Basketball

Staatsfeind Enes Kanter – wie ein NBA-Star aus Zürich um sein Leben fürchtet

Kämpferisch: Enes Kanter setzt sich gegen Oklahomas Jerami Grant (l.) und Terrance Ferguson durch.

Kämpferisch: Enes Kanter setzt sich gegen Oklahomas Jerami Grant (l.) und Terrance Ferguson durch.

Portland ist eine der subversivsten Städte der USA. Der in Zürich geborene NBA-Profi Enes Kanter passt perfekt dorthin. Er ist kontrovers, unterhaltsam – und in seiner Heimat Türkei ein Staatsfeind. Im NBA-Playoff soll er Portland zum nächsten Exploit verhelfen.

Enes Kanter hat keine Heimat mehr, jedenfalls nicht im Moment. Kanter, 26, ist Türke, eigentlich, doch das Land hat ihm die Staatsbürgerschaft aberkannt, im Rahmen der unerbittlichen Vendetta der Regierung Erdogan gegen die Bewegung des im Exil lebenden Geistlichen Fetullah Gülen. Kanter gehört zu den Vertrauten Gülens, was der Grund dafür ist, dass er sich nicht mehr aus den USA hinaustraut.

Als sein damaliger Arbeitgeber New York Knicks im Januar eine Partie in London absolvierte, reiste Kanter nicht mit – er fürchtete, von den Schergen Erdogans gekidnappt zu werden. Er gilt in der Türkei als Staatsfeind, er verglich Erdogan bereits mit Hitler – und erhielt darauf Morddrohungen. Sein Vater erklärte öffentlich, er schäme sich, einen solchen Sohn zu haben.

Geschichten wie jene gibt es in der Türkei viele, doch selten treffen sie jemanden, der so im Rampenlicht steht wie der Basketballer, einen der berühmtesten Sportler seines Landes. Kanter erreicht eine grosse Öffentlichkeit, in den sozialen Medien folgen ihm fast eine Million Menschen. Er sagt:

Es sind mehr als Lippenbekenntnisse: Kanter sagt, er könne sich vorstellen, eines Tages selber Politiker zu werden. Und an den meisten Tagen meldet er sich gegen zehn Mal pro Tag zu Wort, oft teilt er politische Botschaften und immer wieder protzige Bilder mit nacktem Oberkörper; er inszeniert sich gerne.

Man könnte befürchten, dass all die Onlineaktivitäten und die Drohgebärden seiner Gegner ihn in der Ausübung seiner Aufgabe beeinträchtigen würden: NBA-Profi zu sein. Die New York Knicks waren dieser Auffassung, sie kauften sich im Februar aus den letzten Monaten eines Vertrags heraus, der Kanter in den letzten vier Jahren 70 Millionen Dollar eingebracht hat. Viel Geld für einen eindimensionalen Spieler: Der Center ist offensiv brillant und defensiv ein Abenteuer.

Kanter landete in Portland, bei den Trail Blazers, und womöglich war das ein Glücksfall. Portland, Oregon, ist ein Ort wie geschaffen für Aussätzige, subversiv und rau, eine alternative Stadt bekannt für Drogen und Rock’n’Roll; die Musikerin Beth Ditto, die Frontsängerin der Band Gossip, sagt, es sei «der perfekte Ort für Punks». Mit solchen Dingen hat Kanter nichts zu tun, aber auch er hat einen archaischen Geist, auch er rebelliert gegen das Establishment, jedenfalls gegen das in der Türkei. Er hat für seine Überzeugungen viel geopfert. Selbst in den USA verzichtet er darauf, türkische Restaurants zu besuchen – er weiss nie, welche Reaktionen ihm entgegenschlagen. In Portland hat man für solches Verhalten Verständnis; vielleicht hat ihm das die Integration erleichtert, die auf die Probe gestellt wurde, als er nicht mit zum Spiel nach Toronto reisen konnte – wieder die Angst vor einem Attentat oder der Auslieferung an die Türkei.

Portland als neue Heimat?

Doch sportlich läuft es den Trail Blazers seit der Verpflichtung nach Wunsch, in der ersten Playoff-Runde schaltete das Team in fünf Spielen die Oklahoma City Thunder mit ihren Stars Russell Westbrook und Paul George aus. In der Nacht auf Dienstag steht der erste Vergleich mit den Denver Nuggets an.

Es ist nicht klar, was mit Kanter geschehen wird nach dieser Saison, der Vertrag endet und womöglich muss er weiterziehen. Doch sollte gegen Denver der nächste Coup gelingen, steigen die Chancen auf eine Vertragsverlängerung; darauf, dass der Nomade Kanter zumindest temporär eine neue Heimat findet.

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