Lionel Messi
Wie aus diesem Knirps ein Weltstar wurde

Als er noch ein Knirps war, kehrte seine Heimat ihm den Rücken. Lionel Messi flüchtete nach Spanien, nun ist er ein Superstar. Begonnen hat alles auf einem holprigen Bolzplatz in Rosario.Lionel Messis erster Sturmpartner Gonzalo Diaz erzählt.

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Wie aus diesem Knirps ein Weltstar wurde

Wie aus diesem Knirps ein Weltstar wurde

Kai Behrmann, Rosario

Aus dem winzigen Leibchen ist Gonzalo Diaz längst herausgewachsen. Orange-weisse Streifen, Kindergrösse XS. Hinter Glas hängt das Trikot in einem Rahmen an der Wand in der kleinen Mietswohnung vor den Toren von Rosario. Der 22-Jährige wendet seinen Blick ab von dem Erinnerungsstück. Vor ihm auf dem Küchentisch liegt ein Panini-Album. Tevez, Veron und Palermo – vorsichtig klebt er die Abziehbilder mit den Köpfen der Stars der argentinischen Fussball-Nationalmannschaft ein. Das Konterfei des Spielers, mit dem er einst Seite an Seite auflief, fehlt ihm noch. Damals, als das Hemdchen noch passte. Der Name: Lionel Messi.

Finten, Dribblings, Tore

Den Bolzplatz des Stadtteilklubs «Abanderado Grandoli», auf dem Messi und er im Alter von fünf Jahren mit dem Fussballspielen begannen, kann Gonzalo Diaz vom Fenster seines Zimmers aus sehen. Die spärlichen Grashalme sind vergilbt, der Untergrund ist uneben. Die Spielfläche gleicht einem staubigen Acker. Tornetze fehlen gänzlich. Trotz der schwierigen Bodenverhältnisse seien Messis aussergewöhnliche Fähigkeiten schon früh erkennbar gewesen, erinnert sich Gonzalo Diaz. Der Beweis findet sich im Internetportal Youtube. Finten, Dribblings, Tore am Fliessband – wer sich die Amateurvideos anschaut, glaubt, den heutigen Messi im Körper eines Knirpses zu sehen.

«Ich habe immer für Lionel aufgelegt»

Mit dem Superstar des FC Barcelona bildete Gonzalo Diaz das Sturmduo von Grandoli. Eigene Treffer durfte er jedoch selten bejubeln: «Ich habe immer für Lionel aufgelegt.» Der Weg zu Ruhm und Reichtum schien für Messi vorgezeichnet. Wie hart er werden würde, ahnte damals noch niemand. Unter der Leitung von Lionels Vater Jorge eilt die Rasselbande von Erfolg zu Erfolg. Der junge Lionel ist nicht zu stoppen. Jedenfalls nicht mit fairen Mitteln. Der technischen Raffinesse, gepaart mit schnellem Antritt, haben seine Gegenspieler nur brutale Härte entgegenzusetzen.

Mit acht Jahren wechselt Messi in die Jugend von Newell’s Old Boys, neben Rosario Central der andere grosse Traditionsklub der drittgrössten Stadt Argentiniens. Kurz darauf der Schock. Der Aufstieg des hochveranlagten Buben droht ein jähes Ende zu finden. Zur Welt gekommen war Lionel mit dem Idealgewicht von 3600 Kilogramm. Doch während seine Altersgenossen in die Höhe schiessen, stagniert Lionel. Er selbst habe sich nie Gedanken darüber gemacht. «Doch als ich meine Eltern immer öfter weinen sah, wusste ich, dass etwas nicht stimmt», erzählt Messi.

Kleinwüchsigkeit verhinderte fast die Karriere

Die Diagnose der Ärzte bringt schliesslich Gewissheit: Der Junge mit dem Spitznamen «La Pulga», der Floh, leidet an einer seltenen Form von Kleinwüchsigkeit. Mit elf Jahren misst er knapp einen Meter vierzig. Die einzige Hilfe verspricht eine teure Hormontherapie. Die Kosten: 900 Dollar im Monat. Unerschwinglich für Vater Jorge Messi, einem einfachen Arbeiter der Mittelschicht. Zudem liegt die Wirtschaft in Argentinien am Boden. Wenige Monate später stürzt das Land Ende 2001 in den Staatsbankrott. Die Lage scheint aussichtslos. Zwar erkennen sowohl Newell’s Old Boys als auch River Plate das Talent des Knaben aus Rosario. Die enormen Kosten für die Behandlung wollen beide dennoch nicht übernehmen.

«Den will ich in meiner Mannschaft haben»

Am Boden zerstört, fasst Jorge Messi Mitte 2000 den Entschluss: «Ich kann nicht mehr. Den Kindern zuliebe müssen wir das Land verlassen.» Die Messis packen die Koffer und ziehen nach Spanien. Dort fällt der schmächtige Jüngling aus Argentinien bei einem Spiel Carlos Rexach auf. Der Jugendtrainer des FC Barcelona sagt sofort: «Den will ich in meiner Mannschaft haben.» Über Geld wird nicht gesprochen. Der Vereinsführung befiehlt Rexach: «Übernehmt die Kosten für die Behandlung, egal wie hoch sie sind.» Rund 60000 Euro investieren die Katalanen über die Jahre.

Beim FC Barcelona findet Messi das, was ihm in seiner Heimat verweigert wurde. Die Katalanen kümmern sich auch rührend um den zerbrechlichen Jungen. Sie geben ihm Kraft, die schmerzhafte Behandlung durchzustehen. Messi lässt sich nichts anmerken. Niemand soll wissen, wie sehr er unter den täglichen Injektionen leidet, die er sich selbst in beide Beine verabreicht. Die Tränen kommen, wenn er alleine in seinem Zimmer sitzt. «Ich habe sehr oft geweint», verrät Messi. Doch die Schinderei zahlt sich aus. Die Therapie schlägt an. Zentimeter um Zentimeter wächst Messi und reift auf dem Rasen des Camp Nou zum Superstar.

Kennt er die Nationalhymne?

Die Zeit des Leidens liegt mittlerweile hinter ihm. Heute bringt es Messi auf 1,69 Meter und kann wieder lachen. Die grösste Herausforderung seines Lebens hat er gemeistert. Eine weitere steht ihm bevor: die Herzen seiner Landsleute zu gewinnen. Paradoxerweise ist es seine Heimat, die dem Ausnahmeathleten am skeptischsten gegenübersteht. Am TV verfolgen die Fans am Rio de La Plata die Kunststücke, die Messi bei den Katalanen Woche für Woche vollbringt. Doch sobald er das Trikot der Albiceleste überstreift, wirkt Messi seltsam gehemmt. Er schone sich für Barcelona aus Angst vor Verletzungen, kritisieren manche. Böse Zungen behaupten gar, Messi kenne nicht einmal den Text der Nationalhymne.

Wie erdrückend die Erwartungen an den Weltfussballer sind, bekommt dieser täglich zu spüren. Die Antwort will der 22-Jährige auf dem Platz geben: «Die WM ist die perfekte Gelegenheit, es dem ganzen Land zu zeigen.» Mehr hat er zu dem Thema nicht zu sagen. Forsche Sprüche sind nicht seine Sache. Den Ton in der Mannschaft geben andere an. Allen voran Juan Sebastian Veron. Der 35-Jährige ist der verlängerte Arm von Nationaltrainer Diego Maradona. Er soll Messi den Rücken freihalten.

Maradonas Plan: Messi plus zehn

Maradonas Plan lautet: Messi plus zehn. Wenn wir Fussball spielen und unser Spiel läuft nicht über ihn, dann läuft etwas falsch», erklärt Maradona. In Südafrika will Argentiniens Fussball-Ikone eine kompakte, kampfstarke Einheit auf den Platz schicken, die Messi die nötigen Räume schafft, seine Raffinesse auszuspielen. Zudem tut Maradona alles, um im Kreis der Selección jene leistungsfördernde Nestwärme zu schaffen, die Messi in Barcelona spürt. «Messi ist besser, als ich es bei der WM 1986 war. Damals ging ich mit dem Ball voran und meine Mannschaftskameraden wuchsen an mir. Nun habe ich Messi gesagt, dass er dasselbe in Südafrika tun soll.»

Gonzalo Diaz packt derweil seine Sporttasche. In einem Verein ist er schon lange nicht mehr aktiv. Fussball spielt er nur noch am Wochenende mit Freunden. Er vertraut seinem prominenten Mitspieler aus Kindheitstagen: «Lionel wird seine Kritiker zum verstummen bringen.» Die Auftritte seines früheren Kameraden wird er im Fernsehen verfolgen. Bei der Arbeit in einem Lebensmittellabor. Nach der WM will er wieder an der Tür des Elternhauses von Lionel klingeln. Genauso wie vor fünf Jahren, als sich die beiden das letzte Mal trafen. Damals gratulierte Gonzalo Diaz Messi zum U20-WM-Titel.

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