Doping
Vor der Veröffentlichung: Was steht alles genau im McLaren-Report?

Wer bei der Untersuchung über staatlich gelenktes Doping in Russland auf die namentliche Nennung von betroffenen Athletinnen und Athleten hofft, könnte enttäuscht werden.

Rainer Sommerhalder
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Richard McLaren (m.) wird am Freitag wieder im Rampenlicht stehen.

Richard McLaren (m.) wird am Freitag wieder im Rampenlicht stehen.

Keystone

Die Anspannung bei den Mächtigen des Sports ist gross. Denn am Freitag präsentiert Sonderermittler Richard McLaren den abschliessenden zweiten Teil seiner Untersuchung über das allfällig staatlich gelenkte Dopingprogramm der Russen vor und während der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi. Legt der von der Welt-AntiDoping-Agentur (Wada) beauftragte Kanadier tatsächlich handfeste Beweise für ein organisiertes Verbrechen auf den Tisch, dürfte der Druck auf das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die Sportverbände noch einmal mächtig steigen.

Die Forderungen sind klar: Keine russischen Sportler bei den Olympischen Spielen 2018 in Südkorea, unmittelbare Sperre gegen russische Dopingsünder und keine internationalen Wettkämpfe auf russischem Territorium.

Gibt es an Olympia 2018 keine russisches Jubelbilder wie hier an der Heim-Olympiade in Sotschi?

Gibt es an Olympia 2018 keine russisches Jubelbilder wie hier an der Heim-Olympiade in Sotschi?

Keystone

Im Gegensatz zum Sommer, als McLaren den ersten Teil des Reports mit starken Indizien für einen gigantischen Beschiss nur einen Monat vor den Spielen in Rio veröffentlichte und den Weltsport damit auf dem falschen Fuss erwischte, hat das IOC diesmal mehr Zeit bis zu einer Entscheidung.

Dass man sich diese Zeit in Lausanne auch nehmen wird, hat das IOC bereits angedeutet. Mit der Einsetzung von zwei eigenen Untersuchungskommissionen will der olympische Verband sicherstellen, dass auch die russische Sicht genügend gewürdigt wird.

Russland weigerte sich, mit Professor McLaren zu kooperieren. «Es gibt noch keinen Zeitplan, wann die beiden Kommissionen ihre Ergebnisse präsentieren», sagt IOC-Mediensprecher Christian Klaue. Neben der Frage zur Zukunft wird das IOC auch darüber befinden müssen, welchen russischen Athleten allenfalls Edelmetall von Sotschi aberkannt wird. McLarens Kronzeuge Grigori Rodschenkow, der ehemalige Leiter des Anti-Doping-Labors in Moskau, spricht von 15 gedopten russischen Medaillengewinnern.

Gerüchte über Streit

Viele Fachleute und Sportinteressierte hoffen nun darauf, im zweiten Teil des McLaren-Reports endlich die Namen der Dopingsünder zu finden. «Ich erwarte das zwingend», sagt zum Beispiel Matthias Kamber, Direktor von Antidoping Schweiz. Im Vorfeld der Präsentation soll es sogar zu hitzigen Telefongesprächen zwischen der IOC-Spitze und der Führung der Wada zu diesem Thema gekommen sein.

Darüber berichtet ein Mitglied des IOC-Exekutivkomitees. Der olympische Verband gab überführte Dopingsünder bisher jeweils erst zusammen mit dem Urteil bekannt und störe sich nun daran, dass die Wada gleichzeitig Polizist, Staatsanwalt und Richter spielen wolle und das IOC nicht einmal vorinformiert werde.

Beide Organisatoren dementieren einen erneuten Zwist. Am Rande des Treffens der IOC-Exekutive diese Woche in Lausanne zeigten IOC-Chef Thomas Bach und Wada-Präsident Craig Reedie demonstrativ Einigkeit. Sie berichteten von einem sehr positiven Gespräch, in dem Missverständnisse ausgeräumt und eine enge Zusammenarbeit bekräftigt worden sei.

IOC-Präsident Thomas Bach (l.) und Wada-Präsident Craig Reedie dementierten einen Zwist zwischen ihren beiden Organisationen.

IOC-Präsident Thomas Bach (l.) und Wada-Präsident Craig Reedie dementierten einen Zwist zwischen ihren beiden Organisationen.

Keystone

Mediensprecher Klaue sagt: «Es gab im Vorfeld keine Uneinigkeit. Das Gegenteil war der Fall. Das IOC begrüsst es, wenn Professor McLaren in seinem Abschlussbericht konkrete Fakten nennt und so unseren beiden Kommissionen wertvolle Informationen liefert.»

Werden Namen publik?

Gut möglich, werden jene trotzdem enttäuscht, die endlich die Namen der gedopten Sportler fordern und diese möglichst schnell aus dem Verkehr ziehen wollen. Wada-Direktor Olivier Niggli dämpft entsprechende Hoffnungen: «Es war nie geplant, die Namen der Athleten in der Öffentlichkeit zu kommunizieren, bevor nicht die Entscheide über deren Resultate fallen», schreibt der Westschweizer auf Anfrage.

Bei einem «Schuldspruch» von McLaren werden in erster Linie die Wintersport-Verbände gefordert sein. Sollen russische Athleten aus den laufenden Weltcup-Wettbewerben ausgeschlossen und sollen die Wettbewerbe in Russland abgesagt werden?

Am Dienstag äusserte sich FIS-Präsident und IOC-Exekutivmitglied Gian Franco Kasper in einem Interview mit dem deutschen Sport-Informationsdienst dazu: «Angeblich sollen am Freitag ja auch Namen genannt werden. Diese Athleten müssten dann gesperrt werden», sagt Kasper. Der 72-jährige Bündner geht noch weiter: «Sollten klare Beweise vorliegen, dann stellt sich die Frage nach einer Kollektivstrafe.»

Der Engadiner Gian Franco Kasper fordert eine Sperre für Athleten, die namentlich gennant werden.

Der Engadiner Gian Franco Kasper fordert eine Sperre für Athleten, die namentlich gennant werden.

KEYSTONE/EPA/PATRICK SEEGER

Die Wintersportverbände tun auf jeden Fall gut daran, möglichst rasch und unmissverständlich zu reagieren. Sonst könnte ihnen das Ruder aus den Händen gleiten. Vor wenigen Tagen drohten die US-Bobfahrer bereits öffentlich an, die Bob-Weltmeisterschaft im Februar in Sotschi zu boykottieren. Sie werden nicht die Letzten sein.

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