Triathlon

Wenn Silber so wertvoll ist wie Gold

Nicola Spirig läuft strahlend zu Silber.

Nicola Spirig läuft strahlend zu Silber.

Nicola Spirig holt Medaille Nummer sechs für die Schweiz: Platz 2 im Triathlon. Die 34-jährige muss sich einzig der Amerikanerin Gwen Jorgensen geschlagen geben.

Kurz flackerte die Erinnerung an London auf. Nicola Spirig und die US-Amerikanerin Gwen Jorgensen liefen gemeinsam dem Ziel entgegen. Es lief alles auf ein Kopf-an-Kopf-Finale hinaus. Wie vor vier Jahren. Damals war die Schwedin Lisa Norden die letzte Begleiterin der Schweizerin gewesen. Und sie musste sich nach einem hochdramatischen Endspurt schliesslich nur um einen Wimpernschlag geschlagen geben. Gold für Spirig, Silber für die Schwedin.


Würde es also auch diesmal wieder zum grossen Showdown auf der Ziellinie kommen? Kam es nicht. Zwei Kilometer vor dem Ziel zog die amtierende Weltmeisterin und Topfavoritin Jorgensen das Tempo noch einmal an. Es war der Zeitpunkt, als Spirig abreissen lassen musste. Sie konnte die Pace der 30-Jährigen nicht mehr mitgehen. Dies, nachdem sie zuvor alles versucht hatte, um ihre Konkurrentin aus dem Rhythmus zu bringen. «Dazu gehören auch mentale Spiele. Wir diskutierten, wer im Wind laufen soll. Sie wollte nicht, da sagte ich ihr schliesslich: ‹Ich habe schon eine Medaille. Du musst die Initiative übernehmen!›», erzählte sie lächelnd.

Wie einst bei Cancellara

Aber selbst gegen den «spirigschen Psychoterror» erwies sich die US-Amerikanerin als resistent. Genauso wie zuvor, als die Schweizerin mit aller Macht versucht hatte, auf der Radstrecke eine Vorentscheidung herbeizuführen. Während gefühlten 90 Prozent der Renndistanz führte Spirig das kleine Spitzenfeld an. Und wenn sie sich mal Hilfe suchend umblickte, machte keine ihrer Mitfahrerinnen Anstalten, selber den Lead zu übernehmen.

Sie wollten nicht. Oder noch wahrscheinlicher, konnten nicht, weil sie von Nicola Spirigs hohem Rhythmus permanent ans Leistungslimit gedrängt worden waren. Die Szenen erinnerten bisweilen an Fabian Cancellara, dem die Konkurrenten in den Eintagesrennen, in welchen er der klare Favorit war, oft nicht vom Hinterrad wichen. «Ich wollte auf dem Velo alle müde machen und aktiv fahren. Ich hätte natürlich auch hinten rein sitzen und abwarten können. Aber das ist nicht mein Stil. Ich habe alles richtig gemacht und glaube auch, dass meine Taktik so funktionierte», erklärte die 34-Jährige.

Die Diskussionen um die taktische Marschroute waren am Ende sowieso völlig überflüssig. Für Nicola Spirig war schon nur die Tatsache, dass sie nach einer Saison, welche durch ihren Sturz im Frühling so beeinträchtigt worden war, hier in Rio auf dem Podest steht, mehr wert als alles andere: «Im Ziel war ich emotionaler als nach meiner Goldmedaille in London. Es war keine einfache Vorbereitung. Ich habe sehr viel investiert. Deshalb bin ich sehr stolz auf das, was ich geleistet habe. Ich habe die Silbermedaille gewonnen und nicht Gold verloren.»

In dieselbe Richtung ging auch die Analyse ihres Trainers Brett Sutton: «Man darf nicht vergessen, dass sie von ihrem Sturz im März immer noch 23 Schrauben und drei Platten in der linken Hand hatte. Ich bin überhaupt nicht enttäuscht, dass sie ihren Titel nicht verteidigen konnte. Im Gegenteil: Das, was Nicola in den letzten Monaten geleistet hat, ist grossartig.»
Zumal ja nicht nur die Verletzung, welche sie sich bei einem Sturz in Abu Dhabi zugezogen hatte, ein erschwerender Faktor war.

Seit ihrem Triumph in London wurde das Leben von Nicola Spirig in vielerlei Hinsicht richtiggehend auf den Kopf gestellt. Sie heiratete den ehemaligen Triathleten Reto Hug, wurde Mutter (der 3-jährige Sohn Yannis und der Ehemann waren in Rio vor Ort), kaufte ein Haus, welches in der Folge renoviert wurde. Kurz: Sie brachte innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne einige Meilensteine des Lebens hinter sich. «Unter diesen Umständen noch einmal eine Medaille zu holen, ist das Tüpfelchen auf dem i», unterstrich sie noch einmal, wie wenig selbstverständlich dieser zweite Platz für sie war.

Der letzte Olympia-Triathlon

Klar ist, dass Nicola Spirig in Rio ihre letzte Vorstellung auf der olympischen Triathlon-Bühne gegeben hat. «Was ich in den kommenden vier Jahren machen werde, ist noch nicht definiert», liess sie Fragen nach ihrer sportlichen Zukunft vorderhand unbeantwortet. Für die zweifache Olympia-Medaillengewinnerin steht nach den entbehrungsreichen, letzten Monaten jetzt erst einmal etwas anderes im Vordergrund: «Ab jetzt gibt es nur noch Familienprogramm. Ich freue mich auf ein paar Tage hier in Brasilien mit meinem Mann, meinem Sohn, meinem Vater und ein paar guten Freunden.» Am 25. August kehrt sie zurück nach Hause. Im Gepäck eine Silbermedaille und eine ganze Menge wunderbarer Erinnerungen.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1