Dimensionen gesprengt hat!

Aber es gibt einen kleinen Schönheitsfehler. Joel Wicki war nach den Buchstaben des Gesetzes nicht auf dem Rücken. Nicht besiegt. Der Gang hätte weitergehen müssen. Der König verdankt seine Krönung einem – Fehlentscheid.

Stucki legt Wicki auf den Rücken – also so halb. (Quelle: EPA/Keystone)

Stucki legt Wicki auf den Rücken – also so halb. (Quelle: EPA/Keystone)

Gäbe es kein Farbfernsehen, gäbe es keine Zweifel. Weil alles so blitzschnell geht. Weil es fast zu schön ist, um wahr zu sein. Weil niemand protestiert. Weil niemand reklamiert.

Aber unser staatstragendes Fernsehen, das so grossen Anteil daran hat, dass Schwingen so populär geworden ist, das mit wunderbaren Bildern, mit einer TV-Produktion, die nur höchstes Lob, die das Prädikat «Weltklasse» verdient, liefert uns nun auch den Beweis, dass Joel Wicki nach den Buchstaben der Schwinger-Gesetze nicht besiegt worden ist.

Ist Stucki gar kein Schwingerkönig? Der entscheidende Moment des Schlussgangs im Video

Der entscheidende Moment des Schlussgangs im Video.

Wir sehen auf den TV-Bildern, wie sich Joel Wicki, schon in Christian Stuckis «Schraubstock» blitzschnell wendet, abdreht und auf eine Schulter fällt – nicht auf beide, wie die Gesetze des Schwingens es befehlen.

Im technischen Regulativ des eidgenössischen Schwingverbandes heisst es:

© schwinger-lehrbuch

Die Bilder sind eindeutig. Die Sägemehlspuren auf dem Hemd von Joel Wiki auch. Ein Skandal? Nein.

Wir können die TV-Bilder immer und immer und immer wieder ansehen und unser Urteil bilden. Aber die drei Kampfrichter sehen diese Bilder nicht. Sie müssen sofort entscheiden. In Echtzeit geht alles so blitzschnell und verschwindet Joel Wicki unter dem mächtigen Titanen so eindeutig, dass der Betrachter zum Urteil kommt: Resultat! Mit blossem Auge ist unmöglich zu erkennen, dass es Joel Wicki, gleich einem Wunder, noch gelungen ist, sich abzudrehen. Ja, der Gedanke, dass sich Joel Wicki da noch gerettet hat, ist für den Betrachter so absurd wie der Gedanke, Christian Stucki könne übers Wasser gehen.

Nach menschlichem Wahrnehmungsvermögen, nach menschlichem Ermessen, nach bestem Wissen und Gewissen gibt es da draussen auf dem Platz für die drei Kampfrichter in diesem Augenblick nur einen Entscheid: Resultat! Joel Wicki ist regulär besiegt worden!

Schwingerkönig Stucki: "Es ist das Tüpfchen auf dem i"

Schwingerkönig Stucki: "Es ist das Tüpfchen auf dem i"

Es ist der Höhepunkt seiner langen Karriere, der Königstitel: Der Berner Christian Stucki bezwingt im Schlussgang den Luzerner Joel Wicki. Im Interview spricht der 34-Jährige über seinen Sieg, sein Comeback nach der Knieverletzung und seine künftigen Ziele.

Was uns zum ewigen Thema führt: Video-Beweis im Schwingen?

Technisch und theoretisch bei einem Eidgenössischen sehr teuer. Aber möglich. Das Fernsehen müsste dann jeden Gang mit mehreren Kameras aufzeichnen, um jede Situation erfassen zu können. Aber der Video-Beweis wäre im Schwingen unsinnig.

Sport ist nie perfekt. Fehlentscheide gehören zum Sport. Was wäre der Sport, wenn wir nicht stundenlang über einen «Fall» diskutieren könnten? Der Wahn zur Kontrolle, zur Perfektion ist drauf und dran, uns mit der «Videotie» einen schönen Teil des Charmes, des Reizes des Sportes zu nehmen.

Joel Wicki: "Sieg und Niederlage liegen so nahe beieinander"

Joel Wicki wischt die Tränen weg: «Sieg und Niederlage liegen so nahe beieinander»

Joel Wicki konnte Christian Stucki im Schlussgang vom Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest nicht bezwingen. Für den Luzerner bleibt aber der Titel des Erstgekrönten. Es sei trotzdem ein grosser Erfolg für ihn und die Innerschweiz.

Ein «Eidgenössisches», bei dem immer und immer wieder Gänge im Video nachgeprüft werden müssen? Titanen, die im Sägemehl warten müssen, bis die Videorichter zu ihrem Urteil kommen? Undenkbar. Dazu kommt noch etwas: Im Falle dieses Schlussganges sind die Bilder klar. Aber das wäre nicht in jedem Falle so. Oft ist selbst auf besten TV-Bildern nicht zweifelsfrei festzustellen, ob es ein Resultat war oder nicht. Kommt dazu: Dann müsste, wenn schon, auch noch nachgeprüft werden, ob der Sieger korrekt Griff gefasst hatte. Darüber lässt sich nämlich auch noch vortrefflich streiten.

Stuckis Emotionen nach dem Sieg über Wicki.

Stuckis Emotionen nach dem Sieg über Wicki.

Im Fussball oder Hockey wäre nun das Geschrei gross. Im Schwingen aber wird ein solcher Entscheid akzeptiert. Das gehört zur Kultur dieser wunderbaren Sportart.

Aber dieser Schlussgang wird natürlich noch jahrelang unter den Kennerinnen und Kennern diskutiert werden. Auch das gehört zur Kultur. Der neue König hat dafür gesorgt, dass wir Untertanen noch stundenlang über seine Thronbesteigung diskutieren, ja polemisieren können.

Christian Stucki über seinen Sieg:

König Stucki mit Muni Kolin.

König Stucki mit Muni Kolin.

Christian Stucki ist ein grosser König. Punkt. Der wahre König. Punkt. Wäre das Resultat nicht gegeben worden, dann hätte er Joel Wicki halt nach dem nächsten, übernächsten, überüber oder überüberübernächsten Zusammengreifen gebodigt. Punkt. Auf jeden Fall vor dem Ablauf der Kampfdauer (Gangdauer) von 16 Minuten. Punkt. Das sagt der Chronist aus dem Bernbiet. Punkt.

Lang lebe der König: So feierten die Fans ihren Chrigu!

Lang lebe der König: So feierten die Fans ihren Chrigu!

Es ist der Höhepunkt seiner langen Karriere, der Königstitel: Der Berner Christian Stucki bezwang am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Zug am Sonntag im Schlussgang den Luzerner Joel Wicki. Und holte so den Titel als Schwingerkönig. Und dieser liess sich am Abend von seinen Fans so richtig feiern.

Das sind die 85 schönsten Bilder vom Schwingfest:

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