Eisschnelllauf

Kaitlyn McGregor: Die Flucht des Supertalents

Kaitlyn McGregor (r.) und ihr Bruder Ryan haben den Eissport quasi im Blut: Ihr Vater war Eishockey-Trainer.Herve Le Cunff/RDB/SiI

Kaitlyn McGregor (r.) und ihr Bruder Ryan haben den Eissport quasi im Blut: Ihr Vater war Eishockey-Trainer.Herve Le Cunff/RDB/SiI

Kaitlyn McGregor ist eine Ausnahmeerscheinung. Doch mit nur 21 Jahren verabschiedet sie sich durch die Hintertür und beendet ihre Profikarriere. Ihren Hilfeschrei hörte niemand.

Sie ist jung, charmant und schnell – sehr schnell. Sie gleitet mit einer Leichtigkeit übers Eis, als würde sie schweben, als lägen nicht Tausende von Trainingsstunden an der Basis ihrer Bewegungen.Der Schweizer Nationaltrainer Timo Järvinen sagt: «Sie ist eine aussergewöhnliche Athletin und besitzt jene Fähigkeiten, die es braucht, um aufs Olympiapodest zu laufen.»

Kaitlyn McGregor, 21, kanadisch-schweizerische Doppelbürgerin, führte den Schweizer Eisschnelllauf-Sport in eine neue Ära: 32 Schweizer Rekorde, 24 nationale Meistertitel, drei Medaillen an den Junioren-Weltmeisterschaften 2013.Dabei war sie zuvor vor allem als Eishockeyspielerin aufgefallen und hatte als Mitglied der U18-Auswahl auf dem Sprung ins Nationalteam gestanden.

Doch mit den längeren (Eisschnelllauf-)Kufen glaubte McGregor, ihre sportlichen Ambitionen eher verwirklichen zu können. Sie taufte ihren Hund auf den Namen «Sotschi» – um ihr grosses Ziel, die Olympischen Spiele 2014, auch im Elternhaus ständig vor Augen zu haben. Sie wusste, was sie wollte: sich für die Winterspiele qualifizieren – als erst zweite Schweizer Eisschnellläuferin nach Sylvia Brunner (1980).

Projekt stockt

Doch unverhofft geriet das Projekt ins Stocken. Weil die Schweiz aufgrund von fehlenden früheren Resultaten für Sotschi keinen Quotenplatz besass, blieben die olympischen Türen für McGregor verschlossen.

Anstatt auf der Olympia-Bahn ihre Spuren zu hinterlassen, ging sie im zürcherischen Ebmatingen mit ihrem Hund spazieren. Und McGregor musste mitansehen, wie ihre ehemaligen Teamkolleginnen in der Eishockey-Auswahl sensationell Bronze gewannen – bei einem Trainingsaufwand, der im Vergleich zum Eisschnelllaufen an Wellness-Ferien mit Vollpension erinnert.

Diese Erfahrung stürzte McGregor in ein emotionales Dilemma. Sie nahm ein einjähriges Time-out und zog mit ihrem Freund, dem Eishockeyprofi Ronalds Kenins, nach Kanada.

Die Jugend geopfert

Sie brauchte Abstand und Raum zum Atmen. Schliesslich hatte sie ihre halbe Jugend der Karriere geopfert und immer auf andere gehört – in einer Sportart notabene, in der in der Schweiz weder organisatorisch noch infrastrukturell die elementarsten Voraussetzungen vorhanden waren. Zwar beschäftigt Swiss Ice Skating mit dem Finnen Järvinen mittlerweile einen renommierten Nationaltrainer, doch die Läuferinnen fristen noch immer ein Nomadendasein.

Also nahm die junge Frau ihr Schicksal selber in die Hand. Mit 16 zog sie nach Heerenveen (Holland) und schloss sich einer lokalen Trainingsgruppe an – auf eigene Faust, ohne Kolleginnen oder Bezugspersonen aus dem privaten Umfeld. Was das bedeutet, weiss die frühere Schweizer Spitzenläuferin Dolores Gysin-Lier: «In Holland ist Eisschnelllaufen Nationalsport – und das Talentreservoir schier unerschöpflich.

Auf eine Schweizerin wartet dort niemand.» Der erhöhte Druck fördert die Leistungskultur. Er kann aber auch ins Gegenteil umschlagen: «Die Mädchen werden dort ohne Rücksicht auf Verluste ausgepresst. Auf eine Läuferin, die es schafft, kommen 20 zerstörte Träume», rechnet Gysin-Lier vor.

Mc Gregor wird zum Star

McGregor überstand die Schinderei – und avancierte in ihrer Wahlheimat zum Star. Und sie strebte weiter vorwärts und dislozierte nach zwei Jahren an die Eislauf-Akademie im deutschen Inzell. Ihr Vater, der frühere Eishockey-Trainer Mark McGregor, der 1997 den SC Herisau überraschend in die Nationalliga A geführt hatte, unterstützte die Ambitionen seiner Tochter, wo er konnte.

Um Kaitlyn auch in der Fremde familiäre Geborgenheit zu bieten, kaufte er in Inzell eine Wohnung. «Mit einem Vater als Hockeycoach steckst du in den Schlittschuhen, bevor du gehen kannst», sagt Kaitlyn McGregor. Auch ihrem drei Jahre älteren Bruder Ryan ging es nicht anders.

Parallel zum Studium an der amerikanischen Elite-Universität Harvard trieb Ryan seine Eishockey-Karriere voran. Seit dieser Saison steht er bei den Rapperswil-Jona Lakers unter Vertrag: «Ryan ist der einzige Schweizer Eishockeyprofi mit einem Harvard-Abschluss», sagt Vater Mark stolz.

Verabschiedung vom Sport

Kaitlyn McGregor besitzt keinen Harvard-Abschluss – und auch keine olympischen Träume mehr. In diesem Sommer verabschiedete sie sich durch die Hintertür aus dem Spitzensport. Thomas Grob, der Chef der Schnelllauf-Kommission von Swiss Ice Skating, erhielt die Botschaft per E-Mail: «Kaitlyn teilte mir mit, dass sie sich nicht mehr spüre, dass sie sich eingeengt und unter Druck gesetzt fühle», erzählt Grob. Sie schrieb, sie könne sich nicht mehr motivieren.

Dabei schien bis vor kurzem noch alles nach Plan zu verlaufen: Im Juni beendete McGregor den zweiten Teil der Spitzensportler-RS und posierte stolz im Kampfanzug. Danach optimierte sie in Zürich mit Personaltrainer Mattia Stendahl die physischen Grundlagen und schloss sich fürs weitere Sommertraining einer Läufergruppe in Calgary an.

«Sie war so gut in Form wie noch nie und hätte alle Möglichkeiten gehabt, für Jahre zum Schweizer Aushängeschild unserer Sportart zu werden», sagt Grob. Doch McGregor mag nicht länger die Botschafterin einer Idee sein, an die sie selber nicht mehr glaubt.

Als Eisschnellläuferin befand sich McGregor – quasi per Definition – auf einem ständigen Rundlauf. Doch sie realisierte, dass sie sich im Kreis drehte. Nun weilt sie in Kanada und ist ein Weltmeer und emotional ein paar Dimensionen von ihrem alten Leben entfernt. Interviewanfragen oder Interventionen ihrer Förderer verpuffen im Nirgendwo.

Zurück bleiben konsternierte Trainer und fassungslose Fachleute. «Kaitlyn ist ein Jahrzehntetalent – eines, das die Schweiz vielleicht nie mehr haben wird», sagt Nationaltrainer Järvinen. Seine Ehefrau, die dreifache Olympia-Medaillengewinnerin Emese Hunyady, ergänzt: «Ich habe Tränen in den Augen, dass ein solches Talent dem Sport verloren geht.»

Dem Druck nicht gewachsen

Vater Mark McGregor spricht von einem «unglaublich harten Entscheid, dem grosser Schmerz und eine sportliche Tragödie vorausgegangen sind.» Doch möglicherweise waren auch Fehleinschätzungen des Umfelds und ein Mangel an Fingerspitzengefühl für die traurige Entwicklung verantwortlich.

Je länger man den Beteiligten zuhört, desto klarer kristallisiert sich das Bild einer jungen Frau heraus, die als Projektionsfläche der Hoffnungen und Sehnsüchten von Aussenstehenden diente, die aber dem Druck und der öffentlichen Erwartungshaltung nicht mehr gewachsen war.

Noch im vergangenen Frühling sagte McGregor lachend: «Mein nächster Hund heisst Pyeongchang» (in Anlehnung an den Namen der Olympiastadt 2018). Dass diese Idee kaum je umgesetzt wird, ist nicht weiter schlimm. Dass die Menschen ihr aber erst zuhörten, als die Sportlerin die Notbremse gezogen hatte, muss alle Beteiligte sehr nachdenklich stimmen. Auch ein lautloser Hilfeschrei kann verstanden werden – theoretisch.

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