Das grosse Interview mit Olympia-Medaillengewinnerin

Heidi Diethelm Gerber: «Gedanken über Aussehen und Alter muss ich ausblenden»

«Ja, ich setze meine Karriere fort.» Heidi Diethelm Gerber, Olympia-Dritte mit der Sportpistole, setzt den Spekulationen um ihre Zukunft ein Ende.

«Ja, ich setze meine Karriere fort.» Heidi Diethelm Gerber, Olympia-Dritte mit der Sportpistole, setzt den Spekulationen um ihre Zukunft ein Ende.

Die Bronzemedaillengewinnerin von Rio spricht über Schiessen als Therapieform, die Kritik von Ueli Maurer und ihre Mühe, sich so zu akzeptieren, wie sie ist

Ein weisser Volvo biegt auf den Parkplatz beim Bahnhof Weinfelden ein. Heidi Diethelm Gerber lässt die Scheibe runter. «Sie wollen zum Schiessstand? Dann folgen Sie mir.» Diethelm Gerber ist 32, als sie erstmals eine Luftpistole in die Hand nimmt. Mit 36 will sie das Hobby wieder aufgeben. Doch ihr Mann und Trainer Ernst Gerber überzeugt sie, weiterzumachen. 2014 wird aus dem Hobby ein Beruf. Nach etwa zwei Kilometern ist die Fahrt an einem Waldrand zu Ende. Diethelm Gerber hievt den Koffer mit den Schiess-Utensilien (14 Kilogramm schwer) aus dem Auto und führt uns im Schützenhaus Hau ins Untergeschoss. Ihr zweites Zuhause. Ein 25-Meter-Stand für die Sportpistole, ein 10-Meter-Stand für die Luftpistole. «Es kann schon mal vorkommen, dass ich um 2 Uhr morgens noch trainiere», sagt die Bronzemedaillengewinnerin von Rio.

House of Switzerland feiert Heidi Diethelm Gerber

House of Switzerland feiert Heidi Diethelm Gerber

Rio - 09.08.16 - Am vierten Tag in Rio konnte im House of Switzerland die erste Medaille gefeiert werden. Heidi Diethelm Gerber gewann Bronze im Pistolenschiessen.

In einem Alter, in dem andere eine erste oder zweite Lebenskrise haben, feiern Sie Ihren grössten Triumph.

Heidi Diethelm Gerber: Vielleicht konnte ich mit dem Schiessen diese Krise abwenden (lacht). Ich habe als Kind viele Sportarten gemacht. Aber nirgends hat es zu mehr gereicht. Das war ernüchternd. Und als ich eine Ausbildung zur Hotelfachfrau begonnen habe, musste ich den Sport sowieso ad acta legen. Dass sich der Traum von Olympischen Spielen doch noch erfüllt hat, ist märchenhaft.

War der Ausbruch aus der Alltagsroutine ein Treiber?

Klar, ich war 20 Jahre lang in der gleichen Firma tätig. Ich kam an einen Punkt der Neuorientierung. Gleichzeitig war die Motivation für das Schiessen nicht allzu hoch. Doch mein Mann sagte: «Nein, damit hören wir jetzt nicht auf.» Das war ausschlaggebend. Heute kann ich sagen: Es hat sich gelohnt. Selbst die Befürchtungen, mit 50 in der Berufswelt nicht mehr gefragt zu sein, sind für mich kein Thema mehr. Ein Sportler ist strukturiert, diszipliniert, zielorientiert und kann sich organisieren. Deshalb ist ein Sportler überall in der Geschäftswelt Gold wert.

Was können Frauen im mittleren Alter von Ihnen lernen?

Wir Frauen nehmen uns in diesem Alter vielleicht zu sehr zurück. Wir haben eine lange Karriere als Mütter hinter uns, die Kinder sind selbstständig. Viele kommen an den Punkt, an dem sie nicht so recht wissen, was sie wollen. Verständlich. Denn nach
20 Jahren als Mutter kann das Gefühl aufkommen, immer nur gebraucht worden zu sein. Was zur Folge hat, dass man die Selbstachtung verliert. Und dann lässt man zu vieles mit sich geschehen. Ich will die Frauen dazu ermuntern, Risiken einzugehen. Das können auch verrückte Projekte sein wie meines.

Giulia Steingruber kehrt wie Sie mit einer Bronzemedaille von Olympia zurück. Doch im Unterschied zu Ihnen wird Steingruber gehypt, auch weil sie dem Schätzli-Klischee entspricht.

Mir ist bewusst, dass ich keine Modellathletin bin. Trotzdem ist das nicht immer einfach für mich. Ich musste lernen, mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Ich habe ein Zeitfenster, um meine sportlichen Ziele zu erreichen. Ich darf mir aber keine Gedanken über Aussehen und Alter machen. Aus irgendeinem Grund habe ich Sportschiessen und nicht Kunstturnen gewählt (lacht). Es gab Phasen, in denen ich Mühe hatte, zu akzeptieren, nicht dem Bild einer typischen Sportlerin zu entsprechen. Noch heute schlucke ich schon mal leer, wenn ich wie im olympischen Dorf die jungen Modellathletinnen sehe. Denn ich kann nicht verhehlen, dass ich gern anders rüberkommen würde. Aber das lässt sich nicht ändern. Also: Akzeptieren und damit umgehen. Mit dem Wissen, dass ich von der Öffentlichkeit verrissen worden wäre, wenn ich keinen Erfolg gehabt hätte. So nach dem Motto: die unsportlichste Olympiateilnehmerin. Auf diesen Worst Case war ich aber vorbereitet.

Bundesrat Ueli Maurer hat an den Olympischen Spielen 2012 scharf gegen die Schützen geschossen. «Zum amateurhaften Treiben fehlte nur der Rössli-Stumpen.» War seine Kritik berechtigt?

Ueli Maurer hat verkannt, was wir in der Vorbereitung geleistet haben. Unsere Sportart steht nur einmal alle vier Jahre im Fokus. Und immer hat man die Erwartung, die Schützen müssten mit Medaillen zurückkehren. Schliesslich ist die Schweiz eine Schützen-Nation. Aber das sind 80 andere Nationen auch. Kommt dazu, dass in vielen anderen Ländern das Sportschiessen intensiver gefördert wird. Wenn dann einer – auch wenn es ein Bundesrat ist – uns kritisiert, ohne einen Augenschein genommen zu haben, disqualifiziert er sich selbst.

Was entgegnen Sie Menschen, die fragen, was Schiessen mit Sport zu tun habe?

Es ist mir bewusst, dass es für viele nicht ersichtlich ist. Auch wenn es statisch wirkt, hat Sportschiessen sehr viel mit Sport zu tun. Es braucht mehr als eine ruhige Hand und ein gutes Auge. Insbesondere im Bereich der Feinmuskulatur müssen wir viel trainieren, um über 60 Schuss in der Position stabil zu bleiben. Da braucht es ebenso viel Kraft und Koordination wie bei anderen Sportarten auch. Und das von der Zehe bis zum Finger. Dazu kommt die mentale Belastung, die sehr kräfteraubend ist.

Wie viel macht der Kopf, wie viel der Körper aus?

Das kann man nicht quantifizieren. Beides muss passen. Mit mentaler Stärke allein ist man kein guter Schütze.

Schiessen ist nicht nur statisch, sondern auch eine emotionslose Sache.

Das Unterdrücken der Emotionen ist eine weitere Schwierigkeit und macht diesen Sport noch komplexer, als er es eh schon ist.

Liegt es drin, dass Sie sich während des Wettkampfs über einen Fehlschuss ärgern?

Das kann man schon, nur nimmt man sich damit quasi aus dem Wettkampf. Schiessen ist eine extreme Arbeit mit sich selbst – was man dem Fernsehzuschauer leider nicht vermitteln kann.

Sie gelten nicht als emotionsloser Mensch.

Früher war ich ziemlich impulsiv und bin es auch heute hin und wieder. Aber mit dem Schiessen habe ich gelernt, meine Emotionen zu kontrollieren. Das geht aber nur, wenn man sich besser kennen lernt.

Was haben Sie über sich selbst erfahren?

Nicht nur Positives. Nur schon zu denken und zu leben wie ein Sportler, war nicht einfach. Nach über 20 Jahren im normalen Berufsleben hatte ich Zweifel und existenzielle Ängste. Aus Sicht eines Sportlers falsche Gedanken, die sich negativ auf die Leistung auswirken können. Deshalb habe ich viel im Bereich Gedankenkontrolle gearbeitet.

Leidet unter so viel Kontrolle nicht die Spontaneität?

Nein. Ausserhalb des Schiessstandes kann ich schon spontan reagieren. Andererseits hat mir das Schiessen in schwierigen Alltagssituationen geholfen, gelassen zu bleiben. Beispielsweise, als mein Sohn in der Pubertät war.

Schiessen als Therapie für gestresste Mütter?

Irgendwie schon. Schiessen steigert die Konzentrationsfähigkeit und hilft, sich zu kontrollieren. Aber man muss vorsichtig sein. Denn Schiessen ist zu Beginn eine nervenaufreibende Geschichte, weil Erfolgserlebnisse lange Zeit ausbleiben. Es braucht also viel Willen und Einsatz, um seinen Frieden mit dem Schiessen zu finden. Das ist mir zum Glück gelungen.

Hat es Sie zu Beginn Überwindung gekostet, eine Waffe in die Hand zu nehmen?

Wir Schützen reden nicht von einer Waffe, sondern von einem Sportgerät. Auch darum, weil Sportschiessen zu häufig in Verbindung mit Gewalt gebracht wird.

Was aber nichts daran ändert, dass Sie eine Waffe in die Hand nehmen.

Ja, es hat Überwindung gebraucht. Nicht die Luftpistole in die Hand zu nehmen, weil diese kaum knallt. Aber mit der Sportpistole konnte ich mich erst nicht anfreunden. Lange Zeit habe ich sie mit mulmigem Gefühl in die Hand genommen, als könne etwas Schreckliches passieren.

Ist es naiv zu glauben, Ihr Olympia-Triumph könne das Image des Sportschiessens verbessern?

Ich mache mir nichts vor: Auch wenn mein dritter Rang ein überwältigendes Echo ausgelöst hat, bin ich skeptisch, dass die Bronzemedaille alles aus dem Weg räumt. Trotzdem hoffe ich, dass mein Sport nicht mehr so häufig in die Gewalt- und Militär-Ecke gedrängt wird. Ich bin überzeugt, dass unser Sport den Jungen punkto Konzentrationsfähigkeit auch in der Schule hilft. Aber leider habe ich die Erfahrung gemacht, dass Schüler von ihren Lehrern abgeblockt werden, wenn sie einen Vortrag über den Schiesssport halten wollen.

Trotzdem: Schiessen assoziiert man in der Schweiz mit dem Militär.

Das lässt sich nicht ändern. Schliesslich hat fast jedes Dorf einen 300-Meter-Schiessstand. Ich erwarte aber, dass man differenziert. Militärisches Schiessen und Sportschiessen sind zwei komplett unterschiedliche Disziplinen. Womit ich aber nicht das eine gegen das andere ausspielen will. Mühe habe ich, wenn jedes Verbrechen, das mit einer Militärwaffe verübt worden ist, umgehend auch mit unserem Sport in Verbindung gebracht wird.

Ist das ungerecht?

Ja. Denn wir brauchen eine positive Betrachtung, um zu wachsen. Während im Ski selbst über einen 15. Platz berichtet wird, behandelt man einen Weltcupsieg im Sportschiessen sehr stiefmütterlich. Aber hey, bei uns sind achtzig Nationen am Start, nicht bloss acht oder zehn wie beim Skifahren.

Bis jetzt haben Sie sich nie dazu geäussert, ob Sie mit dem Sport weitermachen.

Stimmt. Ich habe aber schon vor Rio entschieden, dass ich die Karriere fortsetzen werde. Ob ich bis Tokio 2020 weitermachen werde, lasse ich offen. Am Horizont steht jetzt erst mal die WM 2018.

Nochmals zwei Jahre als Profi?

Ich hoffe es. Es sind aber noch Abklärungen im Gang, ob es finanziell machbar ist. Es geht ja auch darum, mein Team zu entgelten.

Für den Profi-Traum haben Sie grosse Entbehrungen auf sich genommen. So sind Sie aus finanziellen Gründen mit Mitte 40 wieder zu Ihrer Mutter gezogen.

Was so nicht ganz stimmt. Mein Mann und ich haben schon bei meiner Mutter gewohnt, bevor ich mich entschieden habe, die Stelle zu kündigen und voll auf den Sport zu setzen. Es wurde wohl bei einem Interview falsch verstanden, und so kam die Geschichte in Umlauf.

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