Rio 2016

Was wir aus Rio mitnehmen

Von der Favela aus betrachten die Bewohner die Eröffnungsfeier.

Von der Favela aus betrachten die Bewohner die Eröffnungsfeier.

Unsere drei Reporter Kristian Kapp, Marcel Kuchta und Klaus Zaugg schildern ihr eindrücklichstes Erlebnis während ihrer Zeit in Rio de Janeiro.

Die Fahrt nach Maracanã

Wir fahren Bus, und wir warten, und dann fahren wir noch ein bisschen mehr Bus. Wir sind die Medienschaffenden an den Olympischen Spielen. Ich fahre und warte, also bin ich. Und wenn wir fahren, dann schauen wir aufs Handy oder versuchen, dem Rütteln und Schütteln zu trotzen und auf dem Laptop etwas zu schreiben.

Oder wir schauen nach draussen. Dort sehen wir den Stau neben unserer Olympic Lane, die hin und wieder ebenfalls verstopft ist, obwohl sie das nicht sein dürfte und sehen wahnwitzige Überholmanöver der Motorradfahrer. Und wir sehen die Atlantik, unendlich, das konstante Blau nur von ein paar Surfern getrübt, wenn wir entlang der Avenida Niemayer brausen, die Strasse unter der Favela Vidigal, die unsere zwei Welten in Rio miteinander verbindet: Im Westen Barra da Tijuca, wo Athletendorf und Olympic Park sind, im Osten Ipanema und Copacabana, wo das richtige Leben Rios beginnen soll.

Und einmal, da sehen wir noch etwas anderes. Es ist der 5. August, ein Freitag, Olympia hat noch gar nicht richtig begonnen, bloss Fussball wurde, verteilt im ganzen Land, seit zwei Tagen gespielt, doch das kriegst du hier nur am Rande mit. Wir besteigen am Busbahnhof des olympischen Parks unsere Extrafahrt nach Maracanã.

Es ist der Tag der Eröffnungsfeier, Ausnahmezustand im olympischen Transportsystem, heute gelten die üblichen Fahrpläne nicht. Wir fahren im grossen Bogen Richtung Norden, sehen jene üblichen Gegenden schwinden, die wir sonst passieren, die Gegenden, über die wir sonst denken «Ach, so schlimm und gefährlich ist das hier gar nicht».

Und plötzlich, gänzlich unvorbereitet, sind wir mittendrin. Die riesige Favela Maré, die von der Schnellstrasse geteilt wird. Und etwas weiter oben, am Hügel, sehen wir die Favela Alemao, dort, wo die Seilbahn fährt, dort wo die «Befriedungspolizei» zwei Tage vorher einfiel und zwei Menschen (Gangster?) tötete.

Wir starren auf ein Meer von Häuschen, zu Hause würden wir sie Baracken aus Ziegelstein ohne Verputz nennen, gaffen hinein in Zimmer, weil da Wände oder Dächer fehlen. Das Schauspiel ist schnell vorüber, wir erreichen Maracanã, wo das gleichnamige Stadion steht. Wir steigen aus und fragen uns, ob die Eröffnungsfeier schön wird, ob Pelé nun kommt oder nicht.

Freundliche Menschen

Ich habe ein Privileg genossen. Ich musste nicht jeden Tag mit dem offiziellen Bus vom Hotel in den Olympiapark fahren. Wie von einer Raumstation zur anderen. Ich durfte immer wieder den «Planeten Olympia» verlassen. Diese irreale Welt, die mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat. Und das hat mir ein wohltuendes Olympia-Erlebnis beschert.

Nach ein paar Tagen hatte ich einen Fussweg vom Hotel zum olympischen Park gefunden und verzichtete auf den offiziellen Transport. Eine gute halbe Stunde Fussmarsch, 7000 Schritte zwischen den Welten, die in Rio für ein paar Wochen aufeinandergetroffen sind. Ein Zusammenstoss der Welten, der glücklicherweise nicht so dramatische Folgen zeitigt wie in Immanuel Velikovskys gleichnamigem Buch über globale Katastrophen.

Erst bei gleissendem Scheinwerferlicht durch den Parco Olimpico, dann über den von fröhlichen
Menschen gesäumten Vorplatz. Nach und nach entschwinden die Lichter. Es bleibt nur ein Trottoir unter der fahlen Beleuchtung einer Schnellstrasse. Entlang an den Mauern einer Militärbasis, anschliessend auf einem Trampelpfad vorbei an einer Busstadion, zerfallenden Häusern, verrotteten Reklametafeln und einer stinkenden Lagune, deren penetranter Gestank mich bis in den Schlaf hinein verfolgt und in den Kleidern haften bleibt.

Und schliesslich bei einer Fussballschule um die Ecke zum Hotel. Jeden Tag werden die olympischen Dramen und Triumphe relativiert durch die flüchtige Begegnung mit einer rauen Wirklichkeit.

Im Hotel hat man mir von diesen Wanderungen abgeraten. «Sie sollten hier nicht zu Fuss gehen, nehmen Sie den Bus oder ein Taxi.» Ich bin trotzdem zu Fuss gegangen. Immer wieder sind mir bei später Heimkehr in der Nacht unterwegs Menschen begegnet. Ich habe freundliche, manchmal melancholische und traurige, aber nie in böse Gesichter gesehen. Nun habe ich mir vorgenommen, künftiger darauf zu achten, freundlicher zu sein. Wenn Menschen freundlich sind, die es in ihrem Alltag wesentlich schwerer haben, kann ich es auch.

Freud und Leid

Mittwoch-Abend, Party-Stimmung im House of Switzerland. Fabian Cancellara ist gekommen, um seine Goldmedaille zu zelebrieren. Jubel, Trubel, Heiterkeit. Der Star wird gefeiert, steht im Scheinwerferlicht der Kameras, muss immer und immer wieder dieselben Fragen beantworten. Bundesrat Guy Parmelin ist da und lässt sich gerne mit dem Schweizer Radstar ablichten. Eine grosse Karriere findet mit einem Olympiasieg einen märchenhaften Abschluss. Aus diesem Stoff sind Hollywood-Filme gemacht.

Etwas abseits des ganzen Trubels steht ein Athlet im offiziellen Tenü der Schweizer Delegation. Es ist Ciril Grossklaus, der Judoka aus Windisch. Sein Wettkampf fand zur selben Zeit statt, als Fabian Cancellara seinem Triumph entgegenradelte. Eigentlich wäre ich gerne zugegen gewesen, als Grossklaus zu seinem Kampf gegen den Franzosen Alexandre Iddir antrat. Aber eben: da war halt noch Cancellara. Man muss an Olympia Prioritäten setzen. Eigentlich schade.

Ciril Grossklaus steht also da, beisst in seinen Cervelat und schaut etwas verloren dem Rummel um den Olympiasieger zu. Seinen Kampf hatte er nur haarscharf verloren, der Exploit war zum Greifen nah. Nach fünf Minuten war für ihn das Abenteuer Olympia aber bereits wieder vorbei. Ein Abenteuer, welches er sich über zwei Jahre lang hart erkämpfen musste. Mit unzähligen Reisen rund um die Erdkugel. Mit einem bescheidenen Dasein in einer Einzimmerwohnung in Gehdistanz zur Trainingshalle in Brugg.

Grossklaus vs. Cancellara. An diesem Abend im House of Switzerland trafen zwei Welten aufeinander. Die Welt des umjubelten Stars, dem alle zu Füssen liegen. Und die Welt des Randsportlers, der unglaublich viel in seinen Olympia-Traum investiert hatte, seinen Wettkampf abseits des Rampenlichts bestreiten musste und in der breiten öffentlichen Wahrnehmung letztlich nicht mehr als eine olympische Randnotiz blieb. Meine Hochachtung hat er auf jeden Fall. In Tokio wartet in vier Jahren die nächste Chance.

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