Kolumne

«Was tust du, wenn dir alles zu viel wird?» Florence Schelling über Fragen junger Sportlerinnen

Florence Schelling an den Olympischen Jugendspielen in Lausanne.

Florence Schelling an den Olympischen Jugendspielen in Lausanne.

Diese Woche gingen in Lausanne die Olympischen Jugendspiele zu Ende. Florence Schelling war zwei Wochen dabei als Athletenbetreuerin. Wer am meisten wissbegierig war, warum es wichtig ist, über Probleme zu reden und welches die bleibenden Eindrücke waren, lesen Sie in ihrer Kolumne.

Lachende Gesichter. Tränen vor Freude. Tränen nach einer Enttäuschung. Jubel. Sehr viele weitere Emotionen. Und noch mehr grossartige Menschen. All das habe ich in den letzten beiden Wochen erlebt in Lausanne, an den Olympischen Jugendspielen. 1872 Sportlerinnen und Sportler aus 79 verschiedenen Nationen, alle zwischen 14 und 18 Jahre alt haben die Stadt in ein wunderbares Gewand verwandelt. Der Olympische Geist in der Schweiz? Ja, ich habe ihn gespürt. Und auch die Zuschauer haben mitgemacht, mehr als 170000 wollten die Stars von morgen sehen.

«Traut euch, über Probleme zu reden!»

Als «Athleten Vorbild» durfte ich zusammen mit Mark Streit meine eigenen Olympischen Erfahrungen mit der Jugend teilen. Je länger ich über meine Erlebnisse sprach und im Gespräch mit jungen Eishockeyspielerinnen aus aller Welt war, desto mehr realisierte ich, was ich einst überhaupt alles so erlebte. Es war imponierend, wie sie meine Erzählungen aufgesogen hatten ‑ und mich mit Fragen löcherten. Besonders wissbegierig waren die Schwedinnen. Wann ist der richtige Zeitpunkt, um nach Nordamerika zu gehen? Welche Kriterien habe ich angewandt für meine Entscheidungen in meiner Karriere? Und was tun, wenn alles zu viel wird und es einem irgendwo überhaupt nicht gefällt, um wieder rauszukommen? (Ich sagte: Seid offen, seid ehrlich. Traut euch! Legt die Karten auf den Tisch, wenn ihr euch unwohl fühlt. Jeder Verein der Welt sollte nur das Beste wollen für seine Spielerinnen und Spieler.) Derweil wollte die deutsche Torhüterin wissen, wie ich meine Nervosität vor dem Spiel weg kriegte. (Mein Geheimnis: Ruhiges Atmen. Und das Repetieren meiner fünf wichtigsten Schlagworte: Aggressiv sein. Vorne bleiben. Stock auf den Boden. Fanghand nach vorne. Puck immer sehen. Ich habe es wohl hunderttausend Mal heruntergebetet.

Und dann schwelge ich in Erinnerungen

Am liebsten wäre ich noch einmal so jung und könnte die Olympischen Spiele noch einmal erleben. Das ist mir in diesen Wochen wieder einmal bewusst geworden. Und ich schwelge. Der Moment des Einlaufens an der Eröffnungsfeier 2006 in Turin, unvergesslich, eine neue, surreale Welt für eine 16-Jährige. In meiner Traumwelt würde ich Olympia aber am liebsten als Einzelsportlerin erleben. Man saugt alles viel intensiver auf, wie wenn man im Team unterwegs ist. Lernt mehr Menschen kennen, mehr neue Kulturen und Sprachen. Ein bisschen Neid auf die Mädels und Jungs war also durchaus dabei.

Besonders gespannt war ich natürlich auf das neue Format im Eishockey, «3 gegen3». Es wird quer übers Feld gespielt, die Drittel dauern nur 16 Minuten ‑ und alles ohne Unterbrechung, dafür von ständiger Musik begleitet. Hört sich ziemlich nach Plausch an, oder? Und hat schon im Vornherein für ziemlich Gesprächsstoff gesorgt. Auch ich war skeptisch. Zu unrecht! Die Spiele waren dynamisch, schnell, es gab viel mehr Schüsse, Paraden und Tore als in einem «normalen» Spiel. Ich war hin und weg. Dazu die elektrisierende Atmosphäre im Stadion. Und das Beste: Die Dreierteams waren zusammengewürfelt aus Spielern verschiedenster Nationen. Ganz im Sinne der Olympischen Werte von Freundschaft bis Respekt und Toleranz.

Wie geht es weiter für die Medaillengewinnerinnen?

Und was passiert mit den Medaillengewinnerinnen von heute, wie der Schweizer Skifahrerin Amélie Klopfenstein oder der Langläuferin Siri Wigger, die je zweimal Gold gewannen? Nun heisst es überall: «Unsere nächsten Heldinnen stehen bereit!» Ja, sie haben das Potenzial dazu. Vor allem, weil sie wissen, dass der Weg dazu noch ziemlich hart und steinig werden kann.

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