Tennis
Vielleicht war es Schicksal, mit dem Angelique Kerber die US Open gewinnt

Nach ihrem Sieg an den US Open ist Angelique Kerber ihre Angst vom einmaligen Erfolg los. Die Deutsche steht als Nummer 1 im Frauentennis nun ganz oben.

Petra Philippsen, New York
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Angelique Kerber küsst den Pokal für ihren Sieg bei den US Open. Der Pokal erinnert an ihre Olympia-Medaille: «Silbern. Schwer. Und richtig schön.»

Angelique Kerber küsst den Pokal für ihren Sieg bei den US Open. Der Pokal erinnert an ihre Olympia-Medaille: «Silbern. Schwer. Und richtig schön.»

Keystone

In all dem Trubel und Lärm, der um sie herum herrschte, fand Angelique Kerber einen Moment für sich. Sie brauchte ihn. Kerber sank auf ihren Stuhl, stülpte sich ein Handtuch über den Kopf und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Tränen übermannten sie.

Der Dank ans Publikum.

Der Dank ans Publikum.

Keystone

Der Druck war endlich von ihr abgefallen. Sie hatte die US Open gewonnen, mit einem umkämpften 6:3, 4:6 und 6:4-Sieg gegen Karolina Pliskova. In Kerbers Inneren tobten Freude, Erleichterung und Unglaube. «Mir ging in dem Moment so viel im Kopf rum», sagte sie, «für mich ist dieses Turnier so besonders, weil 2011 hier alles für mich losging. Und jetzt stehe ich hier fünf Jahre später als Champion. Das bedeutet mir so viel.»

Die Rolle der Mutter

Kerber hing während des Turniers oft der Vergangenheit nach. Sie dachte darüber nach, wie das alles mit ihr gekommen war. Über das, was vielleicht Schicksal in ihrem Leben gewesen ist. Wie sie eben vor fünf Jahren nach New York kam, als sie gerade eine tiefe Sinnkrise durchgemacht hatte. Als Kerber schon mit dem Profisein aufhören wollte und ihre Mutter Beata sie damals überzeugte, es nochmals zu versuchen. Die Deutsche stürmte dann bei den US Open als Nummer 92 der Welt in den Halbfinal, das war ihr Durchbruch. Und wohl auch Fügung.

Genauso oft dachte Kerber dieser Tage an jenen Matchball zurück, den sie im Januar in der ersten Runde der Australian Open gegen Misaki Doi abgewehrt hatte. Wie wäre Kerbers Saison wohl verlaufen, hätte sie ihn nicht abgewehrt? Vielleicht wäre keiner der wunderbaren Erfolge danach passiert.

Wahrscheinlich wäre Kerber heute immer noch die Unvollendete. «Die Frage wird mir niemand beantworten können», sagte sie, «ich muss es so hinnehmen.» Und Kerber tut es. Sie ist mit sich und ihrem Schicksal im Reinen. «Ich glaube, es ist alles so gekommen, wie es sein sollte», ist Kerber überzeugt: «Dass ich erst mit 28 Jahren mein bestes Tennis spiele und nicht schon mit 18. Ich habe aus vielen Erfahrungen Schritt für Schritt gelernt und mich auch als Person entwickelt. Das hat einfach Zeit gebraucht.»

Da ist das Ding: Kerber bei der Siegerehrung.

Da ist das Ding: Kerber bei der Siegerehrung.

Keystone

Nun ist ihre Zeit gekommen, Kerber steht ganz oben. Und sie hatte jahrelang sehr hart dafür geschuftet. Stunde um Stunde auf dem Trainingsplatz, im Fitnessraum. Dort, wo es keiner sieht, wo keiner applaudiert. Dort hatte sie sich am Ende des letzten Jahres neu erfunden.

Die sture Verteidigerin sprang über ihren Schatten und mischt inzwischen ihr Konterspiel mit aggressiven Gewinnschlägen. «Ich habe gemerkt, dass ich die Bälle nicht immer nur einfach zurückspielen kann», sagte Kerber, «ich muss selbst draufgehen.»

Der zweite Grand-Slam-Titel

Zur Belohnung erhielt Angelique Kerber in New York einen Siegercheck über 3,5 Millionen Dollar und die ersehnte Trophäe. Und wie schon über ihre Medaille von den Olympischen Spielen in Rio sagte sie über den Cup: «Silbern. Schwer. Und richtig schön.»

Sie hatte standgehalten in ihrem dritten Grand-Slam-Final der Saison nach Melbourne und Wimbledon, und das als neue Nummer eins im Frauentennis. Den Druck hatte sie ausgeblendet. «Ich wusste, die Nummer eins kann mir keiner nehmen, egal, was passiert», sagte Kerber, «und jetzt habe ich mit dem zweiten Grand-Slam-Sieg nach jenem in Australien die Bestätigung, die ganz wichtig für mich war.»

Nach Anerkennung hatte sie sich in ihrer Karriere lange gesehnt, und auch ihr Sieg bei den Australian Open behielt für sie einen kleinen Makel. Kerber wollte unbedingt beweisen, dass sie keine Eintagsfliege gewesen ist. «Alle meine Träume sind in diesem Jahr wahr geworden. Das ist unglaublich», freute sie sich.

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