Weltcupfinale Lenzerheide
Beim Showdown um die grosse Kristallkugel macht Marco Odermatt der Blick in die Geschichtsbücher Hoffnung

Bei den Frauen hilft Lara Gut-Behrami im Gesamtweltcup nur ein Scheitern von Gegnerin Petra Vlhova, bei den Männern gibt die Story des Norwegers Aksel Lund Svindal der Schweiz Zuversicht.

Rainer Sommerhalder
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Bedeutungsloser Teamevent am Freitag bei Kaiserwetter in Lenzerheide. Marco Odermatt sagt zum Programm: «Einzelrennen müssten stets Priorität haben».

Bedeutungsloser Teamevent am Freitag bei Kaiserwetter in Lenzerheide. Marco Odermatt sagt zum Programm: «Einzelrennen müssten stets Priorität haben».

Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone (Lenzerheide, 19. März 2021

Es wäre ketzerisch zu behaupten, der Schweizer Skisport habe beim Weltcupfinal in Lenzerheide einen Lauf. Die Realität sieht ziemlich gegenteilig aus. Zuerst fallen die vier Speedrennen aus, die Lara Gut-Behrami und Marco Odermatt im Kampf um die grosse Kristallkugel als Weltcup-Gesamtsieger in vorteilhafte Positionen hätten katapultieren sollen.

Dann zieht ausgerechnet Wendy Holdener den schwarzen Corona-Peter beim Durchtesten aller Beteiligter. Derweil sorgt eine Äusserung im kleinen Kreis über die Pistenpräparation für ein mediales Boulevard-Gewitter mit anschliessender Krisendiplomatie.

Und zu guter Letzt endet der erste Renntag der Woche nach vier Fahrten im Teamevent mit dem frühestmöglichen Scheitern im Viertelfinal gegen Schweden. Ein Blick auf die Lage vor den zwei letzten Weltcuptagen des Winters.

Nationenwertung: Schweiz schafft die Titelverteidigung

So viel zur Bedeutung des Teamwettkampfs: Obwohl die Schweiz im Viertelfinal ausscheidet und Konkurrent Österreich den kleinen Final gewinnt, verringern die Ösis den Rückstand gerade mal um 60 Punkte. Wenn Österreich in den verbleibenden vier Rennen durchgehend Vierfachsiege feiert und alle Schweizer ausscheiden, könnte der Sieg noch entgleiten.

Oder anders ausgedrückt: Die Schweiz gewinnt den Lieblingswettbewerb aller Verbandspräsidenten zum zweiten Mal in Serie und macht dabei bei exakt gleich vielen Rennen rund 1000 Punkte mehr als im Vorjahr.

Gesamtwertung Frauen: Ein Sieg und zwei Einfädler

Die abgesagten Speedrennen rauben dem Zweikampf zwischen Petra Vlhova und Lara Gut-Behrami jegliche Spannung. Wenn die Slowakin am Samstag in ihrer Paradedisziplin Slalom auf Rang 15 oder besser fährt, ist sie von der Schweizerin im sonntäglichen Riesenslalom nicht mehr einzuholen und sorgt in ihrer Heimat für eine sporthistorische Heldentat.

Einzig ihr doppeltes Ausscheiden und ein Riesensieg von Gut-Behrami können daran noch etwas ändern. Die schönste Geschichte des Finalwochenendes bei den Frauen schreibt derweil eine Vorfahrerin. Die Urnerin Aline Danioth wird nur 23 Wochen nach ihrem dritten Kreuzbandriss in Serie ein Comeback im Weltcup geben. Wenn auch noch ohne mitlaufende Zeit.

Gesamtwertung Männer: Der Blick zurück als Hoffnung

Lenzerheide im März 2007. Die ultraspannende Weltcup-Entscheidung zwischen dem Norweger Aksel Lund Svindal und dem Österreicher Benjamin Raich endet dramatisch. Vor den letzten zwei Rennen führt Raich mit drei Punkten Vorsprung.

Im Riesenslalom holt Svindal als Sieger 100 Punkte und sein Konkurrent scheidet aus. Im sonntäglichen Slalom schlägt Raich mit einem Sieg zurück. Svindal verliert fast vier Sekunden, holt aber als 15. den letzten Punkterang. Mit den gewonnen 16 Zählern überflügelt er Raich in der Gesamtwertung um mickrige 13 Pünktchen.

Marco Odermatt kennt die Geschichte. Er liegt 31 Punkte hinter Alexis Pinturault und sagt: «Ich müsste darauf hoffen, dass zehn Fahrer im Slalom ausscheiden, weil schlagen werde ich niemanden.» Ob er sich den Einsatz «antun» will, entscheidet er nach dem Riesenslalom.

Pistenpräparation: Die Kritik des Trainers und ein Sorry

Emotional am höchsten gingen die Wogen rund um die Rennabsagen. Der Schweizer Abfahrtstrainer Reto Nydegger sagte in einem Gespräch, das nicht für die mediale Ausschlachtung gedacht war, man hätte mit der Pistenpräparation früher beginnen müssen.

Sein Chef Walter Reusser entschuldigte sich noch am gleichen Abend für die «falschen Aussagen» beim OK. Am Tag darauf sagte Reusser, er habe die Tränen in den Augen der Freiwilligen gesehen, die Tage und Nächte lang versuchten, den Neuschneemassen Herr zu werden.

Die Entschuldigung sei ein Akt des Respekts gegenüber dem Veranstalter. Nydegger hatte übrigens vor drei Wochen selbst drei Tage lang mitgeholfen, die Piste für ein «Privattraining» des Schweizer Teams in Schuss zu bringen. Was den Schluss zulässt, dass er zumindest wusste, von was er redet.

Weltcupkalender: Gefordert werden gleich viele Rennen

Von Seiten der Athleten ging die Kritik weniger an die Organisatoren als an den Internationalen Skiverband. Diesmal sprach Lara Gut-Behrami durchaus im Namen vieler Fahrerinnen und Fahrern: «Es heisst Skiweltcup und nicht Slalomweltcup. Ich glaube nicht, dass die Skifans lieber Parallelrennen als Abfahrten in Kitzbühel und Wengen sehen wollen. Zu sagen, Änderungen seien zu kompliziert, sind Ausreden.»

Corona: Leider ein positives Schweizer Saisonfinale

Vier Coronafälle in einer Woche: Slalomfahrerin Mélanie Meillard in Are, Lara Gut-Beharmis Trainer Alejo Hervas bei einem Aufenthalt in seiner Heimat Spanien und nun Teamleaderin Wendy Holdener und Techniktrainer Klaus Mayrhofer beim zweiten Test in Lenzerheide, nachdem beide am Montag noch negativ anzeigten. Neben dem Schweizer Team war von gut 250 getesteten Personen nur noch ein italienischer Servicemann positiv. Auch in dieser Wertung holt die Schweiz den ersten Platz.

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