Im Zuge des russischen Staatsdopings und des Betrugs bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi kam immer lauter der Ruf nach einem von Sportorganisationen und Staaten losgelösten System auf. Die Verbände sollen sich auf die Entwicklung ihrer Sportart und ihrer Veranstaltungen konzentrieren, eine Stelle mit spezialisierten Fachleuten kümmert sich um das Anti-Doping-Programm. So werden dubiose Einflussnahmen und Interessenskonflikte verhindert.

Im Oktober 2015 ebnete das Internationale Olympische Komitee IOC den Weg zur Internationalen Testagentur. Seit vier Monaten ist die vom Westschweizer Benjamin Cohen geführte ITA nun operativ tätig. Sie übernimmt einzelne oder umfassende Anti-Doping-Dienste von Verbänden und Grossveranstaltungen. So wird das Testprogramm bei den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio erstmals von der ITA durchgeführt. Bis zum gestrigen Tag haben bereits 37 Organisationen einen Kooperationsvertrag mit der Agentur abgeschlossen. Zuletzt stiess der zuletzt arg gebeutelte Biathlonverband dazu.

Kaum war sie in Betrieb, meldeten sich die Kritiker. Mächtige Vertreter des IOC seien im fünfköpfigen Vorstand der ITA zu prominent vertreten und sorgten so selbst für Interessenskonflikte. Dass der chinesische Universitäts-Professor Peijie Chin die Position des unabhängigen Vorstandsmitglieds einnimmt, passte ebenfalls längst nicht allen. Wie unabhängig kann eine chinesische Führungsperson sein?

Die Sportwelt hat sich die Skepsis selbst zuzuschreiben. Zu oft vermischten sich in der Vergangenheit politische und reglementarische Interessen – auch im Fall von Russland. Deshalb gehört es zu den ersten Aufgaben von Direktor Cohen – er ein früheres Führungsmitglied der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada –, Vertrauen zu schaffen. Er will dazu beitragen, Abläufe weltweit und sportartenübergreifend zu harmonisieren und modernisieren. Und er betont: «Ich bekomme keine Anweisungen vom Vorstand».

18 Personen, alles Spezialisten auf ihrem Gebiet, arbeiten derzeit für die ITA. Die Anstossfinanzierung läuft über das IOC. Der Plan sieht vor, dass sich die Agentur bis 2022 komplett selber finanzieren kann. Und wer weiss, vielleicht schafft Benjamin Cohen bis dann auch den Coup, die Fifa als Kunden zu gewinnen. Weniger Interessenskonflikte würden dem Weltfussball auch in Dopingfragen gut anstehen.