Wendy Holdener, nach der Zieldurchfahrt hat es zuerst so ausgesehen als ob Sie sich nicht freuen würden.

Wendy Holdener: Ja, ich habe es nicht genau gewusst. Ich musste zuerst schauen, auf welchem Platz ich gelandet bin, weil ich wusste ja, dass ich die letzte Starterin bin.

Als Sie es gesehen haben, haben Sie sich gefreut?

Ja, auf jeden Fall. Ich meine, 5 Hundertstel hätte ich überall finden können. Vor allem beim ersten Steilhang war ich nicht unbedingt locker und es hat auch sehr gewindet. Aber ich bin Zweite geworden. Und das obwohl es ein strenger und langer Tag gewesen ist - ich bin sehr zufrieden.

Ein gefühlter Sieg also?

Ja, hätte mir das jemand heute Morgen gesagt, hätte ich sofort unterschrieben. Ich fühle mich durchaus als Siegerin.

Können Sie beschreiben, wie Sie mit der Nervosität umgegangen sind?

Ich habe gut geschlafen, was ja nicht immer normal ist. Kaum aufgewacht, war ich schon extrem nervös und das ging eigentlich genauso weiter, bis ich ins Ziel des zweiten Laufs kam. Ich habe probiert, mich nur auf das Skifahren zu konzentrieren und ruhig zu bleiben, mal durchzuatmen. Auch die guten und schlechten Momente, was passieren kann oder was nicht - das ist immer wieder in meine Gedanken geschlichen.

War es dieses Mal gleich schwierig, nachdem das Slalomrennen verschoben wurde?

Ich hatte schon die gleiche Spannung. Aber diesmal wusste ich, dass ich die erste Hälfte gut gemacht habe, also habe ich mir gedacht, dass ich es einfach genauso weitermache. Es war sicher nicht einfach, das ist klar.

Was war dieses Mal anders?

Ich habe mich beim ersten Mal extrem wohl gefühlt. Jetzt wusste ich nicht so recht, wie ich wieder in das Gefühl reinkomme. Das hat mich natürlich nervös gemacht. Das habe ich auf dem oberen Streckenteil auch nicht ganz geschafft, aber am Ende war es positiv.

Was ist wichtiger: Silber in der Weltmeisterschaft oder die Silber-Medaille an Olympia?

Es ist schwierig zu sagen. Letztes Jahr war natürlich ein Riesenkessel, der übergelaufen ist. Heute ist es anders, es ist viel ruhiger. Olympia findet alle vier Jahre statt, also ist es etwas sehr Spezielles. Ich würde sagen, es waren beides einmalige Tage.

Sie haben nach der WM gesagt, es sei eine gute Erfahrung gewesen, um zu lernen, wie man mit dem Druck umgeht. Haben Sie zurückgeschaut, um sich zu erinnern, wie Sie es damals gemacht haben?

Ich hab mir hervorgerufen, dass ich schon öfter in meinem Leben bewiesen habe, dass ich mit Drucksituationen gut umgehen kann. Ich habe probiert, das alles mitzunehmen. Aber, ich habe es mir nicht nur heute gesagt, sondern schon vor ein paar Tagen, als die Nervosität angefangen hat. Ich habe mir einfach gedacht, dass ich es ein paar Mal gut gemacht habe, also würde es jetzt auch funktionieren.

Sie haben vorher von Übungen mit Ihrer Mental-Trainerin geredet. Dass sie Ihnen spezielle Übungen mitgegeben hat. Sie wollten es uns aber nicht verraten. Wie sieht es jetzt nach dem Rennen aus?

Es sind keine speziellen Übungen, sie helfen lediglich dabei, ruhig zu bleiben und durchzuatmen. Ich stelle mir dann Dinge oder Bilder vor, die mir dabei helfen, ruhig zu bleiben.

Was stellen Sie sich denn vor, wenn Sie sich etwas Schönes vorstellen müssen?

Das ist ein Insider von meiner Physio und mir. (lacht)

Das mit Südkorea, das ist schon eine Liebe, oder? Sie haben das Land bereits bereist und jetzt auch in sportlicher Hinsicht Erfolge gefeiert.

Ich fühle mich sehr wohl hier, es gab auch viele positive Momente in den letzten Wochen. Es ist aber sicherlich ein anderes Gefühl als in Sotschi.

Nimmt das Ihnen den Druck? Immerhin können Sie sich sicher fühlen, dass Sie eine Medaille mitnehmen. Hilft das?

Daheim habe ich mir gesagt, mein Ziel muss es sein, eine Medaille mitzunehmen – jetzt habe ich sie.  Ich habe noch zwei weitere Wettkämpfe. Da hoffe ich, dass ich Topleistungen bringen kann. Ich kann auf jeden Fall lockerer an die Sache gehen, das beflügelt mich.

Als der Slalom verschoben wurde, waren Sie recht enttäuscht. War das wegen der Anspannung?

Ich hatte einfach das Gefühl, dass in dem Moment alles perfekt war. Natürlich hatte ich Anspannung, aber das war eine positive Anspannung - ich wusste, was ich will. Der Lauf hat mir extrem gefallen, ich bin gut eingefahren – ich war bereit. Es verbraucht viel Energie, das gesteht man sich nur schwer ein. Ich war ziemlich kaputt und müde, und das schon am Mittag und dann dachte ich mir: «Nein… Es wäre alles so gut gewesen und jetzt muss ich irgendwie wieder probieren, die Energie zurückzuholen.» Das war im ersten Moment schade, aber naja. Im Endeffekt ist es ja eine gute Übung gewesen.

Hatten Sie dieses Mal ein ähnliches Gefühl wie damals?

Ich war viel nervöser, aber zum Glück ist es gut ausgegangen.

Beim ersten Lauf hat die Meldung die Runde gemacht, dass Mikaela Shiffrin angeschlagen ist – haben Sie davon etwas mitbekommen? Ist sie nicht fit?

Was heisst nicht fit? Unsere Zustände sind vielleicht auch nicht gut, wenn man so nervös ist. Ich habe zwar was mitbekommen, weiss aber nicht genau, ob sie erbrechen musste. Ich weiss nicht, ob das was Körperliches ist oder die Nervosität. Anscheinend ist es bei Henrik Kristoffersen ja auch immer so. Es ist schwierig zu sagen, ich habe nicht mit ihr geredet. Ich weiss nicht, wie es ihr geht. Aber unter dem Strich ist klar, dass heute alle nervös waren.

Von denen, die auf dem Podest stehen, waren Sie diejenige, die am meisten mit Windböen zu kämpfen hatte. Was haben Sie da gedacht?

Ich habe gedacht, dass ich nicht viel zu entscheiden habe, ich musste einfach immer weiter machen, immer nach vorne.

Aber gemerkt, haben Sie den Wind durchaus, oder?

Klar habe ich gemerkt, dass es sehr gewindet hat, ich bin nicht so gut ins Fahren gekommen und der Wind hat es auch nicht wirklich leichter gemacht - aber alles gut.

(Aufgezeichnet: mpr)