Im Fokus der Debatte steht die Welt-Antidoping-Agentur Wada. Sie hat mit dem Entscheid, die russische Antidoping-Arbeit wieder als einvernehmlich mit den Wada-Regeln zu erklären, einen Shitstorm ausgelöst. Athleten, nationale Agenturen und Medien kritisieren scharf, dass Russland zwei im Voraus festgelegte Bedingungen nicht erfüllt hat. «Der Entscheid ist nicht nachvollziehbar. Man hat Vertrauen fahrlässig über Bord geworfen. Es ist ein herber Rückschlag für die Antidoping-Arbeit», sagt Gotzmann. «Das Vertrauen in die Wada ist am Boden. Sie war zu Beginn ein kreativer Regulator von ausserhalb. Heute ist sie selbst ein überregulierter, ins System eingebundener Moloch», kritisiert Kamber.

Die Emotionen kochen hoch. Die Wada-Spitze reagiert zunehmend gereizt auf Kritik. Der schottische Präsident Craig Reedie verschickt öffentliche Entgegnungen zu Reformforderungen von Sportlern. Der Schweizer Direktor Olivier Niggli fällt in einem Interview durch den leicht genervten Unterton auf. Und bei nationalen Antidoping-Behörden wird schon mal mittels Telefonanruf Solidarität eingefordert.

Diskussionen sollen nicht in Streit enden

Zwar verlangt auch die ehemalige Fecht-Weltmeisterin Claudia Bokel, die als Vorsitzende der Athletenkommission des Olympischen Komitees am eigenen Leib erfuhr, wie man dort mit kritischen Voten aus den eigenen Reihen umgeht, dass die Diskussionen nicht zu einem Streit führen dürfen. Aber sie wirft den Ball der Wada zu. Sie müsse viel mehr auf die Stimmen der Athleten hören.

Altgediente, treue IOC-Funktionäre raus aus der Wada-Führung, dafür Athleten mit einem kritischen Blick und externe Experten rein – so lautet die beinahe einhellige Meinung der Podiumsteilnehmer. «Denn im aktuellen System wird in der Wada hohe Fachkompetenz ausgeschlossen», sagt Gotzmann. Die Sportfunktionäre wehren sich vehement, wie immer wenn es um Verlust von Macht und Einfluss geht. Ein Hoffnungsschimmer für eine baldige Reform bleibt. Seit genau zwei Jahren befasst sich eine Arbeitsgruppe mit den Wada-Strukturen. Andrea Gotzmann gehört dazu. Das bietet Gewähr, dass auch dort Klartext gesprochen wird.