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Wie zwei Töffstars zu ihren Wurzeln zurückgekehrt sind

Erfreuliche Töff-Halbzeitbilanz vor dem GP von Deutschland: Tom Lüthi (30) kann zum zweiten Mal Weltmeister werden und Dominique Aegerter (26) ist wieder gut genug für einen Podestplatz

Klaus Zaugg
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Tom Lüthi (rechts) kämpft um den WM-Titel, während sich Dominique Aegerter von seiner Vergangenheit löst und seine Rolle geniesst.

Tom Lüthi (rechts) kämpft um den WM-Titel, während sich Dominique Aegerter von seiner Vergangenheit löst und seine Rolle geniesst.

Keystone

Tom Lüthi hat die beste erste Saisonhälfte seiner Karriere hinter sich. Diese Einschätzung bestätigen die Resultate nach 9 von 18 Rennen am Vorabend zum GP von Deutschland auf dem Sachsenring. Als Einziger hat er in allen acht Saisonrennen gepunktet, und siebenmal stand er auf dem Podest. Am Freitag hat er am ersten Trainingstag Bestzeit erzielt. So aggressiv, schnell und konstant fuhr der Emmentaler nicht einmal in seiner Titelsaison von 2005 (125 ccm).Der Rückstand auf WM-Leader Franco Morbidelli beträgt bloss 12 Punkte. Lüthi kann Weltmeister werden.

Die Trennung von Fabienne Kropf als Rückkehr zu den Wurzeln

Warum ist das so? Salopp formuliert: Glanz und Gloria auf und nicht mehr neben der Piste. Tom Lüthi ist zwar nie Starallüren verfallen. Und doch musste er sich von einer mehrjährigen «Glanz und Gloria»-Phase lösen. Die langjährige Beziehung mit der flamboyanten Fabienne Kropf, der heutigen Frau von Mark Streit, sorgte für einen Hauch von Glamour, Glanz und Gloria. Und er zog auch von Linden weg. Ins Tal hinunter nach Oberdiessbach, mit etwas mehr als 3000 Einwohnern doppelt so gross.

Fabienne Kropf, als sie 2011 während eines Rennens von Tom Lühti in der Box bangt.

Fabienne Kropf, als sie 2011 während eines Rennens von Tom Lühti in der Box bangt.

Keystone

Nun ist Tom Lüthi zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Er wohnt wieder in Linden. Und er ist mit sich selbst und der Welt im Reinen. So ruhig, zufrieden, entspannt und so gut war er noch nie. Er sagt: «Ich fühle mich rundum wohl.» Sein Entdecker, Manager und langjähriger Freund Daniel M. Epp sagt, im Rennsport passiere sehr viel im Kopf: «Tom versteht es inzwischen, sich im entscheidenden Moment hundertprozentig zu konzentrieren und jeden störenden Faktor auszublenden.» Noch vor einem Jahr war das nicht in diesem ausgeprägten Masse der Fall. Die Unsicherheit in der Zukunftsplanung – ein Wechsel zu KTM wäre möglich gewesen – brachte ihn bei Saisonhalbzeit aus dem Konzept. Zwei Stürze, in Assen und auf dem Sachsenring, kosteten ihn letztlich den WM-Titel.

«Einfach frei erfunden»

Inzwischen lässt er sich auch nicht mehr durch die für dieses Geschäft so typischen Mutmassungen aus der Ruhe bringen, die spätestens im Juni ins Kraut schiessen. In Italien ist das Gerücht gestreut worden, ein Aufstieg in die MotoGP-Klasse könnte nächste Saison im Honda-Team von Lucio Cecchinello möglich sein. «Das ist ganz einfach frei erfunden» sagt sein Manager Daniel M. Epp. «Ich bin regelmässig mit den Leuten von Honda und Lucio Cecchinello in Kontakt, das Fahrerlager ist ja wie ein Dorf. Aber wir haben nie auch nur ein Wort über eine solche Möglichkeit verloren, ja nicht einmal daran gedacht. Dazu kommt, dass wir mit dem bestehenden Team einen Zweijahresvertrag haben, der noch nächste Saison gilt, und wir pflegen Verträge einzuhalten.»

Daniel M. Epp «Das ist ganz einfach frei erfunden.»

Daniel M. Epp «Das ist ganz einfach frei erfunden.»

Keystone

Ein Wechsel in die «Königsklasse» ist also frühestens für 2019 möglich. Daniel M. Epp bestreitet hingegen nicht, dass die MotoGP-Klasse nach wie vor das Ziel sei. «Er will dort unbedingt hin. Aber wir haben genug Zeit.» Tom Lüthi wird im September 31. Mit ein bisschen Glück hat er noch fünf, sechs gute Jahre vor sich und im Idealfall krönt er seine Karriere zum Abschluss mit zwei Jahren in der MotoGP.

Vom Sieg emanzipiert

Dominique Aegerters Halbzeitbilanz sieht am Vorabend zum GP von Deutschland auf dem Sachsenring nicht ganz so gut aus – und doch ist er besser, als es die Situation bei Halbzeit (8. WM-Zwischenrang, 98 Punkte Rückstand) vermuten liesse. Hier hat er 2014 seinen bisher einzigen GP gewonnen – und nach der anschliessenden «Zwangsehe» mit Tom Lüthi im gleichen Team den inneren und manchmal auch den äusseren Frieden verloren. Nun ist er, ganz ähnlich wie sein Rivale, zu den Ursprüngen zurückgekehrt. Wie zuletzt 2014 fährt er wieder in einem Team, das sich ganz auf ihn ausrichtet. Die Deutschen Stefan und Jochen Kiefer haben zwar nicht die gleichen finanziellen Möglichkeiten wie die Teams von Tom Lüthi oder von Franco Morbidelli. Und die Rückkehr zum Schweizer Töffhersteller Eskil Suter, der 2014 aus und nun wieder eingestiegen ist, brachte technisch bisher keine Vorteile, aber eine Beruhigung der Situation.

Dominique Aegerter schöpft Energie aus seiner Rolle als Aussenseiter.

Dominique Aegerter schöpft Energie aus seiner Rolle als Aussenseiter.

KEYSTONE/EPA/PAUL BUCK

Dominique Aegerters Sieg von 2014 ist nun Vergangenheit. Er hat sich im Laufe dieser ersten Saisonhälfte endlich von diesem Triumph emanzipiert und schöpft Energie aus seiner Rolle als Aussenseiter und Rock ’n’ Roller, in der er sich wohlfühlt. Am Freitag hat er den ersten Trainingstag auf dem 9. Rang beendet. Er ist bald wieder gut genug für einen Podestplatz. Die beiden Schweizer Töffstars sind zu ihren Ursprüngen zurückgekehrt – das ist das Merkmal dieser ersten Saisonhälfte.

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